Ratatta-tschnatta

von Grete Götze

Frankfurt, 19. Oktober 2013. Wie kann man den Begriff Arbeit definieren und einordnen, wenn die Sprechchortexte des Arbeiterdichters Bruno Schönlank sich bereits anhören wie aus einer längst vergangenen Zeit? Indem man diese Worte vom Frankfurter Jazzchor "O-Töne" sprechen lässt und vor diesen Chor vier Solisten setzt, die in fünf Episoden einen verbalen Ritt durch die Geschichte der Arbeit bis in die Gegenwart machen.

Hinten vierzig sprechende Menschen: "Laufendes Band! / Muskeln / Straffen / Schaffen / Feilen..." Vorne vier sprechende Menschen: Françoise Cactus, Bernadette La Hengst, Frieder Butzmann und Sven-Åke Johansson. Sie sprechen über Marx, Werkmaschinen und unbezahlte Praktika. Hinten: Gemeinschaft. Vorne: Vereinzelung. Hinten: Früher. Vorne: Alles.

Mit großem Chor

So kann man die Arbeitswelt beschreiben, haben sich Oliver Augst und John Birke gedacht, die gemeinsam das Hörspiel "Stadt der 1000 Feuer" in titelnder Anlehnung an die Arbeiterstadt Gelsenkirchen ersonnen und es jetzt im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm zur Uraufführung gebracht haben.

stadt der 1000 feuer 2 560 wolfgang becker u"O Töne" als Chor der Arbeiterwelt und die Solisten Frieder Butzmann, Françoise Cactus und Bernadette La Hengst © Wolfgang Becker

Der Chor, bestehend aus 40 Frankfurtern in Alltagskleidung, rattert und flüstert. Er hört sich nicht schön an, sondern blechern, wütend, schrill. Aber das kommunistische Proletariat hat sich wahrscheinlich auch nicht schön angehört, als es sich in den 1920er Jahren zu Arbeitersprechhören zusammenschloss und Chortexte wie "Der gespaltene Mensch" (1927) von Bruno Schönlank sprach.

Schön klingt es, wenn der schwedische Komponist Sven-Åke Johansson "ratatta-tschnatta" sagt, immer wieder. Er spricht von fünf Tonklangbeispielen, die den Abend unterteilen, den zweiten. Darin geht es um die Werkmaschine. Erst war sie ein Webstuhl, dann eine Werkmaschine, jetzt ist sie ein 3D-Drucker. Jeden Tag eine Einheit rausrattern. 120.000. Ratatta-tschnatta. Onomatopoesie.

Von Karl Marx bis zur Generation Praktikum

Nicht alle von John Birke geschriebenen Tonklangbeispiele sind gleich interessant. Das erste widmet sich Karl Marx, wie er an seinem Lebensende krank in London sitzt und "Das Kapital" schreibt, seine fundamentale Analyse der kapitalistischen Arbeit. Mehr erfährt der geneigte Zuhörer aber nicht. Plausibel zwar, einen Abend über Arbeit im 19. Jahrhundert und mit Marx zu beginnen, aber in dieser Light-Version ist er nicht mehr als eine Schlagzeile.

stadt der 1000 feuer 3 280 wolfgang becker uAusgebeutete Praktikantin: Bernadette La
Hengst © Wolfgang Becker
Die Beispiele werden zu ihrem Ende hin interessanter. Etwa, wenn die Hamburger Künstlerin Bernadette La Hengst ins Zwiegespräch mit Johansson tritt. Sie: die unbezahlte Praktikantin, die schon Arbeit im Wert von 90.000 Euro geleistet, aber nur 5000 Euro dafür bekommen hat und aus Trotz ihre Eltern als Sponsoren auf einen Flyer setzt. Er: der entgeisterte Arbeitgeber. Die Arbeit ist bezahlt, nur nicht vom Arbeitgeber, sondern vom "Arbeitnehmergeber", eben den spendablen Eltern. Oder das fünfte Beispiel. Françoise Cactus, die französelnde Frontfrau der Berliner Band "Stereo Total", spricht von einer Agentur, die Opfer vermittelt, damit die von der Arbeit Wütenden nicht zu echten Kriminellen werden.

Endloses Elend

Die Erfinder des Abends haben sich viel vorgenommen, tippen alle die Arbeit betreffenden Schlagworte mal an: Industrialisierung, Wirtschaftswunder, Gastarbeiter, Dienstleistung, Informationsgesellschaft. Notgedrungen ergibt sich aus diesem Schlagwort-Teppich in dieser kurzen Zeit eine gewisse Oberflächlichkeit. Auch den großen Bühnenraum nimmt der in fünf Reihen angeordnete Chor, vor dem die Solisten auf Stühlen sitzen, nicht eben für sich ein. Aber der Chor, die unterschiedlichen Solisten und ihre Textpassagen ergeben doch ein gutes Puzzle unserer Welt, in der die, die Arbeit haben, genauso leiden wie jene, die keine haben. "Oh endless is this misery" singen mit den Worten Hanns Eislers alle Solisten im Laufe des Abends. Die Misere ist für jeden eine andere. Aber jeder kennt es, sein Ratatta-tschnatta.


Stadt der 1000 Feuer (UA)
Performance/Audio-Inszenierung von Oliver Augst (Komposition/Bühne) und John Birke (Text) mit Sprechchortexten aus "Der gespaltene Mensch" (1927) von Bruno Schönlank
Mit: Frieder Butzmann, Françoise Cactus, Bernadette La Hengst, Sven-Åke Johansson und großem Sprech-Chor.
Produktionsleitung: Jenny Flügge, Live Mix: Marcel Daemgen, Chorleitung: Marcus Rüdel.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.mousonturm.de

 
Mehr über die Indiepop-Musikerin und Theatermacherin Bernadette La Hengst erfahren Sie im nachtkritik.de-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

 

An der Bühnenfassung des "zunächst als Hörspiel gesendeten und nun in Augsts Theaterfassung uraufgeführten Stücks" stimme "mitnichten alles", schreibt Christoph Schütte im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen (21.10.2013), so erscheine "etwa die satirische Volte am Ende schlicht misslungen". Doch formal sei "das überaus präzise inszeniert. Und erschließt sich, je länger, desto mehr, als wesentlich auf Sprache, auf Klang und Rhythmus gebaute Komposition", so dass dieser "kurze, dichte Abend" letzten Endes doch "ziemlich großartig" sei.

 

 

 
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