Für Migration geöffnet

13. November 2013. Am Freitag geht die erste Premiere der Intendanz Shermin Langhoff über die Bühne des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, Nurkan Erpulats Inszenierung von "Der Kirschgarten". Im Interview mit Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung spricht sie über den Stand des postmigrantischen Theaters.

Es ging Nurkan Erpulat schon in der Hochschule so, "dass von ihm nicht der Shakespeare gewünscht wurde. Obwohl er am liebsten Shakespeare gemacht hätte. Die Dozenten baten ihn, 'ihm mehr naheliegende Stoffe' zu bearbeiten. Das deutsche Staats- und Stadttheater hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr schwer getan, sich für Migranten zu öffnen, egal ob für Schauspieler oder für Regisseure", so Langhoff. Das liege darin, dass der Betrieb umkämpft sei, und an dem traditionellen Konzept von Stadttheater, "das den Bildungsauftrag hat, den klassischen Kanon zu vermitteln. Aber auch das Theater hat sich weiterentwickelt".

Das gemischten Ensemble, elf der 16 Schauspieler haben ausländische Wurzeln, sei aber kein Politikum, "es ist halt da und spiegelt eine gesellschaftliche Realität wider". "Es war meinem Co-Intendanten Jens Hillje und mir ein Anliegen, Persönlichkeiten zu suchen, die neben ihrem Handwerk eigene spannende Geschichten mitbringen".

Inzwischen habe sich auch die mangelnde Förderung migrantischer Theatermacher geändert. "Nach Blackfacing und anderen Debatten versucht jetzt jedes Theater, seinen Schwarzen oder seinen Migranten zu haben. Auch Schauspiel- und Regieschulen schließen Migranten heute nicht mehr aus, sondern interessieren sich manchmal sogar besonders für sie."

Am Gorki habe sie nun mehr Ressourcen als am Ballhaus Naunynstraße für den ästhetischen Anspruch. "Wir werden trotzdem weiter vom Inhalt ausgehen. Ich glaube, dass das Theater in den letzten Jahren keine Probleme hatte, spannende Formen zu finden, sondern Probleme, Themen zu setzen und für sie zu stehen."

Zwar stehe es mit der Integration nicht so schlecht. "Trotzdem sitzen Migranten, ebenso wie Frauen, fast nie in Vorständen und Intendanzen." Es gebe auch keinen Migranten-Bonus im Kulturbetrieb. "Wenn es selbstverständlich wäre, dass eine türkischstämmige Frau Intendantin wird, dann wäre ich ja nicht die erste." In den letzten Jahren habe sich eine Hybris ergeben: "Alle müssen was zu Migration und Migranten machen. Das ist auch über politische Forderungen gekommen und hat nicht immer Sinn gemacht. Es gab sehr viele Ehrenmord-Stoffe auf deutschen Bühnen, vermutlich mehr als Ehrenmorde. Aber dennoch ist die Förderung nötig nach jahrelanger Abstinenz."

(sik)

 
Kommentar schreiben