Der heterosexuelle weiße Mann im Käfig

von Martin Pesl

Wien, 6. November 2013. Am Höhepunkt des multimedialen Rauschs sieht Performer Max Mayer aus wie der in seiner "Truman Show" gefangene Jim Carrey, der um seine Freiheit fleht. Sogar ein Not-Aus-Knopf ist im Inneren der Zentrifuge für ihn eingerichtet, weil dieser Schwindel wohl gefährlich werden kann – obwohl er sich selbst nicht bewegt, nur das ihn Einschließende um ihn herum. Dann ist die Klimax erreicht und dieser Funke einer Runduminstallation auch schon fast wieder vorbei, der Schauspieler so mitgenommen, dass er für die letzten Sätze das Skript hervorholen darf, um sich an etwas festhalten zu können.

Literatur, Performance, Licht, Video, bildende Kunst, Soundinstallation, das alles kondensiert der Künstler Jan Machacek in 35 Minuten zu seinem Kurzprogramm "Normarena", das er im brut im Konzerthaus, einer kleinen Studio-Blackbox, zur Uraufführung gebracht hat.

normarena 560 monikasaulich uPerformer Max Mayer im Lichtkäfig "Normarena". © Monika Saulich

Wenn alle Medien zusammenlaufen und Max Mayer im runden, sich rasant um ihn schleudernden Käfig aus Leinwänden den Text von Gerhild Steinbuch voller Verzweiflung dehnt und dehnt, mit verzerrter Fratze und irrem Augenfunkeln, lassen flackerndes Stroboskoplicht und Ton einen für eine Minute ganz physisch sich fühlen, als befände man sich inmitten eines japanischen Animationsfilms.

Selbstentdeckung und -ermächtigung
Bis dahin spielt der Raum seine Multifunktionalität aus. Lichter gehen an und aus: im Käfig, rechts daneben oder im Zuschauerraum. Der Ton kommt von überall aus geschickt platzierten Lautsprechern: Diese Arena sträubt sich so gut sie kann gegen die Rezeptionsnormen eines Theaterpublikums, gewiss aber auch gegen die eines Ausstellungsbesuchers.

Gekonnt und konzentriert hangelt sich der Performer an seinem Monolog entlang, anfangs mit Headset und im schwarzen Overall, wie jemand, der Anweisungen gibt, uns kompetent durchgeleitet durch was immer wir hier gerade durchleben. "Der Mensch steht in der Landschaft", heißt es immer wieder in dem Text von Gerhild Steinbuch, und bald schon wird Max Mayer zu diesem Menschen, der dasteht, sich selbst entdeckend und ein bisschen staunend darüber. Etwa in einer fast wortlosen Passage, wenn er mit einer Kamera spielt, deren Bilder von ihm mit Verzögerung an die drehenden Leinwände projiziert werden. Wenn er ein weißes Pulver um sich herum verstreut, einfach damit der Boden der Blackbox auch im Videobild einen Wiedererkennungswert bekommt. Und wenn er dann die Rotation des Käfigs mit vollzieht, als könne er seiner dadurch Herr werden.

Jeder hat ein Wörtchen mitzureden
Selbstermächtigung ist das hier unverbindlich angerissene Thema, Selbstwahrnehmung und wie sie letztlich zum Scheitern verurteilt ist. "Nur böse Menschen haben keinen Standplatz", ist einer der Steh-Sätze, denen das dramatische Wirbeln der Einsperrmaschine entgegengesetzt wird. Wer die Ankündigungen gelesen hat, wonach hier ein männlicher heterosexueller Weißer dagegen ankämpft, wie gut alles für ihn dank des normativen Denkens funktioniert, der entdeckt diese Prämisse auch problemlos in Text und Aktion wieder. Andere mögen sich vielleicht ungezwungen an der technischen Komposition eines hauptsächlich bildenden Künstlers erfreuen.

Momentweise fragt man sich, ob diese Performance ohne den eigens für sie verfassten Text nicht eine noch stärkere Wirkung hätte entfalten können, da er mit Text einem Theaterabend zum Verwechseln ähnlich sieht, bei dem sich jemand bemüht hat, einem sperrigem zeitgenössischen Text inszenatorisch beizukommen. Indem Machacek und Mayer aber die Sprache von Steinbuch einfach als ein weiteres Medium in die Arena schmeißen ohne direkt auf den Inhalt einzugehen, den sie vermittelt, erweist sich der Text dann doch wieder als Gewinn. "Jeder hat ein Wörtchen mitzureden, jeder hat eins mitgebracht." Eben auch die Bühne und das Licht und die Musik und der wandelbare Performer.

 

Normarena
Von Gerhild Steinbuch
Konzept, Raum, Regie: Jan Machacek, Livemusik und Videotechnik: Oliver Stotz, Dramaturgische Beratung: Judith Staudinger, Technik: Jakob Scheid, Licht: Sabine Wiesenbauer, Kostüme: Lise Lendais.
Mit: Max Mayer.
Dauer: 35 Minuten, keine Pause

www.brut-wien.at
machacek.klingt.org

 

Kritikenrundschau

In der Wiener Zeitung (8.11.2013) bezeichnet Kai Krösche Jan Machaceks "Normarena", "diese Zentrifuge aus Licht, Projektionen und ständiger Bewegung" als eine "beeindruckende Apparatur, die er im Zusammenspiel mit Mensch, passgenau ausgerichteten Projektionen, Stroboskoplicht, Livemusik und Geräuschen in Szene setzt." Und tatsächlich gelinge die "sinnliche Erfahrung (…), wenn auch an der einen oder anderen Stelle der dramaturgische Bogen des teils sehr abrupt die Stimmung wechselnden Abends ein wenig geschickter hätte gespannt werden können." 

 
Kommentar schreiben