Das blöde Nachvorneglotzen

Berlin, 2. Januar 2008. In Deutschland, sagt Christoph Schlingensief in einem Interview im aktuellen Heft des Magazins Monopol, sei er "immer 'der Schlingensief'", einer, der provoziere. Das aber will er nicht mehr: "Ich sabotiere keine Erwartungshaltung, sondern ich habe gelernt, dass es nichts mehr bringt, mit dem Megafon vor einem Politiker rumzubrüllen. Wenn politische Kunst ihren Rahmen gefunden hat, dann ist sie nicht mehr wert als die Gedenkmünze zum G-8-Gipfel."

Und mit dem Theater will er auch nichts mehr zu tun haben. Angeblich war das sogar noch nie sein "Ding": "Dieses blöde Nachvorneglotzen. Diese angestrengten Typen, die meinen, sie wären heute Abend Hamlet und morgen Faust. Ich kenn’ sie alle aus der Kantine, sie saufen und erzählen von früher, als sie noch so toll waren. Ihre Nasen sind rot und großporig, ihr Anspruch an die Gesellschaft ist größer als ihr Einfluss."

Das einstige Motto von Thomas Meinecke – Theater zu Parkhäusern! – stimme noch immer. "Für mich war Theater im besten Fall ein Studiogelände, das direkt in die Realität überging. Dazu musste man aber das Theater verlassen, und das habe ich ausgesprochen gerne gemacht."

Das Theater sei, so Schlingensief, ein Ort, "den ich gerne benutzt habe". Und der "Druck, vor Publikum zu stehen, ist anders: Der Raum überprüft mich, nicht ich überprüfe den Raum". Die Schauspieler seien am Ende diejenigen gewesen, "denen das zu viel wurde. Im letzten Stück, Kunst und Gemüse, haben die Behinderten das Sagen übernommen".

Die Inszenierung wurde zum Theatertreffen eingeladen, was Schlingensief gefreut habe, denn das sei "ja angeblich der Ritterschlag in der Theaterwelt". Aber auch das Theatertreffen sei nur ein "jämmerlicher Fake", eine "miese Nummer", eine "Zuchtschau, bei der die Pferde prämiert werden sollen, die am besten laufen. Und man sitzt im Publikum und denkt sich, das kann ja wohl nicht sein, dass das Pferd laufen soll, das kann ja nicht mal stehen. Das war es mit dem Theater, seitdem bin ich durch damit."

Deshalb hat Schlingensief zuletzt einen Film in Namibia gedreht, eine Oper in Manaus inszeniert, eine Opern-Geisterbahn in São Paulo gebaut und widmet sich jetzt ganz seiner Karriere als bildender Künstler.

(dip)

 
Kommentar schreiben