Dada mit Shalala

von Martin Pesl

Graz, 20. September 2013. Eine Putzfrau putzt die Bühne, aber die Substanz in ihrem Eimer elektrisiert sie bei Berührung und treibt sie in den Wahnsinn, ebenso den hageren Mann mit erschreckend dünnen Beinen, der sich in Unterhosen zu ihr gesellt hat. Sie schreien sich die Seele aus dem Leib, laufen rot an, wischen manisch den leeren Raum. Zur Erholung nehmen sie ein Schlückchen Putzwasser zu sich. Schnitt.

Im Halbdunkel fährt ein Orchester ohne Menschen auf die Bühne, die Instrumente spielen sich selbst. Schnitt. Ein Schrank, ein Tisch, zwei Stühle, darauf zwei Männer, die einander Daniil-Charms-Geschichten erzählen, etwa davon, wie einmal die ganze Nachbarschaft vergaß, ob sieben oder acht zuerst kommt, oder davon, wie alte Frauen vor lauter Neugier der Reihe nach aus dem Fenster fielen und in Stücke zersprangen. Plötzlich stürmt ein Damenchor in futuristischen Comic-Kostümen herein und singt. La la la. Explosionen. Das Nichts. Alles ist möglich in dieser Eröffnungsproduktion des steirischen herbstes 2013.

Dadaistische Verweigerungen aus Stalins Russland

Die oft sehr kurzen Schilderungen absurder "Zwischenfälle", für die der russische Autor Daniil Charms (oder in englischer Transkription: Harms, woraus sich der Stücktitel: "H, an incident" ergibt) posthum berühmt wurde, waren in Stalins Russland dadaistische Verweigerung des kollektiven Pathos. Meist besteht ihr Witz in einem simplen formalen Dreh, zum Beispiel wenn einer einen Brief unter der Voraussetzung beantwortet, dass er eigentlich keine Zeit hat, ihn zu beantworten, und dabei nie und nie zur Sache kommt. Der belgische Künstler Kris Verdonck inszeniert einige davon mit seiner Truppe A Two Dogs Company und ergänzt die Szenen, indem er den Charmsschen Kosmos weiterdenkt und in lustvoller Weise macht, was er will.

haincident 560 wolfgangsilveri uAbsurde Zwischenfälle: Die Two Dogs Company beim Tischgespräch © Wolfgang Silveri

Im Prinzip tat vor zwei Jahren auch Andrea Breth am Wiener Burgtheater nichts anderes. In ihre dreistündige Requisitenschlacht baute sie YouTube-Videos und improvisierte Szenen ein und verblüffte ihre Fans, die sie als strenge Klassikerhuldigerin kannten. An Breths Zwischenfälle fühlt man sich bei Kris Verdoncks Abend permanent erinnert, nur dass letzterer kürzer, weniger aufwändig und in seiner Tonalität besser gelaunt ist. Und auf Englisch, vorgetragen in den diversen Akzenten der Spieler, die mehrheitlich aus Island stammen (der Damenchor unter Erna Ómarsdóttir nennt sich Shalala), was einen für unsere Ohren prickelnd fremden Klang erzeugt und uns selbst irgendwie absurd vorkommt.

Wo die Musi spielt

Auch sonst bereiten die Performer Vergnügen: die Frau mit einem Rollschuh, die rote Bälle spucken muss, bis sie ihren zweiten Schuh gefunden hat; der Mann, der es in musikalischer Weise nicht schafft, den Namen eines Vogels richtig auszusprechen; der andere Mann im Löwenkostüm, der durch entsprechend getaktetes Hopsen den Applaus des Publikums provoziert. Hin und wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen, man prügelt aufeinander ein oder lässt seine Aggression an einer Gurke aus.

Es ist ja auch zum Verzweifeln, sagen uns Daniil Charms und Kris Verdonck verschmitzt: sowohl die repressive Sowjetunion von einst als auch unser technikgesteuertes Heute, in dem Roboter bestimmen, wo die Musi spielt (wobei diese freilich erst komponiert werden musste: Jónas Sen ist ein bewährter Zuarbeiter von Björk und kann es sowohl mitreißend als auch elegisch). Das Absurde hingegen und die Sprache, die uns zum Beispiel lustige russische Namen schenkt, sind unsere Freunde und halten uns bei Laune.

Zwischen Cirque du Soleil und Monty Python

Ab und an kehren Motive wieder, aber die Aneinanderreihung der "incidents" (dt. Zwischenfälle) bleibt beliebig. Hätte man ein ähnliches Konzept nicht schon sowohl exzessiver als auch intensiver umgesetzt gesehen, könnte einen "H, an incident" grenzenlos inspirieren. Gar dem Cirque du Soleil möchte man anbieten, nach Beatles-, Elvis- und sonstigen Themenshows mal einen Charms-Akrobatik-Zirkus zu veranstalten. Vielleicht wäre dann – wie hier im Geiste – auch ein bisschen Monty Python dabei.

So aber freut man sich einfach über den einen Sketch und lächelt anschließend milde über den nächsten, bis Roboter und Spieler gemeinsam zur einenden Abschlussarie mit Wischmopp-Choreografie zusammenkommen. Während dann beim Schlussapplaus die Menschen die angemessene Dynamik an den Tag legen, verziehen sich die Musikautomaten behäbig nach hinten, schneller geht's nicht. Ein bisschen Freiheit haben wir uns gegenüber den Maschinen also doch noch bewahrt.


H, an incident
von Kris Verdonck (A Two Dogs Company)
mit Texten von Daniil Charms
Konzept und Regie: Kris Verdonck, Dramaturgie: Marianne Van Kerkhoven, Musik: Valdimar Jóhansson und Jónas Sen, Chorleitung und Chorbegleitung: Erna Ómarsdóttir, Kostüme: An Breugelmans, Technische Koordination und Lichtdesign: Jan Van Gijsel, Tondesign: Valdimar Jóhansson.
Mit: Marc Iglesias, Jeroen Van der Ven, Jan Steen, Erna Ómarsdóttir, Þyrí Huld Arnadóttir, Þorunn Arna Kristjansdóttir, Brynhildur Gudjonsdóttir, Katrín Gunnarsdóttir, Sigríður Soffía Nélsdóttir und den Robotern von Culture Crew.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.steirischerherbst.at
www.atwodogscompany.org

 

Kritikenrundschau

Als im positiven Sinne beunruhigend empfindet Helmut Ploebst vom Standard (23.9.2013) diesen Abend. Verdonck weigere sich, seine "Kunst als Sinnvermittler zurechtzustutzen". Er illustriere Charms' "verstörende Brutalität" nicht, sondern schaffe die Atmosphäre einer "sinistren Absurdität aus Choreografie, Schauspiel und Musical". Die "Spannungen zwischen den anarchistischen Visionen der Avantgarde und dem ideologischen Apparat des stalinistischen Politsystems" seien spürbar. "Je länger das Stück dauert, desto besser scheinen seine Metaphern auf unsere Gegenwart zu passen, in der alles, auch die Kunst, nach Maßstäben seiner unmittelbaren Nutzbarkeit gemessen wird."

Einen brutalen Charms mit "Slapstick, Gesang und artistischen Verrenkungen" hat auch ein insgesamt beeindruckter Norbert Mayer von der Presse (22.9.2013) gesehen. Charms' absurde "kleine Geschichten über den Irrsinn des Systems", die "im Stalinismus als Unterhöhlung verstanden wurden", wirkten hier wie "Sketches von Monty Python". Sie "handeln buchstäblich von der Geworfenheit des Menschen, in einer Mischform von Musical, Tanz, Sprechtheater. Rasant ist die Abfolge, hoch das Potenzial aggressiver Komik."

Im "schönen Land Absurdistan" fand sich Michael Tschida von der Kleinen Zeitung (online 20.9.2013) wieder, kritisiert dann aber: "Die Behauptung der Produktion, die Ohnmacht und Vereinsamung des Einzelnen in totalitären Systemen, aber auch im Heute zu interpretieren, wurde nicht wirklich eingelöst. Geblieben ist eine schrille, schräge, schrullige (und zu lange) Revue, die wie ein Puzzle aus Monty Python, Kindergeburtstag und Shocking Horror Picture Row wirkt."

 
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