Ein Sommernachtskrieg

von Ralph Gambihler

Dresden, 13. September 2013. Dryden? Und Purcell? Zum 100. Geburtstag? – Auf den ersten Blick ist man irritiert und fragt sich, was diese 1691 uraufgeführte und ziemlich nationalistisch anmutende Halboper aus dem britischen Hochbarock mit der Eröffnung des Dresdner Schauspielhauses vor genau 100 Jahren zu tun hat. Ach ja! Der eine der zwei königlichen Recken, die sich in diesem Stück zuerst ganz grundsätzlich und dann insbesondere wegen einer Frau bekriegen, ist Sachse. Aber kann es das gewesen sein?

In der Geschichte Dresdens verankert

Nein, natürlich nicht. Das Staatsschauspiel hat bessere Gründe, das große Jubiläum (und zugleich den Auftakt der neuen Spielzeit) mit "King Arthur" zu bestreiten. Einer davon ist die Stadthistorie, die durch den 13. Februar 1945, den Tag der Bombardierung Dresdens, traumatisch mit der britischen Geschichte verbunden ist. Zum zweiten verweist man mit der Stückwahl auf die ureigene Geschichte des 1913 eingeweihten und 1945 stark zerstörten Gebäudes an der Ostra-Allee. Oper, Schauspiel, Ballett und Staatskapelle waren in ihm ab 1948 gemeinsam untergebracht. Erst mit der Wiedereröffnung der Semperoper Mitte der 1980er Jahre hatte das Sprechtheater die Spielstätte wieder ganz für sich allein. Der Zwitter aus Singspiel- und Schauspiel erinnert an die gemeinsamen Jahrzehnte.

arthur1 560 david baltzer uKönig auf mythischem Grund: Matthias Reichwald als King Arthur © David Baltzer

So kommt es, dass auf der Bühne nun Sachsen gegen Angelsachsen kämpfen. Das ist schon deshalb ein eher schwieriges Duell, weil Hofdichter John Dryden alles andere als unparteiisch war, sondern mit dem Libretto vielmehr seinen (während der Entstehung allerdings wechselnden) Herrschern zu huldigen hatte. Ohne Glorienschein konnte er nicht, ohne Selbstzensur auch nicht. Die Bescherung sieht man auf der Figurenebene: Der britische Held, König Arthur, der mit dem berühmten Ritter der Tafelrunde nur den Namen teilt, ist ein Bild von Kampfkraft und Edelmut. Dem rivalisierenden Sachsenkönig Oswald von Kent hingegen gab Dryden barbarische Züge. Die Rollenverteilung ist tendenziös von Anfang an. Man nennt das Nationaloper.

Behaglichkeit und Luftigkeit

Hausregisseur Tilmann Köhler juckt dergleichen allerdings wenig. Zwischen Prolog und Epilog – beides hat Armin Petras für Dresden aktualisierend überarbeitet ("Dieser Staat macht schon genug Salat / bald ist der ganze Schrott bankrott ") – zelebriert Köhler lieber eine märchenhafte Geschichte über Krieg, Liebe und Illusionen und nebenbei eine Hommage an die Gattung der Semioper. Karoly Risz hat ihm dazu eine völlig offene, unmöblierte Bühne entworfen. Gekämpft und gelitten wird auf einer schwarzen Spielfläche, die nach hinten spitzwinklig zusammenläuft und keinerlei Deckung bietet. Aus dem Schnürboden hängen sehr bald lange Stoffbahnen in einem seidig schimmernden Kupferton herab. Etwas trügerisch Elegantes schwebt damit im Raum, eine fragliche Behaglichkeit und Luftigkeit, die den dunkelschweren Boden kontrapunktisch zu überflattern scheint.

Überhaupt geht es viel um Gaukelei an diesem Abend, der immer wieder das Sichtbare als Täuschung hinterfragt. Die zwei Könige, die nur im ersten von fünf Akten um ihr Reich und dann um die blinde Emmeline (eine zarte Schöne: Yohanna Schwertfeger) kämpfen, sind von allerlei Zauber- und Fabelwesen umgeben, die alle danach trachten, ihren Herren insgeheim die Wege zu ebnen. Manipulation und Zauberei sind im Grunde die schärfsten, aber auch unsichersten Waffen in dieser Fantasie eines Sommernachtskrieges. Mit von der Partie: der große Zampano Merlin (ein bedächtiger Zauberer: Albrecht Goette), der mit langem Rauschebart wie der liebe Gott persönlich einschwebt; der Luftgeist Philidel (oberquirlig: Sonja Beißwenger), dem die Dinge immer irgendwie entgleiten; außerdem der Erdgeist Grimbald (ein Baum von einem Mann: Peter Lobert), dessen polternder Ingrimm der Inszenierung manchen Glanzpunkt aufsetzt.

arthur3 560 david baltzer uVerführung als Kriegslist: Matthias Reichwald als King Arthur wird von falschen Freunden und
Sirenen umschmeichelt © David Baltzer

Darstellerisch steht der Abend auf sicherem Grund. Matthias Reichwald glaubt man seinen König Arthus, einen erst strahlenden, dann sichtlich verunsicherten Kriegerheld, aufs Wort. Christian Erdmann überzeugt nicht weniger mit seinem ungehobelten bis lässigen, bald auch rettungslos liebeskranken Sachsenkönig Oswald. Ganz allgemein sitzen sie sicher auf den Versen in Dresden und verströmen dabei jene dampfende Körperlichkeit, die man aus anderen Regiearbeiten Tilmann Köhlers kennt.

Traumhafte Musik und viel Fantasterei

Vor allem aber lebt der Abend von Musik, dieser immer wieder traumschön anhebenden Komposition, die der zu früh gestorbene Henry Purcell schon mit Anfang 30 komponierte. Das Merkwürdige daran ist, dass der höfische Glanz und Schmelz dieser Musik, virtuos und mit leuchtender Phrasierung vorgetragen von dem in Prag beheimateten Collegium 1704, die Handlung nicht etwa untermalt oder dramatisiert, sondern mehr oder weniger frei flottierend umspielt und umplätschert, sodass mehr der Eindruck einer Moritat mit musikalischen Intermezzi entsteht. Und ja: Selten hört sich der Krieg so schön an.

Letztlich flicht Tilmann Köhler dieser Semiopera einen schönen und handwerklich gediegenen Kranz ohne Fingerzeige, Aktualisierungen oder Kontextüberblendungen. Er entopert auch nichts, eher schwelgt er in der Gattung. Und so geht "King Arthur" bruchlos über die Bühne, bis auf den letzten Akt, dessen patriotisches Dröhnen dann doch mit Ironie übergossen wird, bevor schließlich alles in einer überraschenden Variation endet. Gewiss: Man muss diesen Abend nicht mögen. Er hat viel Fantasterei. Zumal er, so dienend und konventionell, wie er gearbeitet ist, gnadenlos die Schwachstellen der Vorlage offen legt, all die Schlichtheiten und Länglichkeiten des Dryden-Librettos. In sich aber ist er schlüssig und stimmig gemacht.


King Arthur
Semiopera von John Dryden und Henry Purcell
Deutsch von Renate und Wolfgang Wiens
Prolog und Epilog in einer Bearbeitung von Armin Petras 
Regie: Tilmann Köhler, Orchester: Collegium 1704, musikalische Leitung: Felice Venanzoni, Chor: Sinfoniechor Dresden (Semperoper), Chorleitung: Christiane Büttig, Bühne: Karoly Risz, Kostüm: Susanne Uhl, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Felicitas Zürcher, Valeska Stern.
Mit: Matthias Reichwald, Albrecht Goette, Holger Hübner, André Kaczmarczyk, Hagen Matzeit, Matthias Rexroth, Christian Erdmann, Benjamin Pauquet, Yohanna Schwertfeger, Nadja Mchantaf, Sonja Beißwenger, Peter Lobert, Romy Petrick, Arantza Ezenarro, Norma Nahoun, Simeon Esper, Aaron Pegram, Ilhun Jung, Julian Arsenault.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause
Koproduktion des Staatsschauspiels Dresden und der Semperoper Dresden

www.collegium1704.com
www.semperoper.de
www.staatsschauspiel-dresden.de

 
Mehr zu Henry Purcell auf deutschsprachigen Theaterbühnen: King Arthur lief 2012 in Aachen (Regie: Albrecht Hirche), Ars Moriendi im Anschluss an Purcells "Funeral Music for Queen Mary" 2010 in Berlin (Regie: Anna-Sophie Mahler/CapriConnection), Dido und Aeneas 2007 beim Berliner Theatertreffen (Regie: Sebastian Nübling).

Mehr zum 100. Geburtstag des Dresdner Schauspielhauses: Die Rede, die Lea Ruckpaul und Albrecht Goette zum 100. Geburtstag ihres Spielhauses hielten, finden Sie hier.

Kritikenrundschau

"Sachsen und Engländer - man könnte da leicht an das durch die Bombennacht traumatisierte Verhältnis der Dresdner zu den Briten denken. Doch davon keine Spur", schreibt Simone Kaempf in der taz (16.9.2013). Tilmann Köhlers Inszenierung ziele vor allem aufs Geschlechterpsychogramm ab. "Die Männer sind eine polternd marodierende Horde, die kalauernd Gewalt ausübt. Die Frauen bleiben zur Passivität verdammt oder treiben als Elfen und Luftgeister ihr Unwesen und versuchen mit Zauberkräften zu manipulieren." Das Bühnenarrangement wirke zeitlos, "und doch hat Theater hier seine spezielle Gegenwärtigkeit." Wie diese kriegs- und liebestollen Männer von den Schauspielern Christian Erdmann und Matthias Reichwald immer ein wenig ironisch gespielt würden, das wirke ganz aus dem Hier und Jetzt geboren. "Ungebrochen mag man diese Herrscherfiguren nicht zeigen. Sei's drum, dass manche Szene in Ironie untergeht." Beatmet werde das Ganze durch die Musik. Fazit: "Für den Geburtstag ein würdiger Abend, auch wenn er nur antickt, was Intendant Wilfried Schulz, der das Theater seit 2009 leitet, zum Bestehen formuliert: 'Wir spüren, dass Real- und Theatergeschichte miteinander spielen.'"

"Regisseur Tilmann Köhler verrannte sich auf der Flucht vor barockem Pathos immer wieder in Klamauk, dann nahmen ihm auch noch die Schauspieler das Heft aus der Hand und improvisierten einen Wettkampf von Sprechtheater gegen Oper", beobachtet Helmut Mauró in der Süddeutschen Zeitung (16.9.2013). Grundsätzlich könnte dieser Theaterzwilling eine charmante Erweiterung des Theater- und des Opernerlebnisses sein, meint der Rezensent, aber die sanften Übergänge gelängen hier kaum. "Dabei hat die kein Komponist zärtlicher gezeichnet als Purcell." Stattdessen gebe es: "Hüpfburgtheater, trotz intelligenter Details meist großes Gehampel". Außerdem: "starke Schauspieler und überzeugende Sänger, auch schwächelnde".

Tomas Petzold würdigt in den Dresdner Neuesten Nachrichten (16.9.2013) zunächst ausgiebig die Festveranstaltung vor der Aufführung, in der Intendant Wilfried Schulz das Staatsschauspiel als "Ort, der niemandem gehöre und zugleich allen, an dem die Welt als veränderbar, die Geschichte als gestaltbar erscheint", definiert habe. Köhlers Inszenierung liest der Kritiker in diesem Kontext. Sie "bestach" für ihn "nicht allein durch ihre formale Eigenart und musikalische Glanzlichter, sondern durch eine kongeniale Interpretation, die sie zu einer höchst gegenwärtigen Kostbarkeit macht". Diese liege in der "Art, wie hier jeglichem Fundamentalismus abgeschworen wurde."

Es sei ein "Fest der Stimmen", schreibt Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (16.9.2013) und im Ensemblespiel "stehlen die Frauen den Männern die Show". Der Abend habe "fantasievolle und glänzende Einzelszenen, herrlich skurrile Momente, pendelt zwischen Anti-Kriegsstück und Liebes-Bacchanal, aber ihm fehlt ein starkes Zentrum". Dass sich das Finale märchenmäßig vollends in "Wohlgefallen, Feuerwerk und holden Klängen" auflöse, verhindere Köhlers Regie. Die bürste Purcells Semioper "kräftig gegen den Strich, betont eindringlich die Brutalität des Krieges, den Missbrauch der Frauen". Zugleich müsse Köhler aber auch den "Charakter der Partitur bedienen, was zu Längen und häufiger Unausgewogenheit" führe.

"Es barockte mächtig, wollte aber streckenweise nicht so richtig 'rocken'", berichtet eine mit dem Kürzel J.S. (Jörg Schneider) gezeichnete Kritik in der Dresdner Morgenpost (16.9.2013). Das Spiel verharre "weitgehend im Konventionellen". Der Abend lebe vor allem von Purcells Musik, die vom Collegium 1704 her "luftig leicht aus dem Graben schwebt".

 

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