Kassandra und die Hofschranzen

von Lukas Pohlmann

Zittau, 13. Oktober 2013. Ein Bettler hofft auf eine Gabe und klopft vorsichtig an ein eisernes Tor. Darin öffnet sich eine Pforte, doch statt einer Gabe bekommt er nur einen unnachgiebigen Tritt, der den Bettler auf den harten Vorbühnenboden zurückwirft. Hier nicht, meint der Tritt. Keine Chance. Denn hinter der Pforte spaziert der Hofstaat, angeführt von König und Königin. Als sich der Eiserne Vorhang kurz darauf hebt, wollen die Wohlgeborenen dem Volk aber doch ihre Güte zeigen. So darf der Bedürftige mit 15 Gute-Gaben-Talern abgehen.

Hofstaat in blütenweißem Tuch

Mit "Yvonne, Prinzessin von Burgund" des polnischen Autors Witold Gombrowicz eröffnete Dorotty Szalma ihre Schauspielintendanz am Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. In der Eingangsszene verweist die Regisseurin eindeutig auf ihr Geburtsland und erinnert daran, dass die Regierung in Budapest per Gesetz Bettler aus dem Stadtbild verdrängen will. Doch der erste starke Eindruck, dass hier eine dezidiert aktuelle, politische Form von Theater angestrebt ist, wird sich an diesem Abend nicht weiter verfestigen.

yvonne 560 pawelsosnowski uStummes Wissen: Paula Schrötter als Yvonne und Ensemble © Pawel Sosnowski

Am Hof des Königs von Burgund lebt ein gelangweilter Prinz, dessen Freunde sich in Spottspielen ergehen, während der Hofstaat in ungelenker Choreografie (die diesen Titel kaum verdient) zwischen Verbeugen und Winken auf und ab flaniert. Herrscherpaar und Gefolge sind dabei eingeschirrt in Halfter und von der Hüfte abwärts in ein riesiges weißes Tuch gehüllt – eine überbordende Metapher, die aber die Spieler bald der Lächerlichkeit preisgibt, weil ihr gemeinsames Laufen schlecht synchronisiert ist oder das Ensemble bisweilen nicht weiß, ob es gerade einer Gruppenchoreografie oder doch jeder seiner Figur folgen soll. Unentschiedenheit wird gefühlt zum Motto des Abends.

Schweigsam und wissend: Yvonne von Burgund

Paula Schrötters erster Auftritt als Yvonne ist eher der einer wissenden Kassandra, dunkel geschminkt mit großen, schönen Augen, als der einer grundlos zu Apathie und Schweigen entschlossenen Yvonne. An dieser Yvonne, die alle Konventionen sprengt, weil sie beharrlich die Rede verweigert, zu keiner Regung fähig scheint und die Anforderungen ihrer Umwelt an sich abtropfen lässt, müssen sich nun alle abarbeiten.

Zuerst wollen die banal aufgelockerten Zyrill und Zyprian von Stephan Bestier und David Pawlak ihren Höflings-Schabernack mit ihr treiben. Dann entschließt sich Prinz Phillip, das Spiel weiterzuführen und erlebt, für den Zuschauer kaum nachvollziehbar, binnen Kurzem die Wandlung vom Angeekelten zum Interessierten. Stefan Siehs Phillip hat wenig Facetten, bleibt oft auf einem Ton, bis er sich mit der Zeit, wie viele seiner Kollegen an diesem Abend, etwas warm spielt.

yvonne 280h pawelsosnowski uLudwig Hollburg als König © Pawel Sosnowski

In der Findungsphase

Man erlebt Akteure in der Findungsphase, unschlüssig bisweilen, ob sie dem grotesken Affen Zucker geben sollen (sich in die Charge steigernd: Ludwig Hollburg als König). Oder sich dem naturalistischeren Spiel zuwenden (passte folglich nicht zu ihrem Mann: Sabine Krug als Königin). Oder ihrer Figur und einer konsequenten Ausformulierung vertrauen (Marc Schützenhofer als Kammerherr mit feinem Zungenschlag).

Regie und Ausstattung sind ihnen bei ihrer Suche keine große Hilfe. Beate Voigt hat eine schwarze, nach hinten ansteigende Rampe gebaut. Die Spieler stecken in Schlafanzugeinteilern (die Herren) und niedlichen Negligés (die Damen), die mit feineren Jacketts oder Tüchern aufgehübscht werden. Auf Requisiten wird fast gänzlich verzichtet. Das Problem ist, dass die Schauspieler ob dieser Entscheidungen gänzlich auf sich zurückgeworfen sind. Dabei werden sie oft nur rhetorisch, verfallen in Chargen oder werden immer kleiner im Versuch, raumgreifend zu agieren.

Ein paar gute Regieeinfälle gibt es, etwa wenn sich Yvonne beharrlich weigert, sich zu verbeugen. Bis der Hofstaat, es ihr vormachend, sich selbst verblüfft. Im längeren zweiten Teil gewinnt das Spiel deutlich an Dynamik. Auch weil das weiße Tuch zunächst auf der Seitenbühne bleibt. Zum Höhepunkt werden dann die Protagonisten verrückt und beschließen auf amüsante Weise, die renitente Yvonne zu beseitigen. Und die Königin legt einen klassischen Wahnsinnsmonolog aufs Parkett – inklusive gespaltener Persönlichkeit und exaltierter Rezitation der eigenen Lyrik, Marke Haselstrauch und Fliederhauch.

Im Ganzen aber ergeht es Dorotty Szalma und ihrem Ensemble wie den Tauchern, die auf dem Meeresboden eine Truhe finden, in der vielleicht ein Schatz steckt. Als sie sie mit sehr viel Mühe geborgen haben, ist die Truhe leer.


Yvonne, Prinzessin von Burgund
von Witold Gombrowicz
Regie: Dorotty Szalma, Choreografie: Dan Pelleg, Marko E. Weigert, Ausstattung: Beate Voigt, Musikalische Bearbeitung: Steffan Claußner, Dramaturgie: Stefanie Witzlsperger.
Mit: Paula Schrötter, Ludwig Hollburg, Sabine Krug, Stefan Sieh, Marc Schützenhofer, Katinka Maché, Stephan Bestier, David Pawlak, Renate Schneider, Katja Schreier, Thomas Werrlich, Kerstin Slawek; Statisterie: Patricia Engmann, Corinna Krause, Lisa Maria Kurzmann, Hartmut Hohlfeld, Matthias Weber, Tobias Weber, Joachim Tandel.
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.g-h-t.de

 

Kritikenrundschau

Von einem "gelungenen Einstand" der neuen Schauspielchefin schreibt Reiner Kasselt in der Sächsischen Zeitung (14.10.2013). "Giftig ist die Zittauer Aufführung nicht, doch es fehlt ihr nicht an satirischer Schärfe, komischen Momenten und grotesken Übersteigerungen." Die Regisseurin lege die Schichten des Stückes frei, zeige die erstarrten Lebensformen der höfischen Gesellschaft. "Dorotty Szalma vertraut der Allgemeingültigkeit der Vorlage, verzichtet auf regionale Bezüge."

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