Sehnsuchtsvarieté im engen Heim

von Stefan Schmidt

Saarbrücken, 14. September 2013. Jimmy Porter ist alt geworden. Im Saarländischen Staatstheater sieht man das auf den ersten Blick: Andreas Anke gibt den ehedem jungen aggressiven Mann aus John Osbornes "Blick zurück im Zorn" und macht sich erst gar keine Mühe zu verbergen, dass er mittlerweile vier Jahrzehnte lang Teil jenes gesellschaftlichen Schneckenrennens ist, gegen das er auf der Bühne zweieinhalb Stunden lang in der Rolle des Nachwuchsrevoluzzers ankämpft.

Die Wut des Establishments

Wobei: Auch das Leben hat sich natürlich verändert, seit der Heißsporn Jimmy Porter Mitte der 1950er Jahre zum ersten Mal dagegen rebelliert hat. Die Wut, auf die bei Osborne noch die Jungs aus der Arbeiterklasse ein Monopol hatten, ist inzwischen genauso verbürgerlicht wie alles andere: Was hätte Jimmy Porter wohl dazu gesagt, wenn seine Ehefrau aus gutem Hause, Alison, gegen Stuttgart 21 demonstriert hätte statt seine Unterwäsche zu bügeln? Und was, wenn sie eine Kanzlerin wiedergewählt hätte, die verspricht, dass mit ihr alles bleibt, wie es ist?

Fragen, denen sich Regisseur Martin Nimz gar nicht erst stellt, weil er sie vor dem Hintergrund vergleichsweise strenger aufführungsrechtlicher Vorgaben wohl auch gar nicht beantworten könnte. Stattdessen konzentriert er sich auf die (selbst-)zerstörerischen Dynamiken zwischen den Figuren, nimmt den einen oder anderen Ausflug in den (theater-)historischen Museumsshop billigend in Kauf und legt eine Zerstörungswut frei, die mehr über menschliche Beziehungen erzählt als über soziale Milieus.

Arbeiter-Mann und Bürger-Frau

Wo der Text manchmal allzu penetrant die Befindlichkeiten der britischen Klassengesellschaft von vor knapp 60 Jahren ausbuchstabiert, setzt die Saarbrücker Inszenierung auf zeitlos berührende Bilder: Als Alison erfährt, dass sie schwanger ist, und Angst vor der Reaktion ihres leicht reizbaren Machomannes hat, stellt sie sich in einem transparenten weißen Regenmantel unter ein Förderband am Bühnenrand und bettelt um Massen an Erde, die sie schließlich lebendig zu begraben scheinen.

In einer Parallelszene wird sich später Jimmy schreiend von matschigen Dreckklumpen überschütten lassen: Der vermeintliche Frauenhasser ist erstaunlich abhängig von der Wertschätzung seiner bürgerlichen Partnerin und fühlt sich verraten, als Alison zu ihren Eltern zurückkehrt, um sich und ihr ungeborenes Kind nicht einem prollig intellektuellen, destruktiven, latent gewalttätigen Provokateur auszusetzen, der trotz eines abgeschlossenen Studiums seinen Lebensunterhalt mit einem Bonbonstand verdient.

blickzurueckimzorn01 560 bjoern hickmann stage picture hAls wir noch zornig waren: Robert Prinzler (Cliff) und Andreas Anke (Jimmy)
© Björn Hickmann / Stage Picture

Dabei will Jimmy eigentlich nur spielen: mit seinem Freund Cliff etwa, der gleichzeitig Mitbewohner des zukunftslosen Paares ist. Alle drei (in trefflich geschmacklosen Outfits von Kostümbildnerin Jutta Kreischer) verbindet eine regressiv erotische Anziehung; alle drei scheinen nicht mit und nicht ohne einander zu können.

Die Arbeiterjungs haben noch einen Rest von Visionen, Erinnerungen an Kinderträume von einem anderen Leben da draußen, außerhalb der Enge ihrer kleinen Wohnung. Und so erlaubt der Regisseur Jimmy und Cliff eine kleine Revueeinlage zur Titelmelodie von "Pinky and the Brain", einer US-Zeichentrickserie von Steven Spielberg um zwei Labormäuse, die am liebsten Herren die Welt wären – was natürlich trotz immer neuer Volten zum Scheitern verurteilt ist. Gefeiert wird ihr Wille zum Überleben in einer feindlich Umgebung dennoch.

Zum großen Finale ihrer Nummer schießen Jimmy und Cliff munter mit zwei Konfettikanonen glitzernde Silberfolienschnipsel ins Publikum: ein Sehnsuchtsvarieté in der Versuchsanordnung des Lebens. So etwas wie Glück ist nur möglich in Momenten der Flucht aus der feindlichen Erwachsenenwelt. Alison und Jimmy sind sich nie so nahe, wie wenn sie Bär und Eichhörnchen spielen – plüschige Kostüme und anzügliche Bemerkungen ("Der Bär ist in meiner Höhle") inklusive.

Reagenzglas menschlicher Gefühlswelten

Die Bühne von Achim Naumann d'Alnoncourt ist der ideale, genial gebaute Ort für solche Beziehungsexperimente: Das Innere ist karg, eingerichtet mit ein paar Plastikgartenmöbeln, die ihren natürlichen Platz auf der kleinen Veranda haben – einem Rückzugsraum, der gar keiner ist, weil er durch große Fenster beobachtbar und durch ein Mikrofon abhörbar ist. Hier ist jeder allem zu jeder Zeit ausgesetzt. Selbst die quietschenden Geräusche des obligatorischen Bügelbretts, an dem die lethargische Alison den größten Teil ihrer Zeit verbringt, werden – elektronisch verstärkt – zu einem demonstrativ provokanten Nervenräuber.

blickzurueckimzorn15 560 bjoern hickmann stage picture hZerrüttende Beziehungsexperimente: Robert Prinzler (Cliff) und Dorothea Lata (Alison), hinten: Yevgenia Korolov (Helena) und Andreas Anke (Jimmy) © Björn Hickmann / Stage Picture

Von außen werden in dieses Reagenzglas menschlicher Gefühlswelten nur hin und wieder Katalysatoren oder wahlweise Oxidationsmittel hinzugegeben: Vom Förderband platschen Zeitungen genauso wie Regen, und über eine mittels Kamera bewachte Schleuse können den Bewohnern im Labor Erinnerungen an die Vergangenheit, Nachrichten der Verwandt- oder Bekanntschaft und sogar andere menschliche Wesen zugeführt werden. Zum Beispiel Alisons alte Freundin Helena, die das Versuchsgemisch dieser Ehe zwischen ungleichen Partnern zur Explosion bringt.

Männer als Kraftzentrum

Staatstheater-Neuzugang Yevgenia Korolov stellt in dieser Rolle ihre Wandelbarkeit unter Beweis: Als elegant-souveräne City-Lady tritt sie auf, und nach einem kurzen Gastspiel als Jimmys verlotterte Liebhaberin am Bügelbrett geht sie als moralisch gebrochene Frau wieder ab. Auch sie lässt sich von der Grobheit des gebildeten Proleten faszinieren, aber sie hat ihm etwas entgegenzusetzen. Auch darstellerisch. Ensemblekollegin Dorothea Lata gelingt es dagegen weitaus weniger, die Spannung aufzubauen, die nötig wäre, um Alison nicht nur einseitig als dauerleidende Phlegmatikerin wahrzunehmen. Spuren, die der Regisseur gelegt hat, um die Tiefe dieser Figur auszuloten, verlieren sich so im Kleinen.

So werden der körperlich ungemein präsente, mimisch differenziert ausdrucksstarke Andreas Anke und der energetische Robert Prinzler (auch ein Staatstheater-Neuling) als Cliff zum Kraftzentrum der Inszenierung. Sie beweisen, dass der Zorn, den das Produktionsteam in riesigen roten Großbuchstaben protzig wie ein Werbeversprechen über die Bühne gehängt hat, nicht nur eine Showeinlage aus alter Zeit ist. Mit ihrer Hilfe gelingt es Regisseur Martin Nimz, seine Vorlage gehörig zu entstauben. Vollständig entrümpeln konnte er sie nicht.


Blick zurück im Zorn
von John Osborne
Deutsch von Helmar Harald Fischer
Regie: Martin Nimz, Bühne: Achim Naumann d'Alnoncourt, Kostüme: Jutta Kreischer, Dramaturgie: Nicola Käppeler.
Mit: Andreas Anke, Marcel Bausch, Yevgenia Korolov, Dorothea Lata, Robert Prinzler.
Dauer: 2 Stunden 25 Minuten, eine Pause

www.theater-saarbruecken.de

Mehr aus der britischen Nachkriegsklassik: Eward Bonds Sozialdrama Gerettet läuft regelmäßig, etwa 2010 an der Berliner Schaubühne (Regie: Benedict Andrews), 2009 in Karlsruhe (Regie: Robert Besta) oder 2007 am Hamburger Thalia Theater (Regie: Jette Steckel).


Kritikenrundschau

Der Hauptdarsteller Andreas Anke sei "deutlich zu alt" für seine Figur, findet Cathrin Elss-Seringhaus in der Saarbrücker Zeitung (16.9.2013). Anke gebe den plakativen Kotzbrocken. "Willkommen bei 'Ekel Alfred'? Nein, der Humor- und Spaßfaktor entfällt." Zudem habe die "modisch aufgerissene" Bühnen-Installation von Achim Naumann d'Alancourt mit Milieu nichts am Hut. "'Zorn' steht über der Szene, nicht eben originell." Martin Nimz' Zugriff auf den Osborne-Stoff bleibe im Psychogramm eines destruktiven Charakters stecken – und gerate in Schräglage. Auch gelegentliche Brüche der Zeit- und Illusions-Ebene führten zu Nichts.

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