Das Schnapslächeln des Schreckens

von Leopold Lippert

Wien, 4. Oktober 2013. Zu Beginn ist der riesige Scheinwerfer, auf einen Rollwagen montiert und an die Rampe geschoben, direkt ins Publikum gerichtet. Langsam wird das Licht immer greller, bis es blendet, bis es in den Augen schmerzt. Aha, denken wir, wir sind also gemeint, wir Zuschauer, wir Nachgeborenen, wir, die wir vergessen wollen.

Doch dann greift sich der Sänger (Maurizio Rippa) den Rollwagen und bemüht sich redlich, den Scheinwerfer in eine bessere Position zu bringen. Gemächlich und umständlich zwischen dem umgekippten Piano und den unzähligen Klavierhockern (das Bühnenbild stammt von Ralf Hoedt und Moira Zoitl) hin- und herrollend, das Kabel hinterherschleifend, wird er in den nächsten Stunden versuchen, mit dem Bühnengeschehen Schritt zu halten. Es scheint, als wollte er von Vornherein die Sinnlosigkeit des Unterfangens klarmachen, hier etwas genauer ausleuchten zu können, etwas verstehbarer zu machen.

Das Skandalon des Romans

Nach dem Berliner Gorki-Theater 2011 hat sich nun auch das Wiener Schauspielhaus in seiner Spielzeiteröffnung Jonathan Littells 2006 erschienenem Bestseller "Die Wohlgesinnten" angenommen. Littell, der die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs, durchaus plakativ, aus der Perspektive des schwulen SS-Offiziers Maximilian Aue erzählt, bemüht sich nicht nur um eine Psychologisierung der Täter, sondern auch um die narrative Verortung des Holocausts in der antiken Tragödie, genauer: in der Orestie. Das eigentliche Skandalon des Romans ist ebendiese Ästhetisierung des Schreckens, die mythische Überhöhung des Massenmords mit geradezu barocker Verspieltheit.02 diewohlgesinnten 560 steffenhoeld mauriziorippa alexi pelekanos uDie banalen Fratzen des Bösen: Steffen Höld in "Die Wohlgesinnten" © Alexi Pelekanos

Die Dramatisierung von Antonio Latella (der auch Regie führt) und Federico Bellini meidet das Tableauhafte des Romans, der genüßlich mit allerlei NS-Prominenz aufwartet, und reduziert den Stoff auf ein dichtes Dreipersonenstück, ein musikalisch untermaltes Kammerspiel für den melancholischen Max Aue (Thiemo Strutzenberger), seinen übereifrigen Freund und Beschützer Thomas Hauser (Steffen Höld) und seine Zwillingsschwester Una (Barbara Horvath).

Schmalspurganoven mit Schwanzfixierung

Weite Teile des dreieinhalbstündigen Abends, der erst den Russlandfeldzug nacherzählt und die kruden Logiken nationalsozialistischer Rassenideologie verhandelt, bevor er in das inzestuöse Psychodrama der antiken Vorlage kippt, inszeniert Latella als hochartifizielle Fuge. Eine gehetzte Flucht nach vorn, in die sich Aue und Hauser, zwei Schmalspurganoven in zu großen Anzügen und Stepptanzschuhen, literweise schnapstrinkend und exzessiv Zigaretten rauchend, immer lust- und gewaltvoller hineinsteigern.

Während die Brutalität meist abstrakt bleibt und das Morden ohne Theaterblut vonstatten geht, nehmen Schwitzen, Spucken, Tempo, Lautstärke und Schwanzfixierung stetig zu, bis Strutzenberger nur mehr erschöpft gegen den Club-Soundteppich und eine mikrofonverstärkte Prophetin anbrüllen kann: "Wie werde ich das bloß aushalten können?" Latella versucht erst gar nicht, das Böse zu erklären; er zeigt bloß die Virtuosität seiner ästhetischen Verdichtung. Dieselbe Virtuosität, mit der die beiden SS-Offiziere ihr Töten rationalisieren.

Die Eumeniden des Max Aue

Dass dieses groteske Übereinanderstülpen von NS-Täterlogik, barockem Camp, antikem Mythos und Bataille'schem Fäkalvergnügen selten peinlich wird, ist hauptsächlich Thiemo Strutzenberger zu verdanken, der seinen Max Aue weit jenseits der psychologisierenden Täterprofilierung verortet. Blitzschnell changiert er zwischen emotionalem Aufbäumen und staubtrockenem Erzählen und kann allzu Trägodienhaftem bloß ein süffisantes Schnapslächeln abgewinnen. Brutal vergewaltigt er seine Schwester Una und wirkt dabei trotzdem wie ein kleiner, verspielter Junge. Und völlig gelangweilt wartet er schließlich auf die Erlösung, als sei er ganz sicher, dass das Schicksal ihm schlussendlich wohlgesinnt ist.

Bloß wer wird hier eigentlich erlöst von den Rachegöttinnen, die sich auf wundersame Weise als wohlmeinende Eumeniden entpuppen? "Ihr Menschenbrüder!" setzt Aue am Ende mit allumfassendem Pathos an, um gleich darauf völlig Banales aus dem Nähkästchen seines neugewonnenen häuslichen Familienidylls mit Kinderschar zu plaudern. Der wahre Sehnsuchtsort des Max Aue wird währenddessen an der Bühnenrückwand freigelegt, dort, wo er ohnehin die gesamte Inszenierung hindurch gelauert hat.

Die zärtlichste Kunst

Den Hintergrund dieser modernen Orestie stellt eine Videoprojektion der Löwenbrücke im Berliner Tiergarten dar, jener schwule Cruising-Ort, an dem Aue zu Beginn des Stücks verhaftet wird. Zu einer live gesungenen Falsettversion von Rufus Wainwrights "Tiergarten" kehrt er zum Schluss im grellweißen Erlöseranzug dorthin zurück. Man will diese Utopie Aue gewiss nicht gönnen, aber dass man in all dem abstrusen Jahrhundertgewitter auch die Tragödie des schwulen Mannes noch ernst zu nehmen vermag, ist wohl die zärtlichste Kunst des Abends.

 

Die Wohlgesinnten
von Jonathan Littell
Dramatisierung von Antonio Latella und Federico Bellini
Regie: Antonio Latella, Bühne, Kostüme und Video: Ralf Hoedt und Moira Zoitl, Licht: Simone de Angelis, Musik: Franco Visioli, Kamera (Video): Till Beckmann, Dramaturgie: Brigitte Auer, Federico Bellini, Francesca Spinazzi.
Mit: Steffen Höld, Barbara Horvath, Maurizio Rippa, Thiemo Strutzenberger.
Dauer: 3 Stunden, 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Im Berliner Maxim Gorki Theater brachte Armin Petras 2011 seine Version des Romans Die Wolhlgesinnten auf die Bühne.

 

Kritikenrundschau

Antonio Latella sei, "im Verein mit Dramaturg Federico Bellini, ein Meisterwerk gelungen," schreibt Ronald Pohl im Wiener Standard (7.10.2013). Der Regisseur habe "1300 Buchseiten in den Zeitraum von dreieinhalb Aufführungsstunden eingeschlichtet und erzeuge mit seiner Inszenierung "die Stimmung eines unentrinnbaren Albtraums".

Inhaltlich wie stilistisch ist diese Performance aus Sicht von Barbara Petsch von der Wiener Presse (7.10.2013) ein faszinierendes Experiment. Latella und Bellini fänden einen ganz eigenen Zugriff: über die Musik. "Der italienische Countertenor Maurizio Rippa begleitet das Spiel mit Psychogesang – und hat seinen unheimlichsten Moment, als er leise ins Mikro zischt: Das ist das ausströmende Gas der KZ." Bis an die Schmerzgrenze würden in der Inszenierung "äußere Reize hochgedreht: Stimmen vom Band, Geschrei, Stroboskopgeflimmer, ein Scheinwerfer leuchtet wie eine Verhörlampe grell ins Publikum". Die Aufführung sei daher zum Teil schrill und anstrengend: Eine theatralische Grenzerfahrung, allerdings, deren Besuch aus Sicht der Kritikerin mehr als lohnend ist.

 

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