... Vegard Vinge?

von Matthias Weigel

Berlin, 20. November 2013. Manchmal, wenn man abends am Prater der Volksbühne vorbei spaziert, sieht man noch Licht brennen. Ob Vegard Vinge gerade für sich allein seine 179. Vorstellung spielt, halbverhungert, in einem Meer aus Pisse und Kunstblut? Draußen auf den Eingangstüren verwittert jedenfalls trotzig die große, weiße "12", letzter Überrest des unrühmlich zu Ende gegangenen 12-Spartenhauses.

Extremkünstler und Zielspritzer Vinge hatte es im Juni tatsächlich geschafft, Deutschlands linksten Intendanten in die Rolle des bürgerlichen Papis zu drängen, der pflichtbewusst mit dem Zeigefinger wedeln musste: Nein, Veggie, so nicht, du musst dich schon an die Spielregeln halten, sonst ist das Spielzeug weg.

So geschah es dann auch. Die angekündigte Wiedereröffnung des "12-Spartenhauses" ist vorerst abgesagt, weil sich "die Arbeit des norwegischen Künstlerkollektivs nur schwer und für die künstlerische Freiheit unzureichend mit den Arbeitsbedingungen der Volksbühne verbinden lässt". Man hätte schon hellhörig werden müssen, als Castorf ohne zu würgen das Wort "Bayreuth" in den Mund nahm. Ist er jetzt also öffentlich zum Revolutionsverhinderer geworden?

Aber nein. Die Volksbühne hat nämlich ein Herz für systeminkompatible Künstler. Dem Größenwahn des Kunstdiktators versucht man mit "maximaler Arbeitsfreiheit" zu begegnen: Vinge, Müller und Reinholdtsen dürfen erstmal im Prater wohnen bleiben. Dort "arbeiten" sie derzeit laut Volksbühne weiter. Wie das wohl aussieht? Vormittags im 12sh 280 2slemOb es auch einen leckeren Weihnachtsprater
geben wird? © sle
Bastelshop einkaufen, abends in der Apotheke? Pinseln sie gemeinsam am nächsten Bühnenbild, Nordeuropa im Maßstab 1:1, während Vinge versucht, dabei zweimal bis unendlich zu zählen?

Sie dürfen jedenfalls nicht mehr trödeln, schließlich bleiben nur noch zwei Jahre Zeit bis zum nächsten Megaprojekt. Dann nämlich steht das mit 250.000 Euro von der Kulturstiftung des Bundes geförderte "Totaltheater12" im großen Haus der Volksbühne an. Man kann sich leibhaftig Vinges Wutanfall vorstellen angesichts dieser unmöglichen Arbeitsbedingungen.

Aber jetzt kommt ja erstmal Weihnachten. Im Prater werden sich dann Vinge, Müller und Reinholdtsen um einen zweidimensionalen Christbaum kuscheln. Vielleicht bekommt Bühnenmeister Andreas Speichert eine Taucherbrille geschenkt. Sicher ist, dass sich Frank Castorf durch den Kamin in den Prater schleichen wird, um zu bitten, man möge endlich seinen Wunschzettel ("Tipps und Tricks für wirklich radikales Theater") erfüllen. Trond Reinholdtsen skypt derweil mit seiner Mutter, und zum Einschlummern singt Ida Müller mit Erhart-Stimme Brich an, o schönes Morgenlicht, Dirigat: Vegard Vinge.

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