Krake frisst Seemann

von Jürgen Reuß

Freiburg, 9. Januar 2008. Auf der Suche nach neuen Bühnenstoffen hat das Theater Freiburg die Welt der gezeichneten Helden entdeckt. Den Anfang machte im Februar 2007 Regisseur Ivan Pantelev, der die Abenteuer des ewigen Glückssuchers Signor Rossi in einen Theatercomic transformierte. Gestern folgte die Berner Regisseurin Meret Matter. Sie brachte mit Popeye den wohl berühmtesten Matrosen der Welt auf die Bühne.

Mehr als bloß ein Raufbold

Den meisten wird er nur als großmäuliger Raufbold in Erinnerung sein, der sich mit Spinat dopt und kein Handgemenge auslässt, um Eindruck bei seiner angebeteten Olivia zu schinden. Als sein Schöpfer, der Zeichner Elzie Segar, Popeye 1929 zum ersten Mal in seinen täglichen Zeitungsstrips auftreten ließ, war die Figur noch wesentlich facettenreicher. Dank dem Mare-Verlag sind diese wunderbaren Cartoons nun auch in deutscher Übersetzung zugänglich. Das ist recht praktisch, denn im Vergleich zu diesen frühen Strips, auf denen auch Meret Matters Bühnenversion beruht, lassen sich gut die Stärken und Schwächen ihrer Inszenierung aufzeigen.

Fangen wir mit den Stärken an. Gespielt wird auf der kleinsten Bühne des Theater Freiburg, der Kammerbühne. Steile Treppen mit Sitzpolstern für die Zuschauer, eine kleine, nahezu kahle Bühne für die Schauspieler, zwei Männer (Urs Jucker und Christoph Kopp), eine Frau (Dorothee Metz). Links ein Garderobenständer für die häufig wechselnden Kostüme, im Vordergrund drei Hellraumprojektoren. Das Ganze vermittelt eine entspannte Werkstattatmosphäre, bei der die Zuschauer mitverfolgen können, wie mit einfachen Mitteln ein wunderbar handgemachter Bühnenzauber entfesselt werden kann.
Hauptrolle: der Projektionist 

Die Hauptrolle dabei spielt der Mann an den Projektoren, Christian Stader. Lässig gleitet er auf einem Rollhocker von Projektor zu Projektor, legt mal fein gezeichnete Folien auf, zieht Scherenschnittgestalten darüber, schiebt Farbfilter dazwischen, lässt Papiervögel im Lichtkegel flattern, und an der Rückwand entstehen die fantastischsten Bühnenbilder. Mal ein Kabineninneres mit pfiffiger Bullaugenwand, mal eine expressionistische Unterwasserwelt, mal eine witzige New York-Ansicht. Gern auch Projektionen, die direkt ins Bühnengeschehen eingreifen. Ein Schattenvogel, der sich einen Schauspieler schnappt, eine Krake, die Popeye verschlingt oder einfach Wellen, die das Schiff seines Auftraggebers überspülen. Eine gelungene Art, die Comicszenerie auf die Bühne zu bringen.

Die Kostüme und die Typisierung der Bühnenfiguren halten sich eng an ihre gezeichneten Vorbilder. Popeye mit Pfeife und überdimensionalen Unterarmen. Castor Oil im Schieberlook der Weltwirtschaftskrise und Olivia mit Duttfrisuraufsatz und Schuhgröße 57. So weit, so stimmig. Die Gesamtatmosphäre macht eigentlich Lust, sich die kommenden 70 Minuten intelligent unterhalten zu lassen. Eigentlich keine lange Zeit, dennoch zieht sie sich. Warum?

Sammelsurium mit rarem Humor

Vielleicht, weil die Inszenierung so etwas wie die Quadratur des Kreises versucht. Zum einen möchte Matter den episodischen Charakter des Comicstrips beibehalten, der jeden Tag in sechs Panels einen abgeschlossenen Gag bringen muss. Zum anderen will sie aber auch eine Geschichte erzählen, so wie es Zeichner Segar damals gelang, aus dem eigentlichen Tagesgeschäft eine langfristige Angelegenheit zu machen. Zusätzlich soll noch der historische Zeitbezug einfließen, weil die große Depression für das Verständnis der Grundstimmung in den Comics wichtig ist. Konkret passiert das in eingeblendeten Wirtschaftskurven, die immer nach unten stürzen.

Wenn es Matter gelungen wäre, das alles zu eine stimmigen Ganzen zusammenzufügen, wäre es wohl ein großer Theaterabend geworden. Ist es aber nicht. Die Teile bilden eher ein etwas beliebiges Sammelsurium, in dem leider auch der Humor nur sporadisch aufblitzt.

popeye
Dorothee Metz (als Olivia), Urs Jucker (als Popeye)                © Manuel Washausen




Popeye – der Theatercomic
nach dem Comicstrip von Elzie Segal
Regie: Meret Matter, Ausstattung: Andreas Becker, Dramaturgie: Viola Hasselberg.
Mit: Urs Jucker, Christoph Kopp, Dorothee Metz.

www.theater.freiburg.de

 
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