Aus dem Jenseits der Erzählung

von Regine Müller

Bochum, 14. September 2013. Als "Musik mit Bildern" hat Helmut Lachenmann sein bislang einziges Musiktheater-Werk "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" nicht ohne List untertitelt. Mit einer traditionellen Oper hat Lachenmanns epochales Opus nach Texten von Hans Christian Andersen, Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci tatsächlich wenig gemein, denn weder erzählt Lachenmann Andersens Märchengeschichte, noch illustriert er die einmontierten, ohnehin durch Störgeräusche und in ihre Phoneme zerlegten Texte. An eine "Art zu begehender Landschaft" und "metereologische Situation" habe er beim Schreiben gedacht, gab er jüngst zu Protokoll, und dass sich bislang seine Regisseure immer beschwert hätten, ihnen bliebe angesichts der sinnlich assoziativen Dichte seiner Komposition wenig zu tun.

Anatomisches Musiktheater

Im vergangenen Jahr hat David Hermann an der Deutschen Oper Berlin sein Heil in einem detailreich konkreten Setting gesucht und Andersens Märchengeschichte – die auch bei Lachenmann schon bestenfalls noch als Folie zu verstehen ist – mit einer neuen, wiederum auch nur angedeuteten Handlung konterkariert. Der gigantische Musikerapparat saß in Berlin gut sichtbar auf der Bühne, auf dem überbauten Orchestergraben und im Zuschauerraum, Lachenmanns Geräuschmusik mit ihren komplizierten Spieltechniken wurde so selbst quasi zum eigentlichen Hauptprotagonisten auf der Bühne.

maedchen md schwefelhoelzern 4 560 quer lucie jansch u© Lucie Jansch

In der Bochumer Jahrhunderthalle tut Robert Wilson nun das genaue Gegenteil von Hermann, indem er das musikalische Geschehen gänzlich unsichtbar macht und sogar die Gesangssolisten von der Bühne verbannt. Wie in einem anatomischen Theater blickt man in Bochum von steilen Rängen auf eine quadratische Bühne, die Musiker des hr-Sinfonieorchesters, die Choristen von ChorWerk Ruhr und die Solisten sind hoch oben hinter den Zuschauern platziert, einmal rund um das ganze Auditorium, und halten via Monitoren Kontakt mit dem Dirigenten Emilio Pomàrico.

Rätselhafte Eiseskälte

Fast so unsichtbar wie im verdeckten Bayreuther Orchestergraben, entwickelt sich ein unglaublicher, von Lachenmann wohl ursprünglich so gedachter Surround-Sound, der die Fragilität, das Sirrende, die Spröde, aber auch die teils an Naturgeräusche erinnernde Tonsprache in ihrer ganzen Komplexität transparent auffächert. Mühelos und spielerisch scheinen die instrumentalen und sängerischen Höchstschwierigkeiten das rätselhafte Geschehen auf der Bühne zu umspülen, und doch bewahrt die Musik ganz selbstverständlich ihre völlige Autonomie, jenseits jeder Form von Narration.

Die hatte der Pfarrerssohn Lachenmann, der in der Nachbarschaft der Pfarrerstochter Ensslin aufwuchs ja auch nie beabsichtigt. Wohl aber den motivischen Verweis vom in der Kälte einer Neujahrsnacht erfrorenen Mädchen; auf das "Verrecken" an gesellschaftlicher Gleichgültigkeit, wie es ein Brief von Gudrun Ensslin thematisiert. Lachenmanns Musiktheater konkretisiert nicht, sondern verdichtet Zustände, Dynamiken, Temperaturen. Vorzugsweise Eiseskälte. 

Es musste aber wohl erst der dem Zen-Denken zugeneigte Texaner Robert Wilson kommen, um Lachenmann so radikal ernst zu nehmen, indem er ihm etwas völlig Eigenständiges entgegen setzt. Nicht umsonst steht Wilson im Programmheft als gleichberechtigter Schöpfer gleich neben Lachenmann. Denn Wilson seziert in seinem anatomischen Theater weder Andersens Märchen noch Gudrun Ensslins im Hochsicherheitstrakt entstandene Brief-Texte oder Leonardos abgründige Phantasien. Wilson zeigt einen verstörend perfekt arrangierten Reigen seiner gewohnt magischen Bilder, die einen Rahmen bilden um eine Zeitlupen-Performance, die sich aus einem ungeklärt bleibenden Spannungsverhältnis einer offenbar fatalen Zweierkonstellation speist.

maedchen md schwefelhoelzern 2 280 hoch lucie jansch uRobert Wilson und Angela Winkler © Lucie Jansch

Energiegeladene Präzision

Wilson selbst gibt, mit imposant abweisender Präsenz im schwarzen Glitzeranzug die dämonische Figur, während die alterslose Angela Winkler mit Sturmfrisur im weißen Hängerkleidchen das personifizierte Hören, die zitternd bebende Durchlässigkeit verkörpert. Mit scheuen, verhuschten Bewegungen reagiert Winkler oft pfeilschnell auf die Ausschläge der Musik, ja, scheint diese selbst hervorzubringen, um dann wieder ewig als Horchende, in unendliche Weiten Blickende in ritualisierten Posen einzufrieren. Die beiden Performer kreisen unablässig umeinander, mal sitzt Wilson bloß drohend in einer Ecke, dann wieder taucht er im Fellmantel mit Eisblöcken am Haken als Mann aus der Wildnis auf und schreitet langsam diagonal über die Bühne.

Der quadratische Bühnenraum wandelt sich ständig: Zuerst hängen von oben Neonröhren in den Raum, dann bricht ein Eisberg durch den Boden, in einer Ecke steht ein einsamer Schuh in einem weißen Staubkreis, später werden feierlich zwei Balken herein getragen, dann brennen eine Metallschale und ein Stuhl, Felsblöcke schweben herab und ein leuchtendes Fenster taucht am Boden auf. Magische Bilder, wie man sie kennt aus der Wilson-Factory, und doch verfehlen sie ihre Wirkung nicht. Denn Perfektion ist eben doch nicht langweilig. Vor allem, wenn sie derart mit Energie aufgeladen ist. Die aber verdankt sich hauptsächlich Angela Winkler, die die phänomenale Körperspannung einer Tänzerin zeigt und keinen Finger krümmt, ohne dass das nicht noch in der hintersten Reihe als Ereignis ankommen würde.

Ein bisschen süßlich wird es gegen Ende, wenn plötzlich ein kindliches Double der Winkler auftaucht und auf einer weißen Schaukel wippt. In der Summe jedoch ein großer Abend, in jeder Hinsicht auf außergewöhnlichem Niveau, mit einer famosen musikalischen Gesamtleistung und einem starken Performance-Duo. Wilson hat Lachenmann sozusagen kongenial ignoriert. Und ihm, vielmehr seiner subtilen Partitur, dieser "begehbaren Landschaft", den größtmöglichen Raum gegeben.

 

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern
von Helmut Lachenmann und Robert Wilson
Musik mit Bildern nach Texten von Hans Christian Andersen, Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci
Regie, Bühne und Licht: Robert Wilson, Musikalische Leitung: Emilio Pomàrico, Kostüm: Eva Dessecker, Dramaturgie: Stephan Buchberger
Mit: Angela Winkler, Robert Wilson, Hulkar Sabirova, Yuko Kakuta, ChorWerk Ruhr, hr-Sinfonieorchester, Statisterie der Ruhrtriennale
Dauer: 1 Stunde, 55 Minuten, keine Pause

www.ruhrtriennale.de

 

 Kritikenrundschau

"Die Geschichte vom armen Mädchen, das in der bitterkalten Neujahrsnacht keine Zündhölzchen verkaufen kann, sie anzündet, um sich für Augenblicke nur zu wärmen, das halluziniert und erfriert, wird gewissermaßen seziert. Auf seelische Befindlichkeiten und körperliche Aggregatzustände hin untersucht", schreibt Martin Schrahn auf derwesten.de (15.9.2013). Lachenmanns 1997 uraufgeführte "Oper" (sic) stehe im Zentrum der insgesamt sechs Wochen währenden Triennale, rage wie ein fremder, wuchtiger, einsamer Monolith über alle bisherigen Festival-Produktionen hinaus. "Weil Wilson zur Premiere in Bochums Jahrhunderthalle betörende Bilder findet: mit Hilfe von Licht, Farbe und den allseits bekannten knappen Gesten sowie mit zeitlupenhaften, in Erstarrung mündenden Bewegungen. Ganz im Dienste des Komponisten, der ja zuallererst das Zittern, Frieren und Verharren in Klänge gesetzt hat."

"Die magisch beleuchtete Aktion ist wie stets bei Wilson langsam, karg und etwas banal, aber auch erstaunlich hampelig, wie ex tempore improvisiert", schreibt Reinhard J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (16.9.2013). Wilson verweigere sich einer offensichtlichen Nacherzählung der Geschichte und schaffe noch mehr Rätsel, als Lachenmann aufwirft. "Also müsste Dirigent Pomàrico für alle, die den Text nicht parat haben, ihn durch die Musik imaginieren, aber er kann es lange nicht."An einer Stelle rezitiere Angela Winkler etwas ungelenk skandierend einen Text Leonardo da Vincis, der urplötzlich in Andersens Erzählung aufscheint. "Es geht um Furcht und Verlangen des Künstlers nach dem neuen Unbekannten." Das stehe für die ästhetische Radikalität Lachenmanns. "Schade", so Brembeck am Schluss, "dass in Bochum so wenig davon zu erleben war."

Die Bochumer Aufführung ist Gerhard R. Koch von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.9.2013) zufolge "unerhört eindrucksvoll, in mancher Hinsicht exemplarisch, wirkt lange nach". Wilson zaubere wieder einmal, "diesmal ohne penetrante Selbstzitate, agierte dafür höchstpersönlich: der Lichtmagier als 'Gevatter Tod'". Protagonistin sei mit Winkler "ein erwachsenes Kunst-Mädchen, bedrängt von Wilson als düstere Vaterfigur". Anspielungen nicht nur auf Andersen, sondern auch Nosferatur und "Der Tod und das Mädchen": "der autoritär dräuende Dunkelmann und die widerstrebend Willige, der allmächtige Regisseur und die folgsame Actrice. Wie Wilson mit Märchen-Topoi spielt, sie wie Lasurschichten übereinanderlegt, ist suggestiv." Das alles habe die von ihm "erwartete Perfektions-Aura". Das Männer-Kollektiv am Ende wirke "als Horror-Vacui-Verlegenheit, nicht im mindesten motiviert und stört den verhauchenden Schluss".

"So keimfrei wünscht man sich Krankenhäuser, aber nicht das Theater", schreibt Volker Hagedorn in der Zeit (19.9.2013). Paradoxerweise liege in diesem Mangel an Inszenierung ein Gewinn des Abends: "Die Szenen stören nicht beim Hören." Gerade weil Wilson die Empathie, Vielfalt, Gebrochenheit, Spannung dieser Musik säuberlich umgehe, würden ihre Qualitäten deutlicher – "und ihre Grenzen". Wie viel Leben Lachenmanns Partitur durch ihr Reifen gewinne, würde im Kontrast zur keimfreien Inszenierung ebenso deutlich wie das, was sie mit ihr gemeinsam habe: "Die Annäherung an Menschen erlaubt sie nicht." Wenn das aber bei Wilson mit der Angst vor dem Inneren zu tun habe, sei es bei Lachenmann das Gegenteil: "Er überspringt den Prozess der Annäherung. Er umgibt uns mit dem Innenleben einer Schutzlosen. Seine Musik ist vom ersten bis zum letzten Ton mit dem träumenden, frierenden, sterbenden Mädchen identisch." Darum nehme sie einen mit, in jedem Sinne. "Und darum wohl ist auch Angela Winkler, ob es dem strengen Bob nun passte oder nicht, immer mehr sie selbst geworden."

Auf Welt-online (20.9.2013) zählt Stefan Keim den Abend zu den überwältigenden Totaltheatererlebnissen in alten Industriekathedralen, ein Stärke der Ruhrtriennale. Zwar dünken ihm die Theatertricks Robert Wilson grundsätzlich bekannt. Und doch sei diesmal etwas anders. Was für ihn nicht nur an der beeindruckenden Soundinstallation liegt, sondern besonders an der Schauspielerin Angela Winkler. Doch auch Wilson habe beeindruckende abstrakte Bilder entwickelt. "Die Bilder lassen sich nicht einfach deuten, und das ist gut so." Nur wer die Texte kenne, erkenne ihre Motive. Leider halte Robert Wilson diese Verrätselung nicht durch. So seien schon "vor Ende des Abends die Schwefelhölzer der szenischen Imagination bis auf Kitschreste abgebrannt."

 
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