Mordpläne im Grasrausch

von Martin Thomas Pesl

Wien, 16. Oktober 2013. Es sieht aus wie im Museum für Geschichte: Auf neutrale weiße Wände sind in großen Lettern Zitate projiziert, andere Originaldokumente werden über Lautsprecher verlesen. Und das Licht auf die Szenen, die zu den Schüssen Gavrilo Princips auf den Habsburger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau hinführen, stammt fast ausschließlich aus Diaprojektoren, die je nach Szene historische oder nachgestellte Fotos an die Wände werfen. Ein Diavortrag im Museum also? Der Didaktik-Look ist ein Bild dafür, was uns diese Spielzeit noch blüht. Geschichte allüberall: 2014 (und davor) wollen die Theater uns umfassend über 1914 unterrichten.

3prinzip 560 kirsch zagermann vischer maozcalexipelekanos uIm Licht der Diaprojektoren: "Princip" © Alexi PelekanosEs sind der Erster-Weltkrieg-Projekte viele. "Princip" hingegen – reingefallen! – sieht nur so aus, als wäre es eines davon. Die vom Schauspielhaus Wien stückbeauftragte bekannteste Dramatikerin Serbiens, Biljana Srbljanović, behandelt zwar das Ereignis, das für den Kriegsausbruch verantwortlich gemacht wird, erwähnt diesen aber so gut wie gar nicht. Sie erzählt aus jugoslawischer Sicht eine jugoslawische Geschichte. Auch Regisseur Michał Zadara beliebt uns zu narren: Sein Abend sieht nur nach Museum aus, zumindest vor der Pause ist er Action pur.

Sympathischer Mörder

Trotzdem gibt es was zu lernen, etwa dass Gavrilo Princip und seine Kollegen aus der Organisation "Vereinigung oder Tod" gerade mal Teenager waren, die ihren großserbischen Nationalismus in sehr unterschiedlichem Maße ernst nahmen. Die zentrale Erklärung "Wir bringen den Ferdinand um" erfolgt in einem höchst überzeugend gespielten (und riechenden!) Grasrausch: Gavrilo und sein ohnehin etwas beschränkter Komplize Nedeljko prahlen infantil kichernd mit ihren Plänen, um Abschiedsküsse des Mädchens Ljubica zu erhaschen. Es könnte auch einer dieser Schulamokläufe bevorstehen, aber es ist der große europäische Krieg.

Dass man dessen eben nicht ständig gedenkt, ist Srbljanovićs flüssigen, auf den Moment konzentrierten Szenen zu verdanken. Wo Politisches verhandelt wird, ist immer auch das Konkrete, das Private präsent. Da will Oberst Apis den jungen Danilo verführen – zum Engagement in der Widerstandsgruppe, aber in Felix von Manteuffels exaltierter Darstellung durchaus gerne auch noch zu mehr. Zadaras Schauspielführung ist eine des Hineinsteigerns, der hohen Drehzahl. "Wirf das Messer weg!", wiederholt Gavrilo, als sein Freund aus Panik Ljubica bedroht, nicht ein-, nicht zwei, sondern an die zwanzig Mal. Das hält den ersten Teil des Dramas dynamisch, gleichzeitig gelingt es Simon Zagermann bei aller Atemlosigkeit – auch Komik – stets, den trotteligen Nedeljko nicht ins Klamaukige abgleiten zu lassen, und Martin Vischer glaubt man jederzeit, wie sehr es brodelt in dem Idealisten Princip. Man sympathisiert mit ihm, dem Mörder, und das wandelt die vordergründige Verdaulichkeit von Dialog und Regie in einen flauen Magen um.

Bedeutungsschwerer Klangteppich

Die 15-jährige Ljubica mit Nicola Kirsch zu besetzen, die deutlich älter ist als die Jungs, wirkt inkonsequent, erweist sich dank Kirschs filigraner, leicht distanzierter Spielweise aber als Stärke. Ljubica kommt im Zuge des Attentats selbst ums Leben. Übrig bleiben die Männer, und die versuchen sich nach der Pause noch an einer Art Requiem auf sich selbst. Dazu sucht der tote Mitkämpfer Danilo jeden seiner inhaftiert dahinsiechenden Freunde als Geist heim, sowohl in Gestalt des Schauspielers Gideon Maoz als auch in einer seltsam elegischen Videoanimation, die langsam den Arm hebt und Absolution erteilt. Danilo hört den Gefangenen beim Lamentieren zu ("Dieses Grab ist mir zu klein", beschwert sich etwa titelgebend Apis) und schildert ihr jeweiliges Ende: Jenes von Princip erfolgte 1918 durch Knochentuberkulose.

Während Zadara vor der Pause einem starken Dialogstück die freie Entfaltung ermöglichte, versucht er danach, mit Barbara Wysockas bedeutungsschwerem Klangteppich zu übertönen, dass der Text eben nicht mehr so gut funktioniert und einen Bogen ins Später nicht so ohne Weiteres zu spannen vermag, obwohl er es doch gerne würde, wie ein Zitat des 2003 ebenfalls ermordeten serbischen Premiers Đinđić andeutet. Beim letzten Ruf Princips schreckt man am Höhepunkt des Pathos aus der Eingelulltheit hoch. "Und unsere Gräber werden zu Europa sagen: Der Jugoslawe muss seine Freiheit erringen!", schreit da eine Figur, die in Bosnien und Serbien lange noch als Held gefeiert wurde. Was soll uns dieses Ende sagen? Verstört entlässt es uns aus einem Abend, der am aufschlussreichsten war, solange er eben nicht versuchte, ein Lehrstück zu sein.

 

Princip (Dieses Grab ist mir zu klein) (UA)
von Biljana Srbljanović
Deutsch von Vukan Mihailović de Deo und Aleksandra Pejović
Bearbeitung der Übersetzung von Renata Britvec
Regie und Bühne: Michał Zadara, Kostüme: Henriette Müller, Musik: Barbara Wysocka, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Nicola Kirsch, Florian von Manteuffel, Gideon Maoz, Martin Vischer, Simon Zagermann.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

"Obwohl der Text zuweilen gestelzt" wirke, lohne es sich, "die berühmte Geschichte" von der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand "aus der Perspektive anarchistisch und nationalistisch gesinnter Fanatiker zu sehen", befindet Norbert Mayer in der Presse (18.10.2013). Die Darsteller sparten "nicht an der Zurschaustellung von Gefühlen. Sie spielen das mit leicht ironischem Engagement. Dieses Ensemble macht einen guten, sicheren Eindruck." Aber leide habe das Stück "ein Nachspiel, das nicht nur todernst, sondern seltsam sentimental ist", selbst die Regie flüchte "nun in allerlei Ablenkung, vor allem musikalisch. Es dröhnt." Der platte Schluss lasse "fast vergessen, wie raffiniert die Autorin und der Regisseur zuvor sein konnten."

Biljana Srbljanovics Stück arbeite "die Genese und Motivik eines glühenden Enthusiasmus gut heraus", meint Margarete Affenzeller im Standard (18.10.2013). Regisseur Michal Zadara beweise "sich als Meister der Feinmotorik. Er entwickelt die nervöse Vorkriegsstimmung in prägnanten Dialogen – mit Komik und Slapstick, ohne je unernst zu werden." Der kurze zweite Teil aber wirke "wie ein Anhängsel, dennoch ein sehr gelungener Abend."

Srbljanovic erzähle "Weltgeschichte von unten, als WG-Geschichte. Ihr Stück hat Charme und Witz, ist aber auch etwas langatmig und nicht frei von der Patina des Historiendramas", schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (18.10.2103). Er hingegen hält den zweiten Teil des Abends für den stärkeren: Auch hier interessiere sich Srbljanovic "weniger für die weltpolitischen Folgen des Attentats als für das Schicksal der daran Beteiligten. In drei quälend intimen Gefängnisszenen sprechen jetzt Menschen zu uns, die nur noch lebende Tote sind."

 

 
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