Dem Volke kein Kaviar

von Martin Thomas Pesl

Wien, 28. September 2013. Andrea Breth präsentiert diesmal nicht das Stück zur Stunde (wie "Quai West" genannt wurde), sie hat kein Juwel wiederentdeckt (wie "Marija" in Düsseldorf). Weder hat sie sich, wie bei Zwischenfälle, noch das Theater, wie bei Schiller-, Lessing- und Kleist-Arbeiten, als moralische Anstalt neu erfunden. Nein, es war einfach so: Sie arbeitete beim Prinz von Homburg 2012 erstmals mit August Diehl zusammen, und man plauderte darüber, dass ein anderer tragischer Prinz, der von Dänemark nämlich, wunderbar zu ihm passen würde.

Große Kinotricks, großer Familienhorror

Da sich auch der Rest der Hauptbesetzung geradezu logisch aus Breths langjähriger Schauspielerfamilie ergab, läuft also endlich auch das bekannteste Stück der Welt durch die Breth-Maschine. Gewohnt konsequent gibt die Regisseurin auch diesem Text alle Zeit der Welt und streicht auch kleinere Figuren nicht. Bühnenbildner Martin Zehetgruber hat das dänische Regierungsviertel in eine Art Seminarhotel versetzt. Eine eifrige Drehbühne legt immer neue, aber gleichermaßen sterile Säle mit Holzvertäfelung frei, die konzentriertes Wirtschaften ermöglichen sollen: gleichförmige Computerarbeitsplätze, einen Pressekonferenzraum, wo Claudius anfangs salbungsvoll seine Heirat mit der verwitweten Königin ankündigt. In die privateren Räume wurden bemüht Designobjekte der Wohnlichkeit eingesetzt. Polonius und seine Kinder bewegen sich etwa um ein grell beleuchtetes Aquarium, das aber keine Fische beherbergt – trüb alles, tot und trostlos. Besonders tot ist der Garten mit Teich in der Mitte der Drehbühne. Hier regnet es zwar meistens, aber wachsen tut gar nichts mehr.

In diesem albtraumhaften Setting erscheint dem Prinzen sein toter Vater. Wie er Hamlet zur Rache an seiner Ermordung ersucht, könnte einem Horrorfilm entnommen sein – und wäre dort womöglich "too much", hier ist sie großes Kino, eindrucksvoll von Friedrich Rom ins Licht gesetzt. An toten Soldaten vorbei träumt sich der Prinz zu seinem kämpferischen Idol vor, nimmt das Schwert des Verstorbenen an sich. Ebenfalls einen gewissen Schockeffekt erzeugt Stunden später der Auftritt der um ihren Verstand beraubten Ophelia: Aus der jungen Wiebke Mollenhauer ist dann nämlich auf einmal Elisabeth Orth, 77, geworden, die in zerrissenen Strümpfen mädchenhaft tänzelnd Veilchen verteilt. Der Verlust des Vaters hat das von ihm sehr behütete Mädchen auf einen Schlag altern lassen.

hamlet2 560 reinhard wernerGuckt der immer so? August Diehl als Hamlet   © Reinhard Werner

Während also momentweise – und auch in Wolfgang Mitterers vor allem die Szenenwechsel untermalendem, metallischen Score – der Horrorfilm durchklingt und Breth mit sich während des Drehens der Bühne an Wänden entlangschleichenden Menschen auch düster-kriminalistische Verschwörungsszenarien zeigen möchte, deretwegen es eben so faul ist im Staate Dänemark, sehen wir über die sechs Stunden des Abend doch eher ein Familiendrama. Die Arbeitsplätze sind verlassen, der König gibt sich mit seiner neuen Frau lieber einem Festmahl hin (in diesem Fall mit Fischen), und Hamlet selbst wäre einfach ein intellektuell begabter junger Mann mit besonderem Interesse am Theater, gäbe es da nicht diese problematische Familiensituation, die ihn sarkastisch werden und seine Munterkeit einbüßen lässt. Den Vater hat er sehr geliebt, der Rachedurst gibt ihm Energie, sonst wären wohl bald ein paar Psychotherapiesitzungen fällig.

Sechs Stunden des bedachten Wortes

Diese Deutung nimmt man August Diehl vollkommen ab und sieht ihm auch durchweg gerne zu, wie er virtuos den Abend trägt. Obwohl er in der Einstiegssitzung mit Wuschelhaar und Plastiktüte eher den Penner heraushängen lässt, ist Hamlet stets ein wacher Geist und mimt die Tollheit mit einer Präzision, als hätte Andrea Breth sie inszeniert. Zwar geraten just die bekanntesten Monologe "O schmölze doch dies allzu feste Fleisch" und "Sein oder Nichtsein" eher deklamatorisch, sonst aber gelingt es Diehl und Breth, die klassische Schlegel-Übersetzung auf ihre unmittelbare Bedeutung herunterzubrechen und verständlich zu machen. Das dauert dann zwar seine Zeit, dafür kann man der Geschichte stets folgen, und Shakespeare ist eben nicht mehr "Kaviar für das Volk", wie das Hamlet einmal kritisch anmerkt.

Umgekehrt ist diese konsequente Demokratie der Details auch ein Grund dafür, dass Andrea Breth mit ihrem "Hamlet Absolut" keinen wahrlich großen Abend geschaffen hat. In den sechs Stunden des bedacht gesetzten Wortes entsteht nun einmal keine rechte Schärfe, und ab der ersten Pause (nach der 1. Szene des 3. Aktes) wird es immer schwerer, sich nicht so berieselt zu fühlen wie die toten Sträucher vom Sprühregen im Hintergrund. Ist es eine Geste der Selbstironie, wenn die Langsamkeit während des Schauspielerauftritts, der dem mörderischen König den Spiegel vorhalten soll, ins Extrem getrieben wird? In einem fremdelnd asiatischen Spielstil mit Masken und einlullender Musik langweilen die Schauspieler sichtlich das auf der Bühne anwesende Publikum. Nur Hamlet nicht, der zappelt aufgeregt im Sessel.

Figuren, Figuren, Figuren, Worte, Worte, Worte

Wiebke Mollenhauer als noch nicht verrückt gewordene Ophelia ist ein Mauerblümchen im überzeugendsten Sinne: Vor lauter guten Ratschlägen von Vater und Bruder weiß sie gar nicht, ob sie in Hamlet jetzt verliebt sein soll oder was. Albrecht Schuch gibt als Laertes sein Burgdebüt: ein braver Familienmensch und stattlicher Kämpfer. Udo Samels Polonius berührt, weil seine Schrulligkeit nie übertrieben wirkt, sondern immer dem besorgten Mitdenken eines alten Mannes entspringt. Erstaunlich unlustige Schnösel à la Elitegymnasium stellen Rosenkranz und Güldenstern dar: Daniel Sträßer und Moritz Schulze forcieren nicht den comic relief, sondern tragen mit steinerner Miene den Gewissenskonflikt aus: Sind sie nun hier, um dem alten Schulfreund oder dessen besserwisserischem Stiefvater zu dienen?

Während Andrea Clausen in ihrer monotonen Hysterie enttäuscht, schafft Roland Koch den Spagat des feigen Mörders, der aber kleingeistig genug seine Hemdsärmel aufkrempelt, um eher bemitleidet, denn als Bösewicht verhasst zu werden. Am Ende bringt er nicht einmal genug Kraft oder Rückgrat auf, um seine Frau vom Trinken des Gifts abzuhalten. "Gertrud, tu's nicht", sagt er wie einen unverbindlichen, wohlgemeinten Rat, ohne jede Panik. Der Horatio von Markus Meyer schließlich ist ein loyaler Freund, stets bedrückt, weil er weiß, dass er nichts tun kann. Viele pessimistische, aber schlüssige (teils vielleicht allzu schlüssige) Figureninterpretationen. Viele Worte, Worte, Worte. Viel Jubel für August Diehl und die ganze Familie.

 

Hamlet
von William Shakespeare
Deutsch von August Wilhelm von Schlegel
Regie: Andrea Breth, Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüme: Moidele Bickel, Komposition: Wolfgang Mitterer, Fechtszenen: Klaus Figge, Daniel Jesch, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Bernd Birkhahn, Andrea Clausen, August Diehl, Sven Dolinski, Daniel Jesch, Marcus Kiepe, Hans Dieter Knebel, Roland Koch, Dietmar König, Peter Matić, Markus Meyer, Wiebke Mollenhauer, Hans-Michael Rehberg, Udo Samel, Albrecht Abraham Schuch, Moritz Schulze, Martin Schwab, Daniel Sträßer und Komparsen.
Dauer: 6 Stunden, zwei Pausen

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.9.2013) zwingt sich Gerhard Stadelmaier über "Andrea Breth, die Große, Hochverehrte" zu schreiben, sie mogle sich "durch den 'Hamlet' (nicht ihr Stück): Hier wird nicht ausgegraben, nicht erforscht, nicht gestaunt, nicht neu gesehen. Hier wird nur behauptet, dass man dies alles tue – nicht es getan." August Diehl stößt als "Hirnriss- und Durchgeknalltheitsklischee" auf wenig gefallen, Shakespeares "herrliche Sprache" scheine sich "wie in Blasenform von den Sprechern zu lösen, gar nicht zu ihnen zu gehören. Für eine halbe Stunde wäre das eine reizend schizoide Spukerei. Auf sechs Stunden gewalzt, ist es eine freudlose Tortur."

"Sechs Stunden Ernst und Müh’, sechs Stunden Drama im Größtformat, sechs Stunden Worte, Worte, Worte – und ein höhnisch Lachen zum Schluss", berichtet Dirk Pilz von Lachern während Hamlets Tod in der Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung (30.9.2013). Niemand wisse auf der Bühne wohin mit sich, Breth könne sich nicht für eine Haltung entscheiden. "Das ist es wahrscheinlich auch, was Andrea Breth hier versucht: die ganze Welt ins Theater holen, alles auf einmal, alles in einem vereint." Daraus würden nur "Nullen, die etwas bedeuten wollen", "lauter Sätzeschlepper". "Es ist, als seien sie in Schaum gefallen: nirgends Halt, überall platzende Bläschen."

"Die Regisseurin möchte es sich und uns nicht zu leicht machen", meint Wolfgang Kralicek angesichts der Textmenge in der Süddeutschen Zeitung (30.9.2013). "Es gibt manche Durststrecken, in denen dem ermatteten Zuschauer der Befehl 'Streichen!' auf der Zunge liegt", aber es gehe hier dennoch nicht um konservative Klassikerpflege, sondern um zeitgenössisches Theater! "Deutlichstes Anzeichen [...] ist das Bühnenbild." Und den Schauspielern kämen "ihre Texte locker und natürlich über die Lippen, es wird nicht getönt. Das ist vielleicht die größte Leistung eines Abends, der zunehmend surreale Züge annimmt."

Sadistische Freude bei Matthias Heine von der Welt (29.9.2013) darüber, "den Hamlet mal komplett zu spielen [...] und so den ganzen konservativen Jammerern, die ihre Klassiker unbedingt so sehen wollen, wie sie im Buche stehen, die Absurdität dieses Verlangens mal so richtig reinzureiben, ins Hirn und ins Sitzfleisch." Doch wenn größtmögliche Textreue mit inszenatorischer Freiheit kombiniert werde, komme es zu komischen Widersprüchlichkeiten. Die Schauspieler trügen moderne Kleidung, natürlich keine Degen, so muss Hamlet für den Mord an Polonius "ein winziges Messerchen aus der Hosentasche ziehen, das er offenbar immer mit sich rumträgt [...] und nach nur einem Stich dieses Spielzeugs fällt Polonius sofort tot um."

Martin Lhotzky schlägt in der Neuen Zürcher Zeitung (30.9.2013) folgende Hamlet-Deutung vor: Sicherlich sei Claudius "nach heutigen Massstäben ein besserer Herrscher, als sein Bruder es jemals war. Nicht nur verhindert er mittels Diplomatie einen sinnlosen Krieg mit Norwegen, er füllt auch die Staatskassen durch Tribute, die von befreundeten Fürsten offenbar bereitwillig geleistet werden. Nicht zuletzt schaut er noch auf den Groschen bei den Ausgaben." Doch Breth nehme keine Gewichtung vor, "kein Blick geschärft, ein unterschiedsloses, ermüdendes Gesamtreferat ist die Folge."

"Was dem Prinzen Hamlet (August Diehl) den Kopf so schwer macht, Philosophie, zu viel Dichtung, schlechte Tabletten, das lässt sich nicht so recht erschließen", schreibt Uwe Mattheiss in der taz (1.10.2013) und hat dann doch eine komplexe Deutung parat, die Antwort gibt auf die Frage: "Wie kann man ein Jahrhundert nach Freud den Hamlet spielen?" Diehl "verwendet die Hamlet'schen Erzwingungsstrategien buchstäblich aufs eigene Spiel. Des Prinzen selbstinduzierter Wahnsinn ist es, der der entstellten Wirklichkeit erst ihre Wahrheit abringt. Sein Paradox: Er stürzt in die Selbstauflösung und wird darin erst handlungsfähig. Diehl begegnet ihm mit radikaler Identifikation bis in die letzte Haarfaser und entwirft daraus trotzdem Perspektiven der Distanzierung. Sein Spiel ist ein Hybrid aus den höchsten Gegensätzen, die sich in der Theorie über die Arbeit des Schauspielers formulieren lassen."

Wenn Andrea Breth, die "erste Regisseurin des deutschen Theaters", das "bedeutendste Stück des Welttheaters" inszeniere, habe das "das Format eines Staatsbesuchs", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (2.10.2013). Es gebe in der Inszenierung "keine Pannen, Hänger, Versprecher", das handwerkliche Niveau sei über sechs Stunden "beängstigend hoch", und doch: "Welche Starre geht von der Bühne aus!" Nach vier Stunden, bekennt Kümmel ungewohnt in der Ich-Form, sei ihm das Burgtheater "zum Gefängnis" geworden, vor allem weil "Komparsenhaftes" und "fade Glätte" das Spiel der Schauspieler charakterisiere. Nur August Diehl als Hamlet spiele wirklich, er habe "das Tänzerische, Fallsüchtige einer Marionette".

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