Untergeher im Asyl des Lebens

von Michael Laages

Frankfurt, 8. November 2013. Warum eigentlich nicht? So unübersehbar sinn- und erfolglos projizieren sich sämtliche Sehnsüchte aller im Stück agierenden Frauen auf diesen modernen Ritter von der traurigen Gestalt, dass sich ruhig die einzige Figur in glänzendes Brautkleidweiß werfen kann, die tatsächlich eine Beziehung im etwas engeren und eben nicht bloß mitleidigen Sinne mit diesem Fürsten Myschkin gehabt haben mag, der da gerade aus Schweizer Kliniken zurück gekehrt ist ins heimatliche Russland und wohl ein Erbe von nicht unbeträchtlicher Höhe antreten wird.

Nur der zwielichtige Kaufmann Rogoschin erscheint im letzten Bild der Frankfurter Inszenierung von Stephan Kimmig wie zur Hochzeit ausstaffiert als liebende Frau. Er sehnt sich nach einer Nacht mit und neben dem Fürsten, fantasiert zwischen sich und ihm auch die tote Nastassja Filippowna, die beide so ausgesprochen fatal und hoffnungslos geliebt haben.

idiot 3622 560 birgit hupfeld uWüstes Dunkel mit wüsten Seelen: Nico Holonics (Myschkin), Verena Bukal (Jepantschina)
und Lisa Stiegler (Aglaia). © Birgit Hupfeld

Wie schon oft gelingt es dem Regisseur, mit diesem wie mit anderen einzelnen Bildern einen ausgedehnten Theaterabend lang Momente von Phantasie und Vision zu stiften. Doch der Eindruck verdichtet sich bald, dass die Einfälle keiner grundsätzlichen Idee folgen.

Geflecht der Abhängigkeiten

Katja Hass hat der Inszenierung einen Raum mit auf den Weg gegeben, der sofort Assoziationen an einen anderen klassischen Russen hervor ruft: Dieser nach hinten immer flacher werdende Dachboden ganz in düster und schwarz, ein bühnenbreites Gefängnis ohne Zu- und Ausgang, dafür aber auf braunen Sand gebaut, erinnert eher an Gorkis "Nachtasyl". Wer gerade nicht zu spielen hat, zieht sich in die Grotte unters Flachdach in der Bühnentiefe zurück, wo im ersten Teil eine kleine Feuerstelle vor sich hin blakt. Im zweiten Bild rückt ein Requisit nach vorne ins Zentrum, das wie ein alter Ofen aussieht, vielleicht die Feuerstelle von zuvor – sonst ist das Dunkel wüst und leer. Über dem flach gedrückten Raum sind fünf eher überflüssige Video-Bildschirme in den Bühnenhimmel montiert, auf denen sich zunächst irgendeine Natur im Wasser spiegelt und später Gesichter immer unschärfer werden.

Was dieser Raum nicht bieten kann (und wohl auch nicht soll und will), ist irgendeine Art von Kontinuität der Fabel. Wer seinen Dostojewski nach der Lektüre nicht halbwegs in Erinnerung behalten hat, der wird sich in Frankfurt einigermaßen schwer tun mit den Stationen der Passion vom Epileptiker Myschkin, der in der Familie vom General Jepantschin Unterkunft findet (der hier gestrichen ist) und umgehend, ohne es zu wollen, sowohl der Generalin als auch Tochter Aglaja den Kopf verdreht; vom wohlhabenden Rogoschin, der in fataler Leidenschaft die gesellschaftlich hoch gehandelte, aber moralisch eher zweifelhafte Nastassja Filippowna mit Hilfe von sehr viel Geld für sich gewinnen will, und dessen geschäftlichem Partner Lebedjew. Dessen Funktion lässt Kimmig übrigens völlig im Unklaren. In dieser Figur verdichtet die Aufführung wohl auch einige wichtige Texte, die eigentlich Personen gehören, die in dieser Inszenierung des Stoffs gestrichen sind. Drei Frauen, drei Männer, und der wunderliche Myschkin mittendrin als magisch anziehender Kern, der im zweiten Teil auch noch zwei weitere Verzweifelte und Untergeher in den Bann zieht – weniger als um die Fabel geht es Kimmigs Team um das Geflecht der Abhängigkeiten in diesem Gefüge. Der Rest bleibt Fragment.

Aggressive Verzweiflung

Myschkins epileptische Anfälle strukturieren im ersten Teil die Szenen und sind jeweils von flirrenden Licht- und Blitz-Effekten begleitet. Der Kranke scheint dabei die dunklen Wände hochgehen zu wollen. Im zweiten Teil bleibt von der Kletter-Sehnsucht das Ringen der Hände, vorzugsweise gen Himmel. Der von Nico Holonics gespielte Myschkin driftet mit der Zeit allerdings immer weiter weg vom heiligen Ernst der Rolle und wirkt mit fortschreitender Dauer der Passion wie eine Art Mischung aus der Akustik von Martin Wuttke (in Castorfs "Idiot" von 2002) und der Optik von Helge Schneider. Für Lukas Rüppels Rogoschin hat sich die Inszenierung grundsätzlich ohnehin nur Exzentrizitäten ausgedacht. Er spricht etwa zu Anfang und am Ende eine Art Straßen-Slang (mit "weißte" und "siehste"), ohne dass recht klar würde, warum.

idiot 3628 560 birgit hupfeld uFatale Leidenschaft. Isaak Dentler (Iwolgin), Katharina Bach (Nastassja), Nico Holonics (Myschkin) 
© Birgit Hupfeld

Den Kern der Kämpfe bilden ohnehin nicht die exaltierten Mannsbilder ab, sondern zwei der Frauen – Katharina Bach, die aus dem Studenten-Studio des Frankfurter Schauspiels vom Start weg eine fabelhaft aggressive und Verzweiflung stiftende Nastassja kreiert, und Lisa Stiegler, deren Generalstochter Aglaja, eigentlich einem braven Bürger versprochen und nun von Myschkin aus aller Ruhe und Gewissheit gerissen, die fundamentalen Entscheidungen zwischen Mitleid und Liebe erzwingt. Ihr zuzuschauen, macht viel vom Feuer dieses verzweifelten Gott- und Sinn- und Liebesucher-Dramas erst so recht kenntlich; und übertüncht eine Menge aufgesetzter Effekte und Affektiertheiten in Inszenierung und Ausstattung.

Generell ist "Der Idiot" in Frankfurt dennoch kein großer Abend. Zu wenig fügen sich auch die unstreitig visionären Passagen des Textes (über die Gier etwa und das Geld, über Töten und Sterben) zur fundamental stark strukturierten Fabel, die sich doch allemal erzählen ließe mit diesem immer noch so furiosen wie unergründlichen Material. Teil eins einer Dostojewski-Trilogie sei diese Inszenierung, verkündet das Programm – da ist noch Einiges mehr drin.

 

Der Idiot
von Fjodor M. Dostojewski
aus dem Russischen von Swetlana Geier
Frankfurter Fassung Stephan Kimmig und Claudia Lowin
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Hass, Kostüme: Johanna Pfau, Musik: Michael Verhovec, Licht: Johan Delaere, Video: Julian Krubasik, Dramaturgie: Claudia Lowin.
Mit: Katharina Bach, Verena Bukal, Isaak Dentler, Paula Hans, Nico Holonics, Christoph Pütthoff, Lukas Rüppel, Lisa Stiegler, Carina Zichner.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Stephan Kimmigs Frankfurter Version des "Idioten" sei eine "Geduldsfolter und eine maßvoll realistische Illustrationsrunde", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (11.11.2013), nämlich "die Illustration einer einzigen Dauerverzweiflung und -angespanntheit. Weniger individuelle Figurenentfaltung, weniger Entwicklung, weniger Steigerung" sei "nicht denkbar. Der Frankfurter 'Idiot' ist ein großes Tableau, in dem viel geredet, gegen Wände gelaufen, Handstand gemacht und der kleine Finger gespreizt wird". Alles sei "Manier, Stimmung, Szenenfetzen. Handgelenke drehen sich in nach außen gestülpter innerer Qual. Mehr so allgemeiner Qual, weil Zusammenhänge, menschliche, soziale, politische, keine Rolle spielen."

Kimmig habe Dostojewski "in unsere spätkapitalistische Erfahrungswelt übertragen", meint Kerstin Holm in der Frankfurter Allgemeinen (11.11.2013) und radikalisiere "die Vision des Russen noch einmal, allerdings durch ein konkretes Symbol", nämlich durch den von Katja Hass entworfenen "postapokalyptischen Bunker". Mit der von Kimmig "einseitig sozial definierten Besatzung" jedoch gebe "der zum Stück gemachte Roman zwar dauernd Gas", komme aber "nicht vom Boden hoch. Zwar lohnt der großartige Text die Mühe allemal, doch die Figuren bleiben geheimnislos. Ihre schicksalhaften bis selbstzerstörerischen Gefühle nimmt man ihnen je länger desto weniger ab."

Zunehmend werde in Kimmigs Version des "Idioten" der von Nico Holonics dargestellte Fürst Myschkin "zum Erlöser-Darsteller mit Erlöser-Gesten, reduziert auf besänftigend erhobene Hände, gen Himmel gereckte Arme, Pieta-Posen, Kreuzigungs-Pathos und Märtyrergetue", sagt Cornelie Ueding im Deutschlandfunk (10.11.2013). Das sei "zu viel für ironisch gemeintes, distanziertes Zitieren." Weder wage "Kimmig den radikalen Bruch mit Dostojewskis masochistischer Manie noch mit dessen religiös grundierten Erlösungsphantasien", und so bleibe "die Hauptfigur auf halber Strecke zwischen spätromantischem Schmerzensmann und sentimentalem Möchtegern-Guru stecken. Selten liegen in einer so hochkarätig besetzten Aufführung grandiose, dichte Momente und zerdehnte Phasen derart nahe beieinander."

Kimmig verzichte "auf Verweise auf aktuelle Diskussionen", es werde "auch so mehr als deutlich, dass die radikale Ego-Gesellschaft, die Dostojewski in seinem Werk beschrieben hat, sehr viel mit unserer Zeit zu tun hat", schreibt Alexander Jürgs in der Welt (11.11.2013). Für ihn ist der "Idiot" "ein besonderer Theaterabend – genauso beklemmend wie beeindruckend."

Egbert Tholl schreibt in der Süddeutschen Zeitung (12.11.2013): "Alles ist trübe, dunkel, mies." In den vier Stunden, die sich noch länger anfühlten, gebe es nur einen emotionalen Zustand: "Hysterie". Was an sich nicht falsch beobachtet sei, führe aber dazu, dass es von Anfang an nichts mehr zu retten gebe. "Doch vier Stunden exponierte Selbstzerfleischung aus letztlich nur Liebesgründen - alles andere rutscht Kimmig weg oder findet nicht statt - hinterlassen keinen Effekt." Und: "Irgendwann sind alle Knochen abgenagt und alle Nerven zerfetzt, dann ist es aus."

"Was Stephan Kimmig trieb, Dostojewskijs 'Idiot' für das Theater zu bearbeiten und zu inszenieren", wisse "kein Mensch", befindet Michael Kluger in der Frankfurter Neuen Presse. Wer den Roman nicht präsent habe, werde "aus den gebotenen Fragmenten kaum schlau. Keine Figur besitzt wirklich Charakter und Kontur. Wer welche Rolle spielt, bleibt nebulös. Treten diese puppenhaften Wesen zueinander in Beziehung, wirkt es zufällig und künstlich." Das Ganze möchte "womöglich eine bedeutende Fantasmagorie über das Ende der Menschheit sein, in pathetisch-apokalyptischen Theaterbildern. Aber es ist nur eine Theaterqual".

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