Betreutes Theaterwohnen

von Falk Schreiber

Hamburg, 17. November 2013. "Mein Name ist Schreiber", stelle ich mich vor, "es müsste eine Karte für mich reserviert sein." "Falk!" ruft die junge Frau hinter der Theke (Carolin Seidl), "das ist Falk!"; sie strahlt, aber etwas in ihr strahlt zu grell, sie scheint sich von Herzen zu freuen, doch als ich mein Ticket in Empfang nehme, fürchte ich mich. Wenn ich schon am Eingang mit Emotion überschüttet werde, mit Emotion, die zu viel ist, übertrieben, dann bekomme ich es mit der Angst zu tun. Und ich kenne diese Frau ja auch gar nicht. Kenne ich sie nicht?

Das "Haus Lebensbaum" ist eine Einrichtung für betreutes Wohnen. Der Psychiater Dr. Marius Mittag (Sebastian Sommerfeld) hat hier sechs Familien untergebracht, die vor 20 Jahren in einem schweren Autounfall verwickelt waren, und die exakt neun Monate nach diesem Unfall jeweils ein Kind bekamen – Kinder, die alle mit schwarzer Iris geboren wurden, und die anscheinend seherisch begabt sind. Genaues weiß man nicht, die Aussagen der Kinder sind ungenau, verschwimmen in der Unschärfe diverser ausgebildeter Psychosen, massiver Alkoholmissbrauch unter den Erwachsenen tut sein übriges.

SchwarzeAugen3 560 ErichGoldmann uWie wurden sie, was sie wurden? Eins der Kinder, 20 Jahre danach mit Vater John (Arthur Köstler).
© Erich Goldmann

Zu ihrem 20. Geburtstag laden die Kinder zum Tag der offenen Tür, man besucht die Familien in ihren Wohnungen: den Lastwagenfahrer John (Arthur Köstler), dessen Viehtransporter sich auf der Autobahn querstellte. Den Bauer Gert (Johannes Köhler), der am Unglücksort erste Hilfe leistete. Corinna (Jenny Steenken), die Kellnerin aus dem Truckertreff. Nach und nach erhellen sich die Umstände des Unfalls, auch Dr. Mittag gibt Erklärungen: Die Kinder leiden am seltenen "Teiresias-Syndrom", benannt nach dem blinden Seher aus der griechischen Mythologie. Aber kann man Mittag trauen, wie er jovial plaudert und die Familien gleichzeitig in Abhängigkeit hält? Allan Sternlieb (Franz-Josef Becker) jedenfalls ist sehr zurückhaltend, als man ihn über sein Verhältnis zum Psychiater ausfragt: "Ich sag mal so: Jeder hat mal einen schlechten Tag."

Apokalyptische Reise

Das "Teiresias-Syndrom" gibt es nicht, genauso wenig wie es ein "Haus Lebensbaum" gibt. Das Gebäude ist die ehemalige Elise-Averdieck-Schule, ein leerstehender, vierstöckiger Klotz im Hamburger Osten, in dem die dänisch-österreichische Gruppe Signa ihre Performanceinstallation "Schwarze Augen, Maria" aufgebaut hat. Sie folgt dem mittlerweile aus Köln und Berlin bekannten Muster, dass eine Handlung über verschiedene Stationen eines möglichst verwinkelten Parcours erzählt wird, in dem sich das Publikum individuell die Geschichte zusammenpuzzlen darf. Vier Stunden hat man in "Schwarze Augen, Maria" Zeit, alle sechs Familien zu befragen, dann wird in die Aula gebeten, zu einem bunten Abend mit Drinks, Tanz und einem apokalyptischen Stück im Stück namens "Die große Reise".

SchwarzeAugen2 560 ErichGoldmann uÜbergriffe auf der psychischen Ebene: Patientin im "Haus Lebensbaum"  © Erich Goldmann

Bei Die Erscheinungen der Martha Rubin (2007), Signas Durchbruch in Deutschland, war das Grundthema Religion, zuletzt im März bei Club Inferno war es Gewalt, hier ist es Behinderung. Das Motiv des Prophetischen taucht immer wieder auf, genauso wie der Distanzverlust zwischen Publikum und Performern, auch wenn der Zuschauer in "Schwarze Augen, Maria" weniger körperlich angegangen wird als bislang: Übergriffe finden hier eher auf der psychischen Ebene statt.

Gruselfilm im Haus

All das passiert in einem bis ins kleinste Detail durchdachten, großartig heruntergekommenen Setting, die Darsteller sind durch die Bank atemberaubend (auch wenn es auf der moralischen Ebene nicht unproblematisch ist, dass nichtbehinderte Schauspieler Behinderte spielen, gerade weil sie das so gut machen). Und nicht zuletzt ist die Geschichte klug komponiert, sie ist spannend, sie ist bei aller Zersplitterung in sich stimmig; sie weiß um die Spezifika ihres Spielorts, wenn an mehreren Stellen der politische Skandal der privatisierten Hamburger Gesundheitsversorgung angesprochen wird. Dennoch fehlt der Aufführung ein letzter Kick, eine inhaltliche Dringlichkeit, die der radikalen Form entsprechen würde. "Ich brauche keinen Fernseher", sagt John mit Blick auf seinen Sohn, "ich habe meinen Gruselfilm im Haus". Ja, das Stück ist ein Gruselfilm, wie er kaum raffinierter sein könnte, viel mehr ist es aber nicht.

Eigentlich hätte "Schwarze Augen, Maria" im Eröffnungswochenende der Karin-Beier-Intendanz am Hamburger Schauspielhaus die installative Flanke abdecken sollen, nach Beiers eigener Inszenierung "Die Rasenden" am Freitag und vor Friederike Hellers "Nach Europa" am Sonntag. Nachdem "Die Rasenden" aber wegen eines Unfalls auf der Hauptbühne in den Januar verschoben wurde, rutschten Signa unfreiwillig in die Rolle, die zentrale Eröffnungspremiere stemmen zu müssen – eine Rolle, die "Schwarze Augen, Maria" nicht ausfüllen kann, auch nicht will. Am Ende bleibt das Bild eines abgründigen Laientheaters: "Ihr lieben Leute, habt gut acht / Was wir an Finstrem mitgebracht." Das Schauspielhaus ist eröffnet: Hamburg, nun freue dich.

 

Schwarze Augen, Maria
von Signa in Zusammenarbeit mit Sebastian Sommerfeld
Regie: Signa Köstler mit Sebastian Sommerfeld, Bühne und Kostüme: Signa Köstler mit Mona el Gammal, Mediendesign: Arthur Köstler, Sound Design: Christian Bo, Dramaturgie: Sybille Meier.
Mit: Franz-Josef Becker, Michael Behrendt, Christian Bo, Özlem Cosen, Mona el Gammal, Judith Fraune, Petra Gantner, Ana Valeria González, Martin Heise, Johannes Köhler, Arthur Köstler, Signa Köstler, Ilil Land-Boss, Siri Nase, Silvia Petrova, Max Pross, Steven Reinert, Andreas Schneiders, Carolin Seidel, Helga Sieler, Sebastian Sommerfeld, Jenny Steenken, Simon Steinhorst, Mareike Wenzel, Julia Bahn, Anne Hartung, Sophie Hussain, Tom Korn, Klara Stoyanova, Amanda Babaei Vieira, Eileen Weber, Bettina Woitt.
Dauer: 4 Stunden, keine Pause, zuzüglich mindestens 45 Minuten, "Die große Reise", open end

www.schauspielhaus.de
www.signa.dk

 

Kritikenrundschau

Signa schaffen eine Parallelrealität, deren Sog man sich in der vierstündigen Performance nicht entziehen kann, findet Alexander Kohlmann im Deutschlandradio Kultur "Fazit" (17.11.2013). "Nach drei Stunden in jenem Haus passt auch der abgeklärteste Besucher sich an, nimmt die Ärzte als Ärzte und die Bewohner als krank und verletzlich wahr." Eine beunruhigende Erfahrung sei das, "wenn die Theaterrealität wider besseres Wissen so real anmutet, dass es schwer fällt sich zu entziehen." Umso fragwürdiger sei das Bild, was Signa hier von pychiatrischen Einrichtungen und dem Leben behinderter Menschen zeichneten. "Dem jahrzehntelangen Bemühen zahlreicher Organisationen eine Entstigmatisierung seelischer und körperlicher Beeinträchtigungen zu erreichen, haben die Künstler mit der Materialisierung dieses Albtraums jedenfalls einen Bärendienst erwiesen."

Michael Laages schreibt auf der Website des Deutschlandfunks (18.11.2013), der "Tag der offenen Tür" im "Haus Lebensbaum" sei ein "Ereignis der sehr besonderen Sorte". "Sintflut und Arche Noah" seien gedanklich nicht weit; das "fundamental-ökologische Menetekel vom Weltuntergang" vermenge das Signa-Team mit den "Oberflächenwirkungen psychiatrischer Versuchsanordnungen" – alle Kinder "sind extrem altklug", alle Eltern "total überfordert" und traumatisiert. "Wir sind gezwungen, diesen Berufenen und Ausgestoßenen sehr nahe zu kommen"; wer einsteige, erlebe "die Erfindung einer Art von Theater aus dem Geiste unverstellter Menschen-Kunst". Weit weniger "spektakelig und spekulativ" als zuletzt im schmerzhaft-erotischen "Club Inferno" treffe diese Signa-Fantasie "mitten ins Herz".

Als "begehbares Unterschichtenfernsehen" beschreibt es Tobias Becker auf Spiegel online (18.11.2013). Der Zuschauer, der sich darauf einlasse, verliere seine gewohnten Sinne, sehe dafür aber mehr. "Er verliert den passiven Blick auf die Dinge, aber dafür begreift er sie, in einem ganz wörtlichen Sinn. Er nimmt keine intellektuell abgehangenen Botschaften mit, wie sonst meist im Theater, sondern Erfahrungen." Frühere Signa-Produktionen unter Beiers Kölner Intendanz, etwa "Die Erscheinungen der Martha Rubin" oder "Die Hades Fraktur", seien vielleicht noch spektakulärer, noch verwirrender, noch verstörender gewesen als "Schwarze Augen, Maria". Aber das möge auch daran liegen, dass viele Besucher inzwischen Erfahrungen mit Signas Parallelwelten gesammelt haben. "Und daran, dass die neue Parallelwelt die Besucher nicht ganz so exzessiv zum Saufen einlädt wie manch frühere."

"Die Zuschauer werden Raum für Raum, Schicksal um Schicksal vereinnahmt, sollen für die Reise ans Ende der Welt angeworben werden, werden sanft zum Mitspielen gezwungen, mitinstalliert", beschreibt es Stefan Grund in der Welt (18.11.2013) und zeigt sich beeindruckt und gequält zugleich: "Dieser Abend von Theaterverrückten für Theaterverrückte ist ungeheuer anstrengend, er trägt manipulative und sadistische Züge." "Fast alle" Besucher stünden den Mitgliedern der Sekte der Apokalyptiker nach sechs Stunden "gefühlt nah".

"Die Illusion, in einer ehemaligen Hinterhofschule in Hamburg-Wandsbek unter dem Titel 'Schwarze Augen, Maria' erzeugt wird, zielt auf das gesunde Misstrauen gegenüber esoterischen und okkulten Behauptungen - und berührt zunächst sichtbar das Schamempfinden der Gäste", so Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (19.11.2013). Zunächst sitze man verlegen in einem pastellfarbigen Wohnzimmer, das detailliert geschmacklos eingerichtet sei. "Die Konstruktion der Geschichte hinter dem schrägen Gebaren ist extrem komplex und reizvoll, weil die okkulte Behauptung eng an soziale Realitäten und glaubwürdige Ereignisse gebunden ist." Dem dreißigköpfigen Ensemble gelinge es in der detailverliebten Kulisse, Heim- und Krankenhausatmosphäre ebenso realistisch wiederzugeben wie das proletarisch prekäre Milieu der Eltern.

Stephen King und David Lynch hätten ihre helle Freude an "Schwarze Augen, Maria", vermutet Peter Kümmel in der Zeit (21.11.2013). "Aber wozu das alles?", fragt er. "Vermutlich verkörpert Gert Millstein in aller Demut den Ehrgeiz der Künstlergruppe Signa: verzerrende Nachahmung und Verkleinerung der Welt zur Erforschung ihrer geheimen Gesetze. Ihre Besessenheit macht sie in dieser Kunst unschlagbar."

 
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