Widerruf mal, Marx!

von Matthias Schmidt

Plauen, 3. November 2013. Nach 20 Minuten gab es den ersten Szenenapplaus, und nach 45 klatschte das Publikum bereits rhythmisch mit. Man hatte nun im Wesentlichen zwei Möglichkeiten. Die einfache lautete, und die meisten entschieden sich dafür: mitmachen, die bunte Show genießen und sich daran erfreuen, dass das Große Haus des Vogtlandtheaters ausverkauft und offenbar glücklich ist. Das soll nicht immer so sein. Die zweite war, sich um Contenance zu bemühen, denn ein Großteil der Texte dieser als Schauspielpremiere stattfindenden Musical-Uraufführung waren, um es mal vornehm zu sagen, von einer solchen Schlichtheit, dass man es nicht für möglich gehalten hätte, sie mal auf einer Theaterbühne zu hören.

Verkrampfte Reime im Stile knittelversverliebter Familienfeier-Dichter jagten einander regelrecht. Die Grund-Ansprechhaltung war so mehrdeutig wie ein Stoppschild, und die sprachlichen Bilder strotzten vor unbeholfener Zotigkeit. Im Song "Blubberblasenspaß" zum Beispiel geht es darum, "Marx unten rum zu verstehen". Nun ist das Genre Musical ja auch insgesamt nicht direkt bekannt für seine avantgardistischen Qualitäten, aber zumindest diesbezüglich zieht "Comeback. Das Karl-Marx-Musical", den Schnitt dann doch nach unten.

Marx und Engel

Das ist so hervorhebenswert, weil es einen an sich sehr unterhaltsamen, sehr professionellen und auch als Schlagzeile mit Promi-Faktor für das Theater Plauen-Zwickau erfreulichen Abend nachhaltig beschädigt. Generalintendant Roland May, frisch vertragsverlängert, ist mit dem Karl-Marx-Musical des Prinzen-Sängers Tobias Künzel nämlich ein echter Coup gelungen. Die Chemnitzer, denen das Angebot ebenfalls vorlag, griffen nicht zu, und so kam das Stück halt nach Plauen. Es handelt, grob gesagt, von einem geldgierigen Banker, der – Brechts Gedanken von der Gründung einer Bank vollendet habend – ein echter Gangster ist und sich den Ausweg aus seiner persönlichen Finanzkrise davon erhofft, dass Karl Marx seine Thesen widerruft.

comeback-i 560 peter-awtukowitschGefesselt ans Kapital: Marx-Wiedergänger in Plauen. © Peter Awtukowitsch

Die Musik ist schön und eingängig, und einige der Songs haben echtes Hitpotential. Das "Mit dir könnt' ich's mir vorstellen"-Duett von Marc (den man für Marx hält) und Jenny, der Tochter des Bankers, ist einfach bezaubernd und zeigt Künzel auf der Höhe seiner Kunst. Sänge das, sagen wir, Udo Lindenberg mit Nena, es wäre eine Nummer Eins. Die Inszenierung von Volker Metzler findet hübsche Bilder und ist phasenweise ziemlich witzig. Etwa, wenn Marc und Jenny "Marx und Engel" genannt werden oder die beiden clownsartigen "Picklediggers", deren Funktion für die Handlung ansonsten schleierhaft bleibt, dem Affen richtig Zucker geben und herumalbern, was das Zeug hält. Die Ausstattung ist ideenreich, genretypisch opulent und versucht, Klischees ironisch zu brechen.

Die Schauspieler, allen voran Daniel Koch als Rasputin Mammonson, geben alles, singen nach Kräften und vermitteln pure Spielfreude. Ab und an werden sie kabarettistisch und sorgen mit anspielungsreichen Banker-Pointen für Lacher. Überhaupt hat das Theater alle Kräfte mobilisiert, inklusive der Statisterie: in einigen Szenen finden kaum alle Platz auf der Bühne. Und dann kommen immer wieder Zeilen wie diese: "Karl Marx, du alter Kommunist, Karl Marx, komm, widerruf den Mist. Karl Marx, du schriebst das Kapital, Karl Marx, nun widerruf es mal." Nun ja.

"Krise nervt"

Die Marx'sche Krisentheorie, das, was der versehentlich für Marx gehaltene Sänger Marc widerrufen soll, spielt in "Comeback" genau genommen keine Rolle. Marx dient hier nur als Symbol, als "Nüschel", wie er in Chemnitz steht und nun auch auf der Plauener Bühne. Was zwar ein bisschen schade, aber letztlich ein großes Glück ist, weil ein seriöser Blick auf die Theorien der kapitalistischen Konjunkturzyklen erstens nicht bei Marx hätte enden dürfen (Joseph Schumpeter als Musicalheld wäre zwar denk-, aber im Osten eindeutig schwerer vermittelbar) und zweitens dem Musical endgültig seine Grenzen aufgezeigt hätte.

comeback 560 peter-awtukowitschHey, Krise, du nervst! © Peter Awtukowitsch

Die Grundidee dieses Musicals ist vielmehr, gute Laune zu verbreiten, und das geht vor allem dank der Musik hervorragend auf. "Krise nervt" heißt der Song, der es am besten zum Ausdruck bringt. Der sorgt für das anfangs erwähnte Mitklatschen und -jubeln. Als schließlich mitten im großen Schlussapplaus die ersten "Zugabe"-Rufe erklingen, lässt sich das Team nicht lange bitten. Fast der gesamte Saal steht und feiert zu einem Best-of-Medley. Das ist ohne Zweifel schön für das Theater Plauen-Zwickau. Vielleicht aber es ist auch ein teuer erkaufter Erfolg, denn nach diesem bunten Blubberblasenspaß dürfte es nicht einfacher werden, weniger Gefälliges und Kommerzielles oder inhaltlich und formal fordernderes Theater zu machen.

 

Comeback. Das Karl-Marx-Musical
von Maximilian Reeg, Steffen Lukas und Tobias Künzel
Regie: Volker Metzler, Musikalische Leitung: Ludger Nowak, Choreografie: Katja Erfurth, Bühne und Kostüm: Claudia Charlotte Burchard, Dramaturgie: Janine Henkel.
Mit: Daniel Tille, Henriette Fee Grützner, Michael Schramm, Daniel Koch, Ute Menzel, David Moorbach, Wolfgang Boos, 24 Statisten; Backgroundgirls: Verena Everding, Franziska Hamm, Sabrina Rammler; Musiker: Ludger Nowak, Christian Sorge, Max Solo, Thomas Böttcher, Christian Grochau, Remus Cozma, Jonas Winkel, Hubertus Böhm, Alexander Richter / Steffen Triems, Julia Fischer / Matthias Chalat.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten (plus Zugaben), eine Pause.

www.theater-plauen-zwickau.de

 


Der Regisseur Volker Metzler leitete in den Neunziger Jahren am Staatsschauspiel Dresden das Theater in der Fabrik als künstlerisch eigenständige Spielstätte. Später war er zwei Jahre Schauspieldirektor am neuen theater Halle und von 2001-2008 Oberspielleiter am Theater Junge Generation in Dresden. Schon damals arbeitete er mit der auch hier beteiligten Choreographin Katja Erfurth zusammen. 2008 gründet er in Dresden das freie Studio- und Künstlertheater "Dramaten", wo nachtkritik.de 2011 seine Woyzeck-Inszenierung besprach.

 

Kritikenrundschau

"Ein Philosoph als Musicalfigur: Bisher weitgehend unbekanntes Terrain für die Bühnen der Welt", so Manuel Igl im Vogtland-Anzeiger (4.11.2013). "Leider erschöpft sich (...) der Spannungsbogen des Stückes und bis zum Schluss passiert nicht mehr viel, außer ein wenig Liebe, Zoff und Totschlag." Im letzten Drittel bewege sich das Stück hart an der Grenze zur Banalität. Leider würden politische Momente nicht weiterverfolgt. Doch: "Die Premiere war, ohne Frage, ein großer Abend für das Plauener Theater."

"Lachen über den Bankencrash in Zeiten der Finanzkrise - das geht", weiß Lutz Kirchner von der Freien Presse (4.11.2013). Er erlebte "wilde Lust am kruden Witz und an sentimentalen Heile-die-Welt-Fantasien, dass es nur so knallte und kalauerte." "Manche Passagen erinnerten in naiver Schlagerseligkeit an Fernseh-Revuen der 1970er-Jahre, anderes an berühmtere Vorläufer im Musical-Genre. Den Zuschauern gefiel das, die meisten standen auf für den Applaus nach dem Finale."

 
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