Nach München, nach München!

16. September 2013. Nach Informationen von nachtkritik.de löst Matthias Lilienthal 2015 Johan Simons als Intendant der Münchner Kammerspiele ab. Einem Bericht der Münchner Abendzeitung (online 16.9.2013) zufolge muss die Personalie zwar am 26. September noch vom Kulturausschuss bestätigt werden, sei aber eine "hundertprozentig sichere Sache", zumal Lilienthal der einzige von Kulturreferent Hans-Georg Küppers vorgeschlagene Kandidat sei. Küppers bezeichnete Lilienthal in der Pressekonferenz am späten Mittag als einen der "zukunftsweisendsten und wandlungsfähigsten Theatermacher unserer Zeit".

Johan Simons hatte im Mai 2013 bekannt gegeben, dass er seinen Vertrag in München nicht über die Spielzeit 2014/15 hinaus verlängern möchte. Kurz darauf war öffentlich geworden, dass er 2015 die künstlerische Leitung der Ruhrtriennale übernehmen wird.

Lilienthal – zunächst in Basel Dramaturg unter dem späteren Kammerspiele-Leiter Frank Baumbauer (1988 bis 1991), dann Volksbühnen-Dramaturg und -Miterfinder unter Frank Castorf (1991 bis 1998) – hatte bis zur Spielzeit 2011/12 neun Jahre lang die Intendanz des Berliner Groß-Off-Theaters Hebbel am Ufer (HAU) inne. Nachdem er 2012/13 als freier Kurator u.a. sein Konzept "X Wohnungen" nach Beirut getragen hat, ist er als Programmdirektor zuständig für das Festival "Theater der Welt", das 2014 in Mannheim über die Bühnen geht.

Sowohl das HAU unter Lilienthal als auch die Münchner Kammerspiele unter Simons sind in den Kritikerumfragen des Fachmagazins "Theater heute" zum "Theater des Jahres" gewählt worden – die Kammerspiele unlängst in der Umfrage 2013, das HAU in den Jahren 2004 und 2012.

(sd / ape / Abendzeitung)

 

Im Videointerview mit nachtkritik.de verrät Matthias Lilienthal, wie viel HAU und wie viel Volksbühne in seinen Kammerspielen stecken werden.

 

Presseschau

Michael Stadler berichtet in der Münchner Abendzeitung (online 16.9.2013) wenige Stunden nach der Pressekonferenz über Lilienthals Pläne. Offenbar plant er keinen krassen Bruch mit der Simons-Intendanz und wohl auch die Übernahme mindestens eines Teils des Ensembles. Er wolle die von Simons vorangetriebene internationale Ausrichtung weiter ausbauen, neben Antwerpen und Brüssel "auch seine Kontakte nach Paris und Tokyo spielen lassen". Daneben sollten Stadtprojekte realisiert und bayrische Geschichten erzählt werden – vorstellen könne er sich etwa eine Adaption von Josef Bierbichlers Roman "Mittelreich". Als er in München bei rot über die Ampel gegangen sei, habe er sich schon "ein paar böse Blicke" eingefangen, so Lilienthal, den Stadler entsprechend als einen "Über-Rot-Geher", einen "Grenzüberschreiter" beschreibt.

Der "bestvernetzte Mann der freien Theater-, Tanz- und Performanceszene" und "Chefdompteur im Festival- und Gastspielzirkus" werde nun "erstmalig ein richtiges Institut, ein Ensemble- und Repertoiretheater leiten", schreibt Ulrich Seidler auf dem Internetportal der Berliner Zeitung (online 16.9.2013), der es gern gesehen hätte, wenn man dieses Experiment in Berlin statt in München gewagt hätte. Lilienthal habe schon bei früherer Gelegenheit bedauert, "dass eine so reiche Stadt wie München keine Spielstätte für die freie Szene habe" und Simons die Kammerspiele seinerseits bereits der freien Szene gegenüber geöffnet. "Werden die Kammerspiele jetzt ein Luxus-Hau mit dem fast zehnfachen Etat"?, fragt Seidler. "Reißt der anti-elitäre gebürtige Neuköllner Lilienthal (...) nun zur Freude der neoliberalen Kulturpolitiker die Grenzen zwischen Ensemble-, Compagnie- und Gastspielbetrieb nieder? Ist der völlig unzeitgemäße Schutzraum Ensembletheater gar in Gefahr?"

"Eine schlechte Nachricht für Berlin, eine gute für München", kommentiert Rüdiger Schaper auf der Website des Berliner Tagesspiegels (online 16.9.2013) die Personalie. Es falle nicht leicht, "sich den legeren Urberliner auf der Maximilianstraße vorzustellen. Für ein gepflegtes Abonnenten-Theater steht Lilienthal nun gerade nicht." Allerdings hätten sich die Kammerspiele seit den Intendanzzeiten Dieter Dorns gewandelt. So werde auch unter Simons schon "viel experimentiert, auf ihre Weise hatten die Kammerspiele schon immer einen offenen, innovativen Charakter". Von Berliner Seite sei ihm zuletzt mehrmals die Leitung der Berliner Volksbühne angeboten worden, die er jedoch zugunsten neuer Aufgaben und Reibungsflächen abgelehnt habe.

Küppers biete mit Lilienthal "einen echten Überraschungskandidaten", meint Christine Dössel auf sueddeutsche.de (online 16.9.2013). In München aber habe man sich "den immer ein bisschen wie ein Kreuzberger Straßenköter daherschlurfenden 'Edelpenner' (O-Ton Lilienthal)" bisher schließlich "eher nicht so gut vorstellen" können. Lobenswert sei also die "Risiko- und Öffnungsbereitschaft", solch einen "freien Radikalen und Interdisziplinärmeister der Performing-Arts-Szene an ein klassisches Stadttheater zu holen", das erfordere "jenen Mut, der den meisten politischen Entscheidern letzten Endes dann halt doch fehlt". Schon mit der Berufung Simons' habe Küppers seinerzeit "jene Weichen für eine Öffnung, Europäisierung und Internationalisierung der Kammerspiele gestellt". Mit Lilienthal werde es "noch viel weiter in diese Richtung gehen", kaum zu erwarten sei klassisches Literatur- und Bildungsbürgertheater. Jedoch: "Dass Matthias Lilienthal die Kammerspiele nicht mit einem Tummelplatz des Off-Theaters verwechseln wird, sondern weiß, was ein Ensembletheater wie dieses in einer Stadt wie München einlösen muss, sollte man dem Mann von der Volksbühne zutrauen."

Auf welt.de (online 16.9.2013) schreibt Matthias Heine, mit Lilienthal als künftigem Intendanten bahne sich bei den Kammerspielen "eine Ära von sagenhafter Kontinuität an": Lilienthal als Schüler Frank Baumbauers (Intendant von 2001 bis 2009), der auch seinen Nachfolger Johan Simons (2010 bis 2015) für Deutschland entdeckte. Die drei verbinde der gleiche "künstlerische Geist". Im Gegensatz zu Dössel hält Heine die Wahl Lilienthals geradezu für zwingend: "Jeder, den der Kulturdezernent um Rat gefragt hat, muss ihm den Mann empfohlen haben, der sich nicht nur durch künstlerische Erfolge qualifiziert hat, sondern dem auch große menschliche Qualitäten nachgesagt werden."

Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.9.2013) ist Lilienthals Berufung eine winzige Notiz in der Meldungsspalte wert, in der sich der Schreiber G.St. (Gerhard Stadelmaier) einen Kommentar gleichwohl nicht versagt: "Auf die Kammerspiele, eigentlich ein Haus für große dramatische Kunst, das schon unter Simons sehr gelitten hat, kommen wohl heißwässrige Zeiten zu", unkt er und kolportiert Aussagen Lilienthals, in denen der Theatermacher bekannt habe, dass er gern jedem Jugendtrend hinterherlaufe, Theater als "Durchlauferhitzer" betreibe und "gesellschaftlichen Diskurs" einem Theater der "Dramen und Texte" vorziehe.

Wie Simons sei auch Lilienthal "international aufgestellt", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (18.9.2013). So wie Simons mit neuen Stücken erforschen wolle, "wie in einer globalisierten Welt das Nebeneinander von verschiedenen Sprachen und Kulturen nach dem Körper und der Seele greifen", so habe sich Lilienthal "die Erforschung anderer Theatersprachen schon lange auf seine Fahnen geschrieben". Gleichwohl sei die Lilienthal-Berufung auch "ungewöhnlich und mutig", weil die Münchner Kammerspiele ein "Ensembletheater mit vielfach ausgezeichneten Schauspielern" darstellten, Lilienthals Arbeit dagegen "von der Vernetzung und dem Austausch, vom Pendeln zwischen Peripherie und Zentrum, von der Orchestrierung kleiner und großer Formate, vom Schweifen nicht zuletzt durch die Diskurse" lebe.

Interview mit Ute Büsing beim rbb-Info-Radio: http://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/vis_a_vis/201309/195227.html

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