Vor den Frauen tänzeln die Männer

von Michael Stadler

München, 18. Oktober 2013. Es ist schon schwer, diese drei Filme, diese drei Frauen, diese drei Schauspielerinnen aus dem Kopf zu bekommen. Mit welcher Entschlossenheit sich Émilie Dequenne als 17-jährige Rosetta im gleichnamigen Film der Dardenne-Brüder gegen die Arbeitslosigkeit wehrt. Wie ruhig, fahl und dennoch leuchtend Kati Outinen als Oberkellnerin Ilona mit ihrem Mann in Aki Kaurismäkis "Wolken ziehen vorüber" um die gemeinsame Existenz kämpft. Und wie offen und doch unnahbar Anna Levine die Titelheldin von Amos Kolleks "Sue" anlegt: eine in New York gestrandete Ex-Psychologiestudentin, die Arbeit und Kontakt sucht, mit Fremden schläft und, wenn sie einen guten Mann findet, ihn doch nicht an sich heranlässt. Die Einsamkeit geht auch aufs Konto der Einsamen.

Nach Filmen von Kollek, Kaurismäki und den Dardenne-Brüdern

Der Israeli Kollek, der Finne Kaurismäki und die Belgier Jean-Pierre und Luc Dardenne konzentrieren sich auf ihre Heldinnen, sind ihnen nicht voraus, sondern laufen ihnen eher neugierig hinterher. Genauso wie die Männer, die sympathisch sind: wenn Macho, dann soft und eher hilflos gegenüber diesen eigenwilligen Frauen, die sie begehren, die sie lieben. Von der Liebe will Sebastian Nübling in seiner Theaterverdichtung aber wenig bis gar nichts wissen. Muss er auch nicht. Und Film und Theater sollte man vielleicht auch nicht vergleichen. Aber Nübling und seine Dramaturgen haben in dieser Koproduktion der Kammerspiele mit dem Theater N099 aus Tallinn und dem Brüsseler Königlich Flämischen Theater (KVS) immerhin drei schön melancholische Filmporträts auf die Bühne verpflanzt, indem sie sich nach Belieben in den Drehbüchern bedient und dabei drei bemerkenswerte Schwerpunkte gesetzt haben.

ilona2 560 ene-liis semper uMikrophonträume mit Mirthel Pohla als Rosetta © Ene-Liis Semper

Zwei Schwerpunkte spielen gleich am Anfang von "Ilona. Rosetta. Sue" zusammen: Arbeit und Klang. Auf der Bühne hat die Estin Ene-Liis Semper eine schräg in die Tiefe führende Linie von Werktischen eingerichtet, mal mit Schublade, mal mit eingebautem Wasserbecken, alle von oben neonbeleuchtet. An ihnen bauen die neun mit blauem Plastik arbeitsgekleideten Schauspieler (der erkrankte Jochen Noch wurde an diesem Abend durch Margus Tabor ersetzt) jeder für sich einen Mikroständer plus Mikro auf, um dann professionell schnell Karotten zu schnippeln. Das ist er, der Sound der Arbeit, die den Menschen kleinhackt. Später nimmt sich eine ähnliche Gruppe Bleistifte vor, spitzt sie, erzeugt den durchdrehenden Soundtrack einer wenig hilfreichen Bürokratie. Willkommen im Arbeitsamt.

Die Mühlen des Arbeitsplatzes

Zermahlen wird der Mensch in einem ökonomischen System, wo Beschäftigung rar gesät ist und schlecht bezahlt wird. Da kann das Mädchen Rosetta (Mirtel Pohla) noch so vehement gegen eines der Wasserbecken schlagen – einen Job bringt das nicht. Glatt läuft allein der Workflow, wenn über die Tische etwa Getränkekisten hinweggeschlittert werden. Für die Arbeiter läuft es hingegen schnell bitter. Das hat der Zuschauer bald kapiert. Aber sollte es hier nicht auch um drei Frauen gehen?

Die kongolesische Schauspielerin Starlette Mathata, die mehrfach mit dem Theater KVS gearbeitet hat, steht als Ilona vorne an der Rampe. Hinter ihr tänzelt sich Steven Scharf als Ilonas Ehemann Lauri heran und ist schon im Hüftschwung ein agiler Gegenentwurf zum stoischen Kari Väänänen als Lauri in Kaurismäkis Film. Womit der dritte Schwerpunkt des Abends eingeführt ist: Steven Scharf.

Stunde der Athleten

Nübling lässt Scharf eins aufs andere Mal seiner Kollegin die Show stehlen. Lässt Scharf bei einem beruflichen Eignungstest herumspringen, der im Film gar nicht gezeigt wird. Lässt eine der schönsten Sequenzen im Film – wie Ilona gewitzt ihre Doppelbelastung als Kellnerin und Köchin in einer Bar meistert – nicht von Mathata spielen. Sondern von Scharf erzählen. Während in den Filmen die Männer entspannt die zweite Geige spielen, dürfen sie bei Nübling Vollgas geben: Sues Liebhaber Ben, im Film ein netter Sunnyboy, der sich um Sue redlich bemüht, wird von Rasmus Kaljujärv mit athletischer Gewandtheit gespielt. Die einzige Frau, die sich an diesem Abend wirklich als starke weibliche Hauptfigur durchsetzen kann, ist Wiebke Puls. Aber ist diese Sue wirklich eine Frau, die sich unterwirft? Da lässt Kaljüjärv drei Mikros phallisch baumeln, unter die Puls sich legt, um weiter verstärkt zu sprechen. Aha, es geht offenbar auch noch um männliche Dominanz. Ein Mann-Frau-Spiel, das im Film klugerweise nicht gespielt wird. Da ist der Sex, den Sue hat, einfach ein Geheimnis.

ilona1 560 ene-liis semper uBlickt nur stoisch, ist aber höchst agil: Steven Scharf als Lauri. Rauchend: Starlette Mathata als
seine Ehefrau Ilona © Ene-Liis Semper

Aus dem schüchternen Riquet im Film, dem Rosetta durch einen gemeinen Verrat den Job stiehlt, macht Sylvana Krappatsch eine affige Sporthosenrolle. Herzzerreißend, die Filmszene, wenn Sue eine Telefonistin in der Leitung hält, weil sie jemanden zum Reden braucht. Nübling lässt diesen Moment runterrattern, als ob hier ja nichts einen berühren darf. Keine Melancholie wie bei Kaurismäki oder Kollek, dafür ein wenig Dardenne-Realismus, wenn Rosetta eine gefühlte Ewigkeit Wasser aus einem Kanister ins Becken schüttet, um ihre alkoholsüchtige Mutter (Marika Vaarik) die Haare zu waschen.

Kein Moment der Stille

Kein Moment der Stille, dafür viel Aktion und klangliches Wirrwarr: Bei Nüblings Drei-Länder-Projekt Three Kingdoms grenzten die verschiedenen Sprachen sinnig verschiedene Kulturräume ab. Bei "Ilona. Rosetta. Sue." reden alle ihre Muttersprache, wechseln aber immer wieder über in eine Fremdsprache, gerne ins Englisch. Klar, global ist die Arbeitsmisere, globalisiert das Theater. Aber rechtfertigt das Beliebigkeit?

Und das Ende? Bei Kaurismäki wird Ilonas erste Chefin zur Retterin: Sie finanziert Ilona und Lauri den Traum vom eigenen Restaurant. Zu märchenhaft für unsere Zeit, meint Nübling. Stattdessen lässt er Steven Scharf ein Lied vom Haben und Nicht-Haben singen, am Boden, ganz vorne. Hinten schwingt Starlette Mathata mit den anderen sirrend ihr Mikrophon durch die Luft. Rauscht da der Kapitalismus vorbei? Rosetta gibt noch ihre Arbeit auf, weil sie sich um ihre zurückgekehrte Mutter kümmern muss. Dann geht das Licht aus, besonders über drei Frauen, die einem nicht nahe gekommen sind.

Bei Aki Kaurismäki heißt es: "Das Leben ist kurz und traurig. Freu dich, solange du kannst." Bei Nübling nur: "Das Leben ist kurz und traurig." Da wurde doch glatt die Freude herausgekürzt.


Ilona. Rosetta. Sue (UA)
von Aki Kaurismäki, Luc & Jean-Pierre Dardenne, Amos Kollek
Eine Koproduktion der Münchner Kammerspiele mit Theater NO99 (Tallinn) und KVS (Brüssel)
Regie: Sebastian Nübling, Bühne und Kostüme: Ene-Liis Semper, Musik: Lars Wittershagen, Licht: Stephan Mariani, Dramaturgie: Eero Epner, Julia Lochte.
Mit: Jochen Noch / Margus Tabor, Rasmus Kaljujärv, Sylvana Krappatsch, Starlette Mathata, Mirtel Pohla, Wiebke Puls, Gert Raudsep, Steven Scharf, Marika Vaarik.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de
www.no99.ee
www.kvs.be

 

Zum internationalen Theateransatz der Münchner Kammerspiele sprach ihr Intendant Johan Simons jüngst auf dem Jubiläumskongress des Wiener Burgtheaters.


Kritikenrundschau

Einen "todtraurigen Gesang über das, was der böse Kapitalismus aus den tapfersten Frauen unserer globalisierten Gegenwart so macht", hat Wolfgang Höbel von Spiegel Online (21.10.2013) erlebt. Nübling, den Höbel als "Stimmungsaufheller" des deutschen Theaters beschreibt, wolle sich hier "als zutiefst geerdeter Frauenversteher zu erkennen geben", weshalb seine Dramaturgie "nur die finstersten Momente" aus den Filmdrehbüchern "herausgeklaubt" habe. Mehr als eine "eher ungenaue Nacherzählung dreier Passionsgeschichten, in denen sich alles immer zum noch Schlimmeren wenden muss" sei aber nicht herausgekommen.

Als "sehr gut gelungen" schätzt demgegenüber Rosemarie Bölts in der Sendung "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (19.10.2013) diesen Abend ein. "Sebastian Nübling hat das Kunststück vollbracht, aus drei melodramatischen Einzelschicksalen ein politisches Aufklärungstheater zu inszenieren." Eine "europäische Erzählung" habe der Regisseur geschaffen, "weil doch das globalkapitalistische Wirtschaftssystem alle überall im Griff hat. Eins bedingt das andere, und alles gehört zusammen: arbeitslos, orientierungslos, obdachlos, ausweglos, würdelos."

Nach "zwei knappen, aber deutlich länger wirkenden Stunden" resümiert Gabriella Lorenz von der Abendzeitung (20.10.2013). Herausragend seien die Mehrsprachigkeit und "das ungeglättete Nebeneinander unterschiedlicher Spielweisen, die durchaus drei Welten andeuten". Nüblings Inszenierung "ist stark, wenn sie bei Theatermitteln bleibt: Es gibt wunderbar choreografierte und stilisierte Szenen. Sie hängt durch, wenn sie mit Filmaufnahmen konkurriert und Darsteller lange still an die Rampe stellt."

Die "großartigen schauspielerischen Leistungen" zerstreuen nicht das Unbehagen von Hannes S. Macher im Donaukurier (20.10.2013) über diese Filmumsetzung, die Nübling "mit überreichlich Suff- und Sexszenen angereichert hat". Auch vermittele der "Sprachenmix" in dieser europäischen Großproduktion keinen "höheren Erkenntniswert", zumal "die deutschen Übertitel nicht nur mit zahlreichen Grammatik- und Rechtschreibfehlern versehen sind", sondern "bisweilen auch nicht immer zeitgleich mit den Dialogen der Schauspieler auf dem Bildschirm erscheinen".

"In expressiver Stilisierung" gelinge dieser Produktion "ohne filmische Mittel, allein durch die raffiniert karge Bühnenausstattung und die expressive Kraft der Schauspieler eine nicht minder intensive Bühnenversion", lobt Michaela Schabel in der Mittebayerischen Zeitung (20.10.2013) und stört sich auch am "Sprachenwirrwarr" nicht. "Die Lakonie des Texts gibt Raum für Bühnenexpression, die nicht zuletzt durch die Diagonalstruktur der Bühne im Spannungsfeld von Nähe und Ferne, oben und unten, greller Helligkeit und dunkler Tiefe eine ungeheure Spannung entwickelt."

Wie schon bei "Three Kingdoms", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (22.10.2013), stünden "die Frauen im Abseits", Nübling interessiere "sich für seine Protagonistinnen nur generell (als Arrangeur und Maschinist eines performativen Workflows), nicht speziell (als Psychologe und Menschenfreund mit Liebe zu den Figuren)". Da hätte Dössel schon "ein bisschen mehr Empathie" erwartet. Der Abend kranke "an seelischer Unterkühlung, bleibt seltsam flau und mau und hält einen auf Distanz". Auf der Bühne verliere sich "das Einzelschicksal im cool arrangierten, sportiv choreografierten Neben- und Durcheinander" und rücke die "Machart" in den Mittelpunkt. "Kalte technische Perfektion." Nüblings Theater sei "eine professionelle, bestimmt sündteure Elendsproduktionsanstalt. Nur leider seelenlos".

Ein "herzzerreißendes Sozialdrama, das (...) von der Würde des Menschen handelt", hat hingegen Paul Jandl von der Welt (22.10.2013) gesehen. Es sei "eine Internationale der Melancholie, weil es die klassenkämpferische Internationale nicht mehr gibt". Vielleicht sei dieser Abend "mehr eine Choreografie als ein Theaterstück. Der wenige Text dient eher der Illustration der Bilder als umgekehrt, und was da (...) gesprochen wird, handelt von einem globalisierten Elend, das sich fast von selbst erklärt". Der Regisseur mache aus der Essenz seiner filmischen Vorlagen "ein essenzielles Stück über private Katastrophen" und halte sich dabei "von allem Plakativen fern", betreibe weder "billiges politisches Gebrauchstheater noch Argumentationshilfe für die handelsübliche Klage gegen die globalisierte Wirtschaft". Stattdessen sei er "nah an den Menschen, umhüllt sie, zum Trost, mit freundlichem Licht".

 
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