Vom Jungen, der das Töten lernen will

von Teresa Präauer

Wien, 22. November 2013. "Und wenn dir nicht nach Singen ist, ist das überhaupt kein Problem", versichert die geistliche Chorleiterin Claire bereits zu Beginn der deutschsprachigen Erstaufführung von "Die Ereignisse" im Schauspielhaus unter der Regie von Ramin Gray, der bereits die Uraufführung des Stückes beim Edinburgh Fringe Festival betreut hat und der hiermit seine dritte Arbeit in der Wiener Porzellangasse vorstellt. Es ist dies auch eine weitere Zusammenarbeit des Regisseurs mit dem schottischen Autor David Greig, der sich für "Die Ereignisse" mit den Aufzeichnungen des Utoya-Attentäters Anders Behring Breivik beschäftigt hat: mit der Frage letztlich, ob es Ursache und Grund für den Massenmord geben kann.

Derjenige, dem laut Stückvorgabe nicht nach Singen zumute ist, ist Florian von Manteuffel, seit 2013 Ensemblemitglied des Schauspielhauses. Ihm sind in dieser Inszenierung sämtliche Antagonisten-Rollen zugeschrieben: Er ist der Junge, der das Töten lernen will und getötet haben wird, er ist dessen Vater, dessen Freund. Er ist Stammeskrieger, Parteiführer, Schamane, Faxenmacher. Während die Protagonistin dieselbe bleibt: Claire, gespielt von Franziska Hackl, Nestroy-Nachwuchspreisträgerin aus 2011, deren multikultureller Chor einem wie Breivik zum Opfer gefallen ist. Diesmal, beispielsweise, in einem Land wie Österreich.

Der Chor als Unbekannte

Claire in ihrem Pfarrershemd (Kostüm und Bühne: Chloe Lamford) will Verständnis aufbringen, um zu verstehen. Sie rekapituliert während des Verlaufs des Stückes die Ereignisse, sie stellt Fragen nach Gut und Böse, nach Rache und Vergebung. Unterbrochen wird ihr Sprechen in regelmäßigen Abständen vom Gesang eines 30-köpfigen Laien-Chors, der auf der spartanisch eingerichteten Bühne Platz genommen hat. Stühle werden ab- und aufgebaut, Kaffee aus Thermoskannen ausgeschenkt. Die Lieder (Musik: John Browne) begleiten Claires Suche, und nur selten schlägt sich der Chor auf die Seite ihres Gegenübers.ereignisse1 560 alexi pelekanos uFranziska Hackl als Claire und der Chor © Alexi Pelekanos

Der Theaterchor als dramatisches Mittel feiert seit mehr als einem Jahrzehnt seine Renaissance, und auch in der sogenannten sozialen Wirklichkeit formieren sich landauf, landab die Protestchöre: Dem Publikum jedenfalls ist sehr nach Singen zumute. Doch das sympathische Konzept, das sich Regisseur Ramin Gray bei den "Ereignissen" auferlegt hat, nämlich für jede geplante Aufführung einen anderen Chor zu engagieren, bringt eine Unbekannte ins Spiel, die allen Beteiligten Improvisation abverlangt. Getragen wird das von einer strengen wie einfachen Abfolge von so etwas wie Rede, Gegenrede und Gesang, und von zwei Hauptdarstellern, die ihre Präsenz auf der Bühne zu behaupten haben. Nicht immer gelingt das. Aber vielleicht ist es interessant, zu sehen, was passiert, wenn tatsächlich einmal ein Polizeichor auftritt. Oder wie sich das Stück demnächst in Norwegen anfühlt.

 

Die Ereignisse
von David Greig
Deutschsprachige Erstaufführung
Aus dem Englischen von Brigitte Auer
Regie: Ramin Gray, Bühne/Kostüme: Chloe Lamford, Dramaturgie: Brigitte Auer. Musik: John Browne, musikalische Leitung: Stephen Delaney.
Technische Leitung: Michael Zerz, Licht: Kathrin Kölsch, Ton: Jan Paul Wielander Mit: Franziska Hackl, Florian von Manteuffel, Chor: Brunnenchor (zur Premiere, in jeder Aufführung singt ein anderer Chor).
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Barbara Petsch schreibt auf DiePresse.com, der Website der Wiener Tageszeitung Die Presse (24.11.2013, 16:44 Uhr):  Florian von Manteuffel als dem namenlosen Täter fehle "jede Dämonie", wie sie aus den Bildern von Breivik im Prozess spreche. Franziska Hackl als Chorleiterin Claire sei "schon vom Typ her großartig", und großartig spiele sie die "moderne Frau, die weiß, was sie will, und auch, wie sie es bekommt – und zwar in diesem Fall auf eine durchaus freundliche, geradezu herzliche Weise". Letztlich sei auch sie eine "Art Fundamentalistin", dabei "unbeugsamer und hartnäckiger als ihr Kontrahent". Hackl mache aus dieser etwas bemühten Ursachenforschung nach den "Hintergründen der viel zitierten Banalität des Bösen – ein Faszinosum".

Margarete Affenzeller schreibt auf derStandard.at, dem Online-Auftritt der Wiener Tageszeitung Der Standard (25.11.2013, 7:19 Uhr): Regisseur Ramin Gray behandele das Drama wie "eine fragile Liturgie", in der Schritt für Schritt das Unfassbare der 'Ereignisse' näherrücke. Allerdings nähmen der fehlende Raum und die fehlende Weite auf der Kellerbühne in der Porzellangasse viel von der "tragisch-feierlichen Grundstimmung, von der Überhöhung, vom Schwebezustand des Stücks". Hier finde es selten aus dem unmittelbaren realen Chorsingen im Volkshochschulkurs heraus. Zudem gerate die "deutlich ausagierte Darstellung" Florian von Manteuffels als "der Junge" eindimensional. Doch das Konzept des von Spielort zu Spielort wechselnden Chores sei ein "vorzüglicher, integrativ zu lesender Gedanke" des Stücks. Dieser spiegele die "Vielfalt einer Bevölkerung" wider und agiere andererseits "im Sinne eines griechischen Chores, als Stimme der Überhöhung".

 

 

 

 

 

 
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