Voyeure willkommen

von Lukas Pohlmann

Dresden, 23. November 2013. Will man mit einem 80 Jahre alten Volksstück mehr erreichen als eine museale Darstellung von Pseudorealitäten, muss man Weltgehalt in ihm beweisen. Barbara Bürks Umgang mit Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" zeigt, wie dies gelingen kann. Wenn bloß die Schicksale der Figuren ernst genommen werden und ihre (Nicht-)Bewältigung nicht im albernen Dusel verkommt, kann sich eine Inszenierung auch ruhig ein gerüttelt Maß an Albernheiten erlauben.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Marianne im sozialen Sturzflug. Weil sie sich gegen die "anständige" Hochzeit mit dem seit Kindertagen bekannten Metzgernachbarn Oskar entscheidet und für eine Ahnung von wahrer Liebe, wird sie von ihrem Vater verstoßen und zieht mit Alfred und dem gemeinsamen Baby aus der "stillen Straße" im 8. Wiener Gemeindebezirk in das Zimmer einer Mietskaserne. Sie landet als "nackerte" Tänzerin im schäbigen Varieté und gar im Zuchthaus, da sie sich nicht prostituieren will. Doch erst als ihr Kind stirbt, das von Alfred zu seiner Mutter an den Stadtrand abgeschoben worden war, ist sie vollends gebrochen und wird von Oskar geheiratet.

Versuchsanordnung

Barbara Bürks Inszenierung hat eine Spielmacherin, und, schöner Kunstgriff, die ist ein Kind. Im reizenden blauen Kleidchen ordnet Philine Menzel unbedarft das Geschehen, spricht Szenenbeschreibungen des Autors und weist hin und wieder Schauspieler zurecht. Die Unschuld entlarvt das Spiel als Versuchsanordnung.

Zu Beginn sitzt André Kaczmarczyk als Leichtfuß Alfred bei Hannelore Koch, die in famoser Schizophrenie seine Mutter und Großmutter in sich vereint. Sofort werden zwei programmatische Ansätze erkennbar. Die Spieler sezieren Text und Sprache. Sie zeigen, wie armselig es ist, den eigenen Ausdruck höher anzulegen als es die eigenen sprachlichen Limitierungen (und die des Milieus) erlauben, und wie daraus unglaubliche Komik entsteht. Dass die Figuren trotzdem nie der Lächerlichkeit preisgegeben werden, ist dem exakten Pointen-Timing und dem reflektierten Abstand der Schauspieler zu ihren Charakteren zu verdanken.

wienerwald2 560 matthiashorn uVon links: Yohanna Schwertfeger, Christian Erdmann, Torsten Ranft, Benjamin Pauquet, Sven Kaiser, Thomas Eisen, Benjamin Rietz, Rosa Enskat, André Kaczmarczyk, Philine Menzel. © Matthias Horn Anke Grot braucht für ihre Bühne nicht viel Schnickschnack. Da schlüpfen der Rittmeister (Thomas Eisen) und Mariannes Vater (im wunderbar schlecht sitzenden Fat Suit: Torsten Ranft) und Valerie (Rosa Enskat), die noch mit Alfred liiert ist, aus dem pastellenen Vorhang, der als Straße vollauf genügt. Unter riesigem Wellplaste-Neonröhren-Dach tummelt man sich meist auf freier Fläche, die sich nur füllt, als sieben Klaviere und ein Walzer zu Inseln der gestrauchelten Gestalten werden.

Unter dem Vorhang hindurch, mit dem Po im Rock voran, erscheint zum ersten Mal die kraftvolle und ungeheuer genaue Yohanna Schwertfeger als Marianne. Es ist der Auftritt einer selbstbewussten, doch zugleich vom Vater und Verlobten unterdrückten jungen Frau.

wienerwald3 560 matthiashorn uvorne: Yohanna Schwertfeger und André Kaczmarczyk, hinten von links: Rosa Enskat, Thomas Eisen, Benjamin Pauquet, Torsten Ranft, Christian Erdmann © Matthias Horn

Schräg sein und Spaß haben

Ihr Schicksal offenbart sich nicht als Trauerspiel. Denn die Figuren, die zeitlose Sehnsüchte und Befindlichkeiten spiegeln, bekommen in Bürks Inszenierung alle gleiches Recht. Sie alle sind ein bisschen schräg, und sie alle wollen ihren Spaß als Ausgleich für "die Wunden", die ihnen ihr Schicksal angeblich geschlagen hat. Der großartig dauertraurige Oskar von Christian Erdmann, der mit einer Fußmatte sein Zuhause markiert, die nymphomane Valerie mit der Zigarettenauslage unterm Kleid und den Lotterielisten im Dekolleté, die am Ende alle miteinander versöhnen will. Da sind sie sich dann auch alle wieder ganz einig: der Grund für Mariannes trauriges Los liegt natürlich bei ihr selbst und ihrem Geschlecht.

Wir dürfen diesen Opfern ihrer selbst voyeuristisch beiwohnen. Wie sie mehr aus sich machen wollen und beim Donauausflug ihre Körper und Badehosen zur Schau tragen, wie sie abhängig sind vom Sich-aneinander-Reiben, vom Alkohol oder erotischen Fantasien, wie sie "Killing Me Softly" singen oder vom "Walk On The Wild Side" träumen.

Es ist durchaus aufschlussreich, mit Horváth in die 1920er Jahre zu blicken, um etwas über uns heute zu erfahren. Die Dresdner Inszenierung nimmt ihn außerdem zum Ausgangspunkt, den ganzen langen Rest des 20. Jahrhunderts zeigefingerlos mitzudenken. Das haben wir am Ende gelernt: dass sich aus dem Mitleid mit sich selbst und der eigenen Grausamkeit am leichtesten auf die Schuld der anderen zeigen lässt.

 

Geschichten aus dem Wiener Wald
von Ödön von Horváth
Regie: Barbara Bürk, Bühne: Anke Grot, Kostüme: Irène Favre de Lucascasz, Musik: Sven Kaiser, Dramaturgie: Julia Weinreich, Licht: Jürgen Borsdorf.
Mit: Yohanna Schwertfeger, Rosa Enskat, Hannelore Koch, Christian Erdmann, André Kaczmarczyk, Benjamin Pauquet, Torsten Ranft, Thomas Eisen, Philine Menzel; Musiker: Sven Kaiser, Benjamin Rietz
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Als "unterhaltsame Mischung aus Derbheit, Show und Musik-Potpourri" beschreibt Bistra Klunker die Inszenierung in den Dresdner Neuesten Nachrichten (25.11.2013) und meint: "Bei der Musik wäre vielleicht weniger mehr gewesen." Christian Erdmann gelinge als Oskar "vielleicht die prägendste Darstellung des Abends." Yohanna Schwertfeger als Marianne dagegen spiele zurückhaltend, "manchmal vielleicht etwas zu steif". Eine schöne Idee findet Klunker es, dass die Regieanweisungen von einem kleinen Mädchen gesprochen werden, "das auch als Symbol von Unbekümmertheit fast immer präsent ist". Auch die anderen Darsteller könnten durchaus überzeugen. "Das Premierenpublikum belohnte die Beteiligten mit viel Applaus, und es ist anzunehmen,d ass diese komische, gut gespielte Menagerie aus Eitelkeiten und Schuldzuweisungen die Zuschauer anziehen wird."

Kein Wunder, dass Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald gerade eine kleine Theaterkonjunktur haben, "erzählt das Stück doch bitterböse von dem Helene-Fischer-Effekt", also der Sehnsucht nach (durchaus auch musikalischer) Harmonie in harten Zeiten, schreibt Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (25.11.2013). Barbara Bürks Inszenierung gerate zum "Zerrbild einer Gesellschaft am Abgrund". Bürk inszeniere die Figuren entlarvend, beobachtend und bisweilen voyeuristisch. Lächerlich gemacht werde hier aber keiner. "Wie (Bürk) das Komische im Menschlichen und das Tragische im Alltäglichen ausgräbt, alles nebeneinander stellt und in der Nähe dazwischen so etwas wie Wahrheit findet, das ist schon wunderbar", schreibt Lemke: "So soll Theater sein."

 

 
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