Schreckensbilder im Kopf

von Eva Biringer

Berlin, 26. September 2013. Die Reise in den Kinderkopf beginnt mit einem Fiepen. Man denkt an jene Töne, deren Frequenz so hoch ist, dass sie unter der Wahrnehmungsschwelle eines Erwachsenen liegen. Willkommen in der Welt des Frank Cauldhame. Willkommen in der Wespenfabrik.

Dunkles Herzstück

"The Wasp Factory" ist Musiktheater nach Iain Banks' gleichnamigen, 1984 erschienenem Roman. Der australische Regisseur Ben Frost macht aus Banks' Psychogramm eines kindlichen Mörders eine von elektronischen Klängen zersetzte Schaueroper. Erzählt wird die Geschichte des siebzehnjährigen Frank Cauldhame, der von seinen Eltern verstoßen und im Kleinkindalter durch einen Kampfhund kastriert wurde. Psychologen hätten ihre helle Freude, so mustergültig legt dieser Frank alle Symptome von Autismus und einer bipolaren Störung an den Tag. Erst torpediert er Kaninchen mit dem Flammenwerfer und fädelt bei Kerzenlicht Tierkadaver an Schnüren auf, dann tötet er drei Familienmitglieder. Die titelgebende Wespenfabrik ist das dunkle Herzstück seiner Welt, ein Ziffernblatt, auf dem zwölf verschiedene Todesarten auf ein Opfer warten.

the wasp factory 280h yannmingard u© Yann MingardAuf der Bühne des alten Hebbel Theaters ist dieses Herzstück zunächst eine rechteckige, von Neonröhren gesäumte Fläche, eine Art Boxring, über und über mit Erde bedeckt (Bühne: Mirella Weingartens). Zu den Mollakkorden des Rejkjavik Sinfonia Orchester bahnen sich drei Frauen aus dieser Erde heraus den Weg ins Freie. Ein archaisches Moment, das wieder aufgenommen wird von ihren knappen, schon bald dreckverkrusteten Kleidern.

Wimmern des Kindes

Lieselot De Wilde, Jördis Richter und Mariam Wallentin bestreiten die gesamte Partitur und das mit vollem Körpereinsatz. Gesungen wird in englischer Sprache, dabei sind auch Zuschauer mit guten Englischkenntnissen froh über die (deutschen) Übertitel – so sehr verzerren die drei ihren Text, dehnen die Silben aus und kochen sie mit ihrer Stimme ein. Als jemand, der wenig weiß über Musiktheater, staunt man, was Sänger beim Singen alles mit den Sätzen machen können.

Kollektiv werden die drei Sangesspielerinnen, begleitet vom Streichquintett der Reykjavik Sinfonia, zum Welthasser Frank, sie raufen sich die Haare und wühlen solange im Dreck, bis goldenes Licht darunter hervorbricht. Nach und nach kippt die vormals ebene Fläche unter ihnen in die Beinahe-Senkrechte. Ist erst einmal alle Erde abgefallen, wird das Bodenreich, das Franks Elternhaus markierte, zur brennenden Wespenfabrik, zum grell leuchtenden Folterlabyrinth.

Abgesehen von der küchenpsychologischen (und ganz und gar unnötigen) Kastrationskomponente, entfallen bei Ben Frosts Regie sämtliche Erklärungsansätze, inklusive des Roman-Kniffs, den beinahe erwachsenen Erzähler rückblickend seine Kindheit reflektieren zu lassen. Dementsprechend gerät David Pountneys Libretto nicht zur Hasstirade eines Adoleszenten, sondern es wimmert ein Kind, das weiß, dass es die Schwelle zum Erwachsensein nie überschreiten wird.

the wasp factory 560a yannmingard u© Yann Mingard

Stimme der falschen Vernunft

Ein Grund dafür ist Franks aus der Psychiatrie entflohener Halbbruder Eric. Spätestens, wenn Eric am Telefon von seiner Flucht erzählt, von frittierten Hunden und jenen Dingen, die er nicht bereit ist zu essen (Nikotinpflaster, XXL-Chipstüten), keimt im Zuschauer der Verdacht, Eric könnte Franks Fantasie entsprungen, ein Teil seines irrealen Kosmos sein. Als immerwährender Referenzpunkt ist Eric nicht nur Grund für Franks ersten, aus Rache verübten Mord, sondern zugleich die Stimme der falschen Vernunft, die den Halbbruder anherrscht, nicht so sensibel zu sein. Nun ja: Wie sensibel ist einer, der einen Fünfjährigen im Spiel dazu bringt, sich von einer "deutschen, zweihundert Kilogramm schweren" Bombe zerfetzen zu lassen?

Bilder wie dieses machen "The Wasp Factory" zu einem so unaushaltbaren wie bezwingenden Erlebnis. Der Ausdruck des Ich-Erzählers mäandert zwischen infantiler Vorstellungskraft ("Drachenscheiterhaufen"), Pfuiwörtern ("fuck") und unheimlichen Beschreibungen von Grabmahlen, Tierleichen und Hinrichtungsarten. Seine Wortschöpfungen sind Bildererzwinger: Weil man die Augen davor, anders als im Film, nicht verschließen kann, weil es von der Vorstellung im eigenen Kopf keinen Ausweg gibt.

Am Ende suchen Frank jene Geister heim, die er tötete, all die Eidechsen, Kröten, Maulwürfe, Hauskatzen. In Gestalt brennender Schafe reißen sie die Mauern seines Elternhauses nieder, das zugleich die Wespenfabrik ist, das Radio spielt dazu Mozarts "Figaro" und endlich geht alles in Flammen auf. Was zuvor als rechteckige Fläche am Boden ruhte, wird jetzt zur aufrechten, von hinten beleuchteten Himmelsscheibe; ein blinder Spiegel zum Publikum hin. Anders als in der Romanvorlage gibt es für Frank kein Entkommen. Der Fiepton vom Anfang markiert das Ende. Der Rest ist Lärm.

 

The Wasp Factory 
Libretto von David Pountney nach einem Roman von Iain Banks 
Regie: Ben Frost, Musik: Streichquintett der Reykjavik Sinfonia, Bühne: Mirella Weingarten, Kostüme: Boris Bidjan Saberi, Lichtdesign: Lucy Carter. 
Mit: Lieselot De Wilde, Jördis Richter und Mariam Wallentin. 
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause 

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

"Ben Frost, der australische Elektroexperimentator, der avancierte Klangfrickler mit auch herkömmlichen Fähigkeiten wie dem Arrangieren von akustischen Instrumenten, dieser höchst eigenwillige Musiker mit Wohnsitz Island fräst durch diesen berühmten Roman mit großem Kunstwillen", meint Tobi Müller im Deutschlandradio Fazit (26.9.2013). Die dunklen Bilder seien aus einem Guss. Alles sei ein Bild - das gleiche Bild. "Frost übersieht in seiner Verkunstung fast alles, was den Text interessant macht."

Eine "wehleidig unverbindliche Psychostory in hübsch anzusehender, von Frost selbst arrangierter Regie" hat Peter Uehling erlebt, wie er in der Berliner Zeitung (27.9.2013) schreibt. Wer eine Übersetzung der Roman-Gewalt in Klänge erwarte, werde enttäuscht. "Die Textfassung tappt an der Oberfläche der Erscheinungen herum, statt in ihre spekulative Mitte zu zielen." Vor allem fehle der Sache eines: "Präsenz".

Kommentar schreiben