Alkoporn-Kapitalismus made in EU

von Steffen Becker

Tübingen, 27. September 2013. Wenn Neuwahlen kommen, dann vielleicht doch die AfD! Die ist explizit zwar nur gegen den Euro, aber unterschwellig auch gegen diesen anderen Mist, den die EU uns gebracht hat – Menschenhandel, Mafia, Wohlstandsflüchtlinge, etc. (wird man ja wohl sagen dürfen). "Three Kingdoms" von Simon Stephens, in Tübingen von Stefan Rogge inszeniert, wirft einen mitten hinein in den Dreck, der über die offenen Grenzen herüberschwappt und in London, Station eins, den mit einer (stumpfen!) Säge abgetrennten Kopf einer Prostituierten mit sich führt.

Der Schmutz sammelt sich in kahlen Räumen mit heruntergerocktem Mobiliar, bevölkert mit einem auf den ersten Blick typischen Ermittlerpaar. Bullig, laut, im Kai-Diekmann-Look der eine (Patrick Schnicke), der andere (Martin Maria Eschenbach) stoisch, unauffällig, ein bisschen Melancholie, ein paar Eheprobleme. Riecht zunächst nach dem Skript eines populären Thrillers, doch Autor Stephens und Regisseur Stefan Rogge haben anderes vor. Je weiter die Geschichte in europäische Dimensionen vordringt, umso mehr rückt sie den klassischen Bullen in den Hintergrund – er kann keine Fremdsprachen und überlässt auf dem Hamburger Schauplatz der Ermittlungen in authentischer Unbeholfenheit anderen das Feld. Als das wären: ein deutscher Polizist – schmuddelig im Auftreten und bei der Beachtung von Regeln (herrlich unsympathisch: Karlheinz Schmitt) sowie estnische Kriminelle, die ihre Weltläufigkeit durch die Bestellung von italienischem Fast Food unter Beweis stellen.

Implodierender Protagonist
Die Fragen der Krimihandlung – wem gehört der Kopf, welche Pornogeschäfte laufen mit osteuropäischen Zwangsprostituierten, wer oder was ist "White Bird"? – stehen dabei immer weniger im Mittelpunkt. Die Dramatik verlagert sich auf eine im Stück angelegte und von der Inszenierung deutlich hervorgehobene Leerstelle: Frauen und das Geschäft mit ihnen spielen die Hauptrolle, sie selbst treten aber nur in Nebenrollen als Zeuginnen auf. Menschenhandel manifestiert sich im Stück in Unterhaltungen über die Wertigkeit finnischer "Ware" im Vergleich zum russischen "Angebot". Die darin liegende Verachtung stellt Regisseur Rogge in Tübingen besonders eindrücklich durch eine Szene aus, bei der eine Prostituierte an einer Hundeleine durch eine Tür gezogen wird. Man hört nur ihre Schreie, sieht einige Gliedmaßen – im Verbund mit den Einblicken im Spielzeit-Heft zu Flatrate-Puffs in der Umgebung entsteht so eine bedrohliche Unruhe. Dicht unter der Oberfläche verändert sich etwas rapide zum Schlechten. Man kann es schon sehen, wenn auch noch nicht in Gänze erfassen.

3k2 560 PatrickPfeiffer uMartin Maria Eschenbach, Toomas Täht © Patrick Pfeiffer

Diese Unruhe manifestiert sich parallel auch in der Entwicklung der Figur des Detective Ignatius Stone. "Unsere Selbstwahrnehmung, die durch Pornografie, Alkohol und einen alles zum Fetisch machenden Kapitalismus definiert wird, ist so unsicher wie nie zuvor", schreibt Autor Stephens in seinem Kommentar zum Stück. Auf der Tübinger Bühne zerbricht Darsteller Martin Maria Eschenbach die Identität seiner Figur Stück für Stück. Eschenbach macht das nicht mit großem Gestus, er scheint eher zu implodieren. Er führt Gestik und Mimik schrittweise so zurück, als würde er langsam in ein Schneckenhaus hineingezogen. Psychedelische Einschübe und Begegnungen lassen zugleich offen, welche Teile der Handlung er real und welche sich ausschließlich in seinem Inneren vollziehen. Eschenbach gibt der Erosion gegenwärtiger heterosexueller Männlichkeit Körper und Gesicht.

Ortswechsel durch Einblendungen
Diese Leistung ist umso höher einzuschätzen, als das Stück noch weitere Hürden vor einer glaubwürdigen Darstellung aufbaut. Das Trennende der drei europäischen Handlungsorte (London, Hamburg, die estnische Hauptstadt Tallinn) betont Stephens durch die Landessprachen. Bedeutet: Eschenbach muss im "Three Kingdoms"-Deutschland so sprechen wie ein Engländer deutsch spricht, in Estland sprechen die Schauspieler eine ihnen unbekannte Sprache im Original. Ein Experiment, das schnell an Peinlichkeit scheitern kann. In Tübingen gelingt es.

3k1 560 PatrickPfeiffer uPatrick Schnicke, Martin Maria Eschenbach © Patrick Pfeiffer

Weniger überzeugend geraten die Szenariowechsel optisch. Die Bühne ist karg gestaltet. Kahle Wände, wenig Requisiten. Ortswechsel werden durch Einblendungen deutlich gemacht ("eine Kellerbar in Tallinn"). Trotzdem will Regisseur Rogge die unterschiedlichen Umgebungen durch Lichtwechsel und Umbauten individuell gestalten. Das führt zu Umbauverzögerungen, bei denen die Schauspieler teilweise vor einem Gewusel von Bühnenarbeitern stehen, die den (Verhör-)Tisch, die Sessel, das speckige Sofa, die Oma-Lampe verräumen – was sich negativ auf den Rhythmus der Inszenierung auswirkt. Die Dynamik reicht dennoch, um einen ein wenig aus der Bahn zu werfen. Man verlässt das Haus jedenfalls mit einer starken, unerfüllbaren Sehnsucht nach Sicherheit und Ordnung.

Three Kingdoms
von Simon Stephens, deutsch von Barbara Christ
Regie: Stefan Rogge, Ausstattungskoordination: Vesna Hiltmann, Ausstattung: Martin Lübben, Musik: Andreas Debatin, Dramaturgie: Armin Breidenbach.
Mit: Martin Maria Eschenbach, Patrick Schnicke, David Liskem, Silvia Pfändner, Gotthard Sinn, Julienne Pfeil, Hildegard Maier, Udo Rau, Karlheinz Schmitt, Christian Beppo Peters, Toomas Täht.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.landestheater-tuebingen.de


Die Uraufführung von Three Kingdoms inszenierte im Oktober 2011 Sebastian Nübling an den Münchner Kammerspielen - mit deutschen, englischen und estnischen Schauspielern.


Kritikenrundschau

"Ein seltsamer Krimi, aber: er hat was." So berichtet Kathrin Kipp in der Südwest Presse (30.9.2013). Es werde "munter babylonisiert, gedolmetscht und untertitelt: Lost in Translation. Leider wird das Sprachenwirrwarr inhaltlich und krimidramaturgisch eigentlich nicht weiter bedeutsam." Gleichwohl lässt sich die Kritikerin von der Dramaturgie des Abends gefangen nehmen, die "betont realistisch" beginne und irgendwann immer "unschärfer", immer "psychedelischer" werde, bis die Hauptfigur "nicht mehr zwischen Realität und Alptraum unterscheiden kann".

"Was wie ein ordentlicher Krimi beginnt, wird zunehmend komplexer, vielschichtiger", sagt Peter Ertle im Schwäbischen Tagblatt (30.9.2013). Der Sprachenmix, der bei der Drei-Länder-Uraufführung noch "organisch" Sinn gemacht habe, überzeugt den Kritiker hier nicht. "Bei jedem Nachspielen auf einem deutschen Theater haftet dem Estlandblock nun allerdings auch was von einem möchtegerneuropäischen Trockenschwimmkurs an." Die "Frauenverachtung, Macho-Primitivität und Brutalität" im Stück muteten öfter "wie actionmäßig aufgesetzte Erfüllung des Genreklischees Sex&Crime&Thriller&Mafia" an. Dagegen wird die "unheimliche Atmosphäre" der Inszenierung positiv vermerkt. Am Schluss herrsche allerdings "ziellose Verwirrung".

 
Kommentar schreiben