Historie trifft auf Hormone

von Matthias Schmidt

Dresden, 26. Oktober 2013. Sollte es Zweifel daran gegeben haben, ob Jochen Schmidts Roman "Schneckenmühle" für die Bühne geeignet sei, so dürfen sie seit gestern als ausgeräumt gelten. Mehr noch, die Uraufführung wirkt auf den ersten Blick wie ein Selbstläufer à la "Man nehme einen Erfolgsroman, verrühre ihn mit der Spielfreude eines jungen Teams, einer ordentlichen Portion putziger Kostüme sowie einer gut verdaubaren Beilage aus Klang und Video zu einem lockeren Publikumsmagnet".

Vor allem wird viel gelacht, was angesichts der unzähligen Pointen und der Schlagfertigkeit der Vorlage naturgemäß kein Wunder ist. Womöglich macht das Theater sie gar stärker, als sie auf dem Papier schon sind. Gemeinsam lachen macht halt noch mehr Spaß, da geht einiges: fröhliche Frühgymnastik mit Ferienlager-Leiterin Rita und pubertäres Jungs-Gehabe inklusive schweinischer Witze. Aus dem Fenster pinkeln, erste Liebe, Abschlussdisco. Wie das eben so war in einem DDR-Ferienlager im Sommer 1989.

Ein Ferienlager ist ein Ferienlager

Zum Glück belässt Robert Lehniger es nicht dabei, die "Schneckenmühle" in ein bebildertes Hörbuch zu verwandeln, geeignet für alle, die damals selbst dabei waren. Für uns DDR-Ferienlagerkinder, sozusagen. Mit verschiedenen Einspielfilmen vergrößert er das Tableau und erweitert damit Ort und Zeit, vermeidet ein letztlich nur nostalgisches Erinnern. Seine Reportage aus dem echten, dem heutigen Ferienlager "Schneckenmühle" befreit den Abend nachhaltig von dem Verdacht, es gehe nur darum, humoristisch der quasi systemimmanenten DDR-Sommer-Herumlagerei nachzugehen.

schneckenmuehle 560 matthiashorn uErwachsenwerden im Ferienlager: "Schneckenmühle" in Dresden © Matthias Horn

Ferienlager sind, was sie sind, auch ohne Pioniergruß, und zu viel fiese Teewurst wird es auch noch im Sommer 2009 gegeben haben. Vielleicht sogar in den Ferienlagern an der Nordsee oder im Allgäu, worauf die zweite Videoebene lenkt: eine Umfrage auf dem Berliner Alexanderplatz, in der Passanten Kindheitserinnerungen aller Art erzählen. Die erste Musikkassette, die erste Liebe, der erste Diebstahl. Das wirkt befreiend, weil universell, denn damit verbindet jeder etwas, ob aus Dresden oder Düsseldorf.

Darf ich rüber?

Nicht zuletzt darum geht es Künstlern wie Schmidt und auch Lehniger, die sich als nach 1970 Geborene in der Aufarbeitung der DDR-Geschichte nicht wiederfanden und auch nicht wiederfinden konnten. Zu jung, um dazu zu gehören. Zu alt, um nichts damit zu tun zu haben. Da Schmidt nun mal den historischen Sommer 1989 als Handlungszeit wählte, setzt die Inszenierung auch darauf einen deutlichen Akzent: in Ton- und Videocollagen, die dann doch eine historische Dimension in das Stück einbringen.

Die Geschichte ist – wie auch im Roman – anwesend, ohne im Vordergrund zu stehen. Während also aus den Boxen und von den Leinwänden zu erfahren ist, dass Friedensgebete stattfinden und DDR-Bürger über Ungarn und die Botschaften in Prag und Warschau das Land zu verlassen suchen, liest Lagerleiterin Rita die Post der Jugendlichen mit und einige der Gruppenleiter verschwinden über Nacht. Plötzlich wird aus der von den Ferienlagerkindern vor dem Überqueren einer Straße gestellten Frage "Darf ich rüber?" eine Metapher auf diesen Sommer, in dem sich das Land leerte, in dem es denjenigen, die aus dem Ungarn-Urlaub zurückkamen, passieren konnte, dass der DDR-Paßkontrolleur sie fragte: Warum kommen sie denn zurück?

Kriegserinnerungen

So philosophieren die jungen Naiven also darüber, ob ihr verschwundener Gruppenleiter Holger im Kapitalismus arbeitslos oder Mathematikstudent geworden sei, und zwar mit derselben Eindringlichkeit, mit der sie – allen voran und unheimlich überzeugend: Thomas Braungardt als Jens – herauszufinden versuchen, warum Mädchen ein Interesse daran haben könnten, dass man "ihn" in sie hineinsteckt. Historisch trifft auf hormonell.

Berührend und für das Dresdener Theater nahezu programmatisch sind die Momente, in denen die Jugendlichen über Kriegserinnerungen ihrer Großeltern reflektieren. Jens fragt sich irgendwann, ob in den Bombennächten von 1945 der Feuertod durch Phosphorbomben oder das Ertrinken in der Elbe schlimmer gewesen seien. Das kurze Schweigen danach scheint wie gemacht für die Art von Erinnerungs- und Debattenkultur, die Intendant Wilfried Schulz in Dresden mit seinem Theater anstrebt. Anstupsen statt Provozieren. Themen anbieten statt Thesen verkünden. Die Stadt ins Gespräch bringen, generationen- und herkunftsübergreifend. So gesehen ein perfekter Abend.

Schneckenmühle
Nach dem Roman von Jochen Schmidt, für die Bühne eingerichtet von Beret Evensen und Robert Lehniger
Regie und Video: Robert Lehniger, Bühne und Kostüm: Irene Ip, Musik: Johannes Lehniger, Dramaturgie: Beret Evensen.
Mit: Thomas Braungardt, Tobias Krüger, Lukas Mundas, Max Rothbart, Laina Schwarz. Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 


Kritikenrundschau

Robert Lehniger komme es auf eine "witzige, kaleidoskopische Betrachtung eines aufregenden Lebensabschnitts, der universell daherkommt", an; die DDR-Geschichte behandle er lediglich als "Hintergrund", so schreibt Bistra Klunker in den Dresdner Neuesten Nachrichten (28.10.2013). Neben der lockeren Regieart und dem lebendigen Mix aus Videoeinsichten ins Innere der Ferienhäuser und in Verstecke und aus temporeichen Klängen ist es vor allem die Spiellust der fünf Darsteller, die den Abend unterhaltsam macht." Etwas didaktisch wirkt für die Kritikerin die Einbeziehung des Publikums – "die Inszenierung bietet genug Pointen und Nachvollziehbares für Jung und Alt."

Johanna Lemke schreibt in der Sächsischen Zeitung (29.10.2013): "Regisseur Robert Lehninger bastelt im Kleinen Haus mit großer Akribie einen Rahmen um diesen riesigen Haufen kleiner Anekdoten." Zum Glück versuche er nicht, mit authentischen Requisiten ein Ost-Gefühl herzustellen. Zwischendrin geschehe Großes. "Doch – wie das so ist wenn man jung ist – der größte politische Umschwung ist nichts gegen das Drama des Augenblicks."

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