All-Gemeinheit überall

von Sascha Westphal

Köln, 12. Oktober 2013. Die riesige, gut dreißig Meter breite Bühne im Depot 1, der größeren Interimsspielstätte des Schauspiel Köln auf dem Gelände des ehemaligen Carlswerks, hat ihre eigenen Gesetze. Sie will mit jeder Produktion von neuem erobert werden. Für seine erste eigene Inszenierung an seiner neuen Wirkungsstätte, eine Bühnenadaption von Ayn Rands 1957 erschienenem Roman "Atlas Shrugged", in der deutschen Neuübersetzung von 2012 "Der Streik", hat sich Intendant Stefan Bachmann auf jeden Fall für den Gestus des unerschrockenen Eroberers entschieden.

Jedem seine Funktion
Zunächst bleibt die enorme Fläche kahl und leer. Zwölf Personen verteilen sich über die gesamte Breite des Raums und stehen mehr oder weniger angewurzelt in ihrer jeweiligen Lichtinsel. Eine Party ist im Gange. Der Stahlmagnat Hank Rearden (Jörg Ratjen) und seine Frau Lillian (Nicola Gründel) feiern ihren Hochzeitstag. Das Arrangement des Ensembles im Raum erzählt von einer Welt, in der jeder für sich alleine ist. Die einen halten das aus, die anderen nicht. Die Zweiten werden sich später dann zu Grüppchen und Cliquen zusammenscharen, sich verbünden und heuchlerisch als Sprecher der Allgemeinheit ausgeben, die in Rands Vision, diesem Hohelied auf Eigennutz und Individualität, eher eine All-Gemeinheit ist.

streik 560a davidbaltzer uGesellschaftspanorama in Cinemaskop: "Der Streik" © David Baltzer

Schon in dieser ersten Szene macht sich Stefan Bachmann den Ton und den Gestus der amerikanischen Autorin auf eine seltsam simple Weise zueigen. So wie Rand nur wie in Stein gemeißelte Sätze schreibt, stellt Bachmann seine Schauspielerinnen und Schauspieler wie Skulpturen ihrer selbst auf die Bühne. Sie können sich zwar bewegen, aber davon, dass sie leben würden, kann nicht die Rede sein. Hier hat jeder seine klar definierte Funktion. Sie sind alle Teil eines großen Weltentwurfs, der nur zwei Arten von Menschen kennt: die freien Individualisten und Erneuerer, die nur für sich arbeiten und so den Fortschritt weiter treiben, und die Plünderer, die große Masse, die nichts kann und nichts will als von den Früchten der Arbeit anderer zu leben.

Nur die nötigsten Charakterzüge
Die einen sind Menschen wie die Eisenbahn-Erbin Dagny Taggart (Melanie Kretschmann), der Ölmagnat Ellis Wyatt (Nikolaus Benda), Hank Rearden und der rätselhafte, zur Legende gewordene John Galt (Guido Lambrecht), Einzelgänger und Visionäre. Die anderen sind Menschen wie Dagnys ebenso schwächlicher wie hinterhältiger Bruder James (Niklas Kohrt), der rückgratlose Lobbyist Wesley Mouch (Torsten Peter Schnick) oder der von Allmachtsphantasien getriebene Dr. Ferris (Gerrit Jansen), kleine würdelose Gestalten, die wahre Größe nur zerstören können.

streik 560 davidbaltzer uDer Zauber totalitärer Kunst: "Der Streik". © David Baltzer

So in etwa charakterisiert Ayn Rand ihre Figuren. Mehr als die offensichtlichsten Attribute gesteht sie ihnen nicht zu, und Stefan Bachmann folgt ihr in dieser Hinsicht. Das gesellschaftliche Panorama bleibt ein auf Cinemascope-Breite gedehntes Standbild, in dem sie alle nichts als Sprachrohre ihrer Autorin sind. Nur gewinnen bei Bachmann nicht einmal die Visionäre klare Konturen. Melanie Kretschmanns Dagny irrt eher durch die Welt, als sie zu formen. Nikolaus Benda gibt den Industriellen Ellis Wyatt als ungeschlachtenen Cowboy; und Jörg Ratjens Hank Rearden wirkt so weich und so kindlich-hilflos, dass man ihm den Magnaten einfach nicht abnimmt.

Der Zauber totalitärer Kunst
Letztlich interessiert das ganze Arsenal an Figuren und Typen Bachmann auch gar nicht weiter, ihm schweben eher Bilder vor, mit denen er die Bühne füllen und sich den Raum als Spielplatz von Weltentwürfen und -visionen Untertan machen kann. So fährt mehrmals ein Kipplaster über die Bühne. Außerdem wird ein etwa zehn Meter langes Stück Schienenstrang live verlegt. Das hat in dieser ehemaligen Werkshalle, diesem Ort der Hochindustrialisierung, durchaus Symbolkraft. Doch verweist diese ganze irgendwo im Niemandsland zwischen Hollywood und Sozialistischem Realismus angesiedelte Gigantomanie nur auf sich selbst. Natürlich entfalten einige der von Bachmann und seinem Bühnenbildner Simeon Meier geschaffenen Bilder und Panoramen eine fast schon poetische Ausstrahlung, und auch Jürgen Kapiteins Lichtkunst, die immer wieder einzelne Scheinwerfer setzt und so riesige Schatten an die Wände wirft, entwickelt ihren eigenen Zauber.

Doch das ist der Zauber totalitärer Kunst, die erschlägt, statt zum Denken anzuregen. Ayn Rands Verehrung großer, singulärer Persönlichkeiten und ihr Abscheu gegen das Gemeinwohl leben in diesen Bildern wie auch in den karikierten Figuren ungebrochen weiter. Vielleicht könnte Bachmann den Betrachter eigentlich so zu einer klaren Positionierung zwingen. Nur schreckt er davor dann doch zurück. In der zentralen "Atlantis"-Szene, in der Dagny in einer aufblasbaren Riesen-Schneekugel John Galt kennen und sofort lieben lernt, flüchtet sich Bachmann in eine absurde Zeitlupen-Choreographie und outrierte Sprechweise. Diese billige Ironie soll eine Distanz zu diesen übermenschlichen Elite-Revolutionären schaffen, macht sie aber nur lächerlich. Doch genau das ist Rands Vision auf keinen Fall.

 

Der Streik
von Ayn Rand
Für die Bühne bearbeitet von Stefan Bachmann und Jens Gross, in der Übersetzung von Claudia Amor, Alice Jakubeit, Leila Kais.
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Simeon Meier, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Sven Kaiser, Licht: Jürgen Kapitein, Dramaturgie: Jens Gross.
Mit: Nikolaus Benda, Larissa Aimée Breidbach, Nicola Gründel, Christian Hockenbrink, Gerrit Jansen, Simon Kirsch, Niklas Kohrt, Melanie Kretschmann, Guido Lambrecht, Seán McDonagh, Jörg Ratjen, Martin Reinke, Torsten Peter Schnick, Birgit Walter.
Dauer: 4 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr zum Intendanzstart Bachmann am Schauspiel Köln: Stefan Bachmann ließ zunächst andere inszenieren, wir besprachen Ende September den Guten Menschen von Sezuan von Moritz Sostmann.

Mehr zu Ayn Rand auf Theaterbühnen: Im September 2011 arbeiteten sich Jürgen Kuttner und Tom Kühnel in ihrer Inszenierung Capitalista, Baby am Deutschen Theater Berlin an Ayn Rands "The Fountainhead" ab.


Kritikenrundschau

Stefan Bachmann verweigere jede Kommentarebene und erzähle einfach nach, schreibt Stefan Keim in der Welt (14.10.2013). "Zunächst versinkt man in der Vielzahl der Figuren, die von Scheinwerferspots aus der Dunkelheit gehoben werden. Dann zieht sich die Aufführung quälend lang zweieinhalb Stunden bis zur Pause." Viele Wendungen der Handlung wirkten seltsam unmotiviert. Bachmann, "der Experte für unmögliche Stoffe und große Bilder", zeige im zweiten Teil ein paar hübsche surreale Szenen. Und ganz am Schluss gebe es ein bisschen Ironie mit Kitsch und Trash. "Doch das alles hilft wenig, wenn die Textvorlage gar nichts bringt." Der Text sei einfach zu platt, um provokant zu sein. "Stefan Bachmann hat das leider nicht gemerkt." Ein weiteres Problem sei die Interims-Spielstätte des Schauspiel Köln: Die große Halle im Depot draußen in Köln-Mülheim lasse sich kaum bespielen. "Die Schauspieler müssen immer mit Mikroports agieren, durch den Hall ist es kaum möglich festzustellen, woher eine Stimme kommt", schreibt Keim. "Bei mehreren Leuten auf der Bühne sucht man ständig nach dem, dessen Lippen sich gerade bewegen." Außerdem seien die Schauspieler weit weg, Emotionen kämen da kaum auf.

"'Der Streik' ist bei Bachmann kein Charakterstück, aber ein ergiebiger Bilder-Steinbruch und ein Ideenschlachtfeld", schreibt Hartmut Wilmes im General-Anzeiger (14.10.2013), und: "Diese Inszenierung feiert ein visuelles Fest." Das Ereignis des Abends sei Melanie Kretschmanns ebenso elegante wie forsche, sinnliche wie skrupellose Dagny, bei der die Erotik der Gier in besten Händen ist. In der zweiten Hälfte gingen "die makellose Präzision und der Kinosog des Anfangs" verloren. Aber insgesamt findet Wilmes den Abend lohnend: Ayn Rands steile Thesen widersprächen Europas Staatsethik und einer Theaterpraxis, die ideologische Toleranz lieber an Brechts sozialistischen Lehrstücken beweise. "So wirft Bachmann den Zuschauern durchaus einen provokativen Brocken vor."

Der ökonomische Stillstand sei den Akteuren in der Bühnenfassung zunächst arg in die Glieder gefahren, schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (14.10.2013). Eine lange halbe Stunde stünden sie starr in einzelnen Lichtkegeln und reden. "Es muss ja einiges an Wirtschaftstheorie verhandelt werden." Dramaturg Jens Groß habe zwar fast nur Dialoge aus dem Roman geschält, doch der Rhythmus gerate öfter mal ins Stocken, und dann schleppe sich der Abend schwer voran, ehe er wieder Fahrt aufnehme. Streckenweise wirke das spleenige Märchen aus dem Industriezeitalter technokratisch. "Zug kriegt es, wo es düster und elegisch wird, als bildstarke Saga aus dem wilden Westen des freien Marktes."

Der Abend finde "kein konsistentes interpretatorisches Verhältnis zum Roman und zu seinen Thesen", schreibt Alexander Haas in der taz (15.10.2013). Er beschränkt sich aus Sicht des Kritikers darauf, entscheidende Szenen bildstark umzusetzen. Während drei Vierteln des Abends hat Haas den Eindruck, "dass Bachmann vor allem damit beschäftigt ist, den Roman möglichst gut gemacht nachzuerzählen. Erst spät springen endlich mal ein paar Funken von der Rampe ins Publikum über."

Für Hans-Christoph Zimmermann in der Neuen Zürcher Zeitung (15.10.2013) liegt das Hauptproblem des Abends ebenfalls darin, "dass Bachmann keine Haltung zum Stoff entwickelt". Aus Zimmermanns Sicht flüchtet sich Bachmann "allzu oft in eine vermeintliche erzählerische Neutralität, anstatt sich den Stoff zu eigen zu machen – oder ihn zu konterkarieren." "Das Verfahren mit Cinemascope-Bildern, Parallelmontage und Rückprojektion sorgt zusammen mit Sven Kaisers brillanter Filmmusik" Zimmermanns Eindruck zufolge lediglich am Anfang für eindrückliche Momente

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