Kauderwelsch mit Zeremonienmeister

von Julia Stephan

Zürich, 26. September 2013. Schengen, dieser abstrakte Rechtsraum, der in Europa grenzenloses Reisen möglich macht, ist ein Fluch für alle, die er ausschließt – und ein Segen für die wenigen, die sich in ihm frei bewegen dürfen. In der Gessnerallee Zürich ist er zunächst ein weltläufiger Dancefloor mit DJ Viktor Marek, dem Chef des kultigen Hamburger Golden Pudel Clubs, hinter den Turntables.

Die Schweizer Regisseurin, Schauspielerin und Autorin Laura de Weck, selbst Grenzgängerin zwischen Hamburg und Zürich, hat sich schon seit ein paar Jahren von den einfach-genialen Dialogen ihrer "Lieblingsmenschen" entfernt, mit denen sie 2005 die Theaterwelt so verzauberte. Verloren hat sie ihr Gespür für die Sprachmelodien einfacher Gespräche zwar nicht. Als Regisseurin jedoch wagt sie sich neuerdings auch an abstrakte Grenzgänge zwischen Theater und Musik. So in "Espace Schengen", wo de Weck die Sprache als gnadenloses Mittel der Ausgrenzung entlarvt.

espaceschengen 560 holgerwenzl u© Holger Wenzl

Drei drinne, einer draußen

Diese Sprache scheint zunächst noch barrierefrei zu sein. Das Schauspielduo Anna König und Christian Bayer sitzt in poppigen Ausgehklamotten neben DJ Viktor Marek an einem länglichen schwarzen Tisch und switcht vom unbeholfenen Schweizerdeutsch deutscher Einwanderer ins verstümmelte Denglisch und zurück. Dem vierten Ausländer im Bunde, Sänger Bill Saliou aus Guinea, verweigern die Schengen-Spielregeln die Einreise in die Schweiz. Als Videobild von außen zugeschaltet, setzt er sich frech darüber hinweg.

Das Sampling, die Wiederverwertung bekannter Tonfolgen, ist gewöhnlich ein DJ-Ding. De Weck hat dieses Prinzip auf ihren Text übertragen, und sogar einen Dialog aus ihrem Stück SumSum (2008) recycelt, in dem eine Internetliebe an der Sprachbarriere zerschellt. Zum Großteil ist "Espace Schengen" aber eine Collage aus Rechtstexten, Protokollen und Lexikoneinträgen geworden, die umständlich die Grenzen zwischen der Schweiz, dem Schengen-Raum und dem restlichen Ausland definieren.

Einfuhrbestimmungen für Diktatorenkinder

Treffsicher hat de Weck das technokratische Beamtenkauderwelsch ins Konkrete überführt. Mit absurden Folgen. Etwa, wenn König und Bayer die Schweizer Einfuhrbestimmungen verlesen und Sterbetouristen und Diktatorenkinder mit toten Muscheln in eine Reihe stellen.

Mit Humor, ihrer großen Stärke, arbeitet sich Laura de Weck am Amtsdeutsch ab. Die nackten Zahlen der Ausländerstatistik werden – gesprochen oder gesungen – zur Lachnummer, die Bevölkerungsgruppe der "Sans Papiers" zu hochqualifizierten Illegalen, "die unsere Wohnungen putzen." Was an klaren Definitionen übrig bleibt, reißt Mareks pulsierender Elektrobeat ein, unter dem Russische Kalinka, Guineisches und Schweizer Volkslied in denselben Harmonien schwingen. Marek, der im Stück auch als Schauspieler auftritt, ist der beeindruckende Zeremonienmeister des Abends. Er verstärkt, verzerrt und überführt Lieder und Worte in überraschende Kontexte.

Panik im Discoblinken

Aber auch Anna König und Christian Bayer tragen zu dieser lustvollen Sinnverschiebung bei. Parolen aus dem linken wie rechten Politlager, die sie als Ausländer vereinnahmen wollen, zitieren sie im Musicalstil; die Angst vor Überfremdung verpacken sie in eine künstliche Panik, zu der anstelle von Warnlampen Diskolichter blinken: "Achtung, Show!"

Das ist vergnüglich, auf die Dauer für dieses komplexe Thema aber ein etwas eintöniger Zugang, der nicht ausreicht, um das Publikum eine Stunde bei Laune zu halten. Am stärksten ist das Stück dort, wo sich de Weck wieder mehr auf ihr Kerngeschäft konzentriert: Die Dialoge, in deren Pausen sich die Menschen der Sprachgrenzen schmerzlich bewusst werden – und die Grenzen von Sprache offenbar.

 

Espace Schengen (UA)
von Laura de Weck 
Regie: Laura de Weck, Musik: Viktor Marek, Gesang: Bill Saliou, Musikalische Leitung Gesang: Manuel Weber, Kostüm: Claudia Pegel, Input-Editor: Fanny de Weck, Video: Holger Wenzl. 
Mit: Anna König, Christian Bayer, Viktor Marek. 
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.gessnerallee.ch

 

 
Kritikenrundschau

Mit ihrer "bewusst unvollendet daherkommenden, rhythmisierten Textcollage aus Gerichtsprotokollen, Sätzen aus Abschiebungsbroschüren, Statistiken sowie Willkommensprospekten" betreibe Laura de Weck "erfrischend Sprachkritik", schreibt Katja Baigger in der Neuen Zürcher Zeitung (28.9.2013). Besonders überzeugt ist die Kritikerin von der musikalischen Arbeit mit Rap und Reggea.

Eine Performance, die die "Grenzen künstlerischer Genres durchbricht", in einer "scharfsinnigen Inszenierung", hat Julia Fauth vom Tages-Anzeiger (28.9.2013) gesehen. "In de Wecks Inszenierung werden der Sprache der Bürokratie die Stereotypen entrissen und so die in kafkaesk anmutenden Amtsirrgängen entwürdigten Asylbewerber, Sans-Papiers, Düütschen oder Sterbetouristen wieder verenschlicht."

 
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