Heilige helvetische Kuh

von Julia Stephan

Basel, 29. November 2013. Die Frage, ob der Zufall ein Verbündeter des Verbrechers oder des Ermittlers ist, kettet in Friedrich Dürrenmatts Roman "Der Richter und sein Henker" zwei Menschen für immer aneinander. In einer Spelunke am Bosporus gaben sie einst, euphorisiert vom Alkohol, ihre Leben als Wetteinsatz, um ihre Sicht der Dinge zu beweisen. Die Wette machte den einen zum Mörder, den anderen zum verbissenen Kriminalisten. 

Die ehemalige Leiterin des Zürcher Neumarkt-Theaters Barbara Weber veranstaltet dieses kriminalistische Katz- und Maus-Spiel nun im Theater Basel. Dort hatte sich vor rund vier Jahrzehnten Dürrenmatt höchstpersönlich mit dem damaligen Direktor Werner Düggelin wegen künstlerischer Differenzen duelliert.

Lange Schatten

Nun stellt Weber Dürrenmatts literarischen Showdown zwischen dem altersmüden und todkranken Kommissar Bärlach und dessen Widersacher Gastmann (Vincent Leittersdorf) auf der Basler Bühne nach. Vor einer trüben Lampe zieht Nebel vorbei, werfen grau gekleidete Menschen lange Schatten. Am Boden ist der Tatort mit weißem Klebstreifen nachgestellt: Eine Straße in der Provinz, ein weißes Kreuz da, wo der Berner Polizist Ulrich Schmied tot in seinem Wagen aufgefunden wurde.

richter und henker3 560 judith schlosser uEinst gabs einen unheimlichen Wetteinsatz: "Der Richter und sein Henker" © Judith Schlosser

In diese Film-Noir-Ästhetik, die in dramatischen Szenen mit Schuss- und Industriegeräuschen sowie mit grellem Scheinwerferlicht operiert, passt auch der moralisch nicht über alle Zweifel erhabene Kommissar Bärlach. Gebrochen wird die Szenerie durch die biederen, uniformierten Schweizer Gendarmen, die um die klar begrenzte Spielanordnung brav an Holztischen sitzen und eifrig den Stand der Ermittlungen protokollieren, die Bärlach im Spielfeld mit seinem Kollegen Tschanz aufgenommen hat. 

Zweierlei Fassaden

Das trifft Dürrenmatts Ton, denkt man und freut sich – zu früh. Denn dann serviert die Regisseurin die fatale Wette vom Bosporus, die Dürrenmatt seinen Lesern so lange geschickt verheimlicht, gleich zu Beginn auf dem Silbertablett. Kann das gut gehen? Kann es nicht. Denn originell an Dürrenmatts Kriminalroman war ja gerade, dass er anstelle der Logik den Zufall zum Prinzip der Kriminalistik erhob. Doch ohne dunkle Geheimnisse geht auf der Bühne alles seinen logischen Gang.

Verglichen mit dem abgründig schweigenden Kommissar aus dem Roman ist Andreas Mattis armschlenkernder Bärlach ein Langweiler. Tschanz, der im Roman seinen mörderischen Ehrgeiz hinter der Fassade der Verbindlichkeit versteckt, ist in Silvester von Hösslins Variante schon zu Beginn ein eitler Streber, der sich verbissen auf einem Fitnessrad abstrampelt und dem man von Anfang an alles zutraut, leider auch den Mord, dessen ihn Bärlach am Schluss überführen wird. 

Am Schlachthaken

Dass die Regie die auktoriale Erzählstimme des Romans auf alle Schauspieler verteilt hat, macht die Inszenierung nicht tiefgründiger, sondern furchtbar anstrengend. Jesse Imnan schreit pausenlos Dürrenmatts düstere Schilderungen mit britischem Akzent in ein Mikrofon, die Schauspieler wechseln sich ständig mit dem Erzählen ab, zerhacken die Sätze schon auch mal zwischen Haupt- und Nebensatz. Das alles in einem Tempo, dass die leisen Zwischentöne, die Unschärfe, das Unheimliche der Dürrenmatt‘schen Romanvorlage kaum noch wahrgenommen werden können. 

Der anspruchsvolle Kriminalroman wird so zu einem langen Stück Unterhaltungsliteratur plattgewalzt. Behaupten können sich darin am ehesten noch die im Schwarz-Weiß-Schema gezeichneten Figuren. Etwa Bärlachs Vorgesetzter Lucius Lutz (Florian Müller-Morungen), der sich Espresso trinkend vom Verdacht der Provinzialität befreien will. Ein Genuß auch Gabor Biedermanns arroganter Auftritt als Nationalrat und Oberst von Schwendi. Sein Hals, in einem flauschigen Kaschmirschal gehüllt, schwillt an bei der Verteidigung helvetischer Wirtschaftsinteressen. Am Schluß baumelt die heilige Kuh der Schweiz auf der Bühne lebensgroß am Schlachthaken – und von Schwendi neben ihr. 

Der Richter und sein Henker
von Friedrich Dürrenmatt
in einer Bühnenbearbeitung von Armin Kerber
Regie: Barbara Weber, Bühne: Michel Schaltenbrand, Kostüme: Gwendolyn Jenkins, Musik: Michael Haves, Dramaturgie: Martin Wigger, Licht: Anton Hoedl.
Mit: Andreas Matti, Vincent Leittersdorf, Silvester von Hösslin, Gabor Biedermann, Inga Eickemeier, Florian Müller Morungen, Phlippe Graff, Ariane Andereggen, Jesse Inman, Michael Haves.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

 


Kritikenrundschau

Verzappelt und ohne Geheimnis empfindet Martin Halter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.12.2013) diesen Krimi-Abend. Barbara Weber arbeite "mit den auch nicht mehr ganz originellen Mitteln zeitgenössischer Romandramatisierung". Mit negativem Effekt: "Der Wechsel zwischen Spielszenen und szenischer Lesung, die Verdoppelung von Bild und Erzählung, das Hin und Her zwischen Ironie und Distanz, leichtgewichtiger Dorfbullenkomödie und schwerem Ernst zerstört den Spielfluss." Im Ganzen würden hier "Geist und Atmosphäre der Vorlage" verfehlt.

Barbara Weber gehe "vor dem Schulbuchklassiker andachtsvoll in die Knie", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (2.12.2013). Allerdings: "Von dort aus aber lassen sich das böse Dürrenmatt'sche Funkeln und die Lust des Apokalyptikers an der schlimmstmöglichen Wendung, lassen sich die Besessenheit seines Protagonisten und sein Hang zum Maßlosen kaum zur Entfaltung bringen."

Weber nehme dem Roman in ihrer Bühneadaption "ein wenig an Spannung, betont dafür die philosophische Dimension", schreibt Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (2.12.2013). An der Verdichtung "Kuh, Kosmos und Klungelei" im Bühnenbild "hätte Dürrenmatt zweifellos seine helle Freude gehabt", befindet der Kritiker. Auch erlaube die Bühne "schnelle Schnitte". Allerdings hafte dem Abend trotz der szenischen Rasanz etwas "seltsam Gleichförmiges und Behäbiges an", denn alles bleibe "auf einem ähnlichen Energie-Level, der oft nahe am Aufsageton entlangleiert".

In der Baseler Zeitung (2.12.2013) gibt Peter Burri Entwarnung: "Wer, je nach Gusto, erwartet oder befürchtet hat, das Theater schlage postdramatisch zu und dekonstruiere Dürrenmatt bis zur Unkenntlichkeit, um sich an ihm abzureagieren: Fehlanzeige." Allerdings werde der Abend auch nicht wirklich dramatisch. "Geradezu pädagogisch" führe er den Zuschauer an die Romanhandlung heran, wobei einzelne Aspekte "unklar bleiben" und sich "kein Spannungsbogen" zwischen den Figuren aufbaue.

Das "unkonzentrierte Spiel auf der Bühne" findet auch vor Susanna Petrin von der Basellandschaftlichen Zeitung (2.12.2013) wenig Gnade. Die Inszenierung konzentriere sich weder auf die "Hauptfiguren noch auf ein Thema noch auf eine These", sondern präsentiere einen "unentschiedenen Mischmasch". Die Krimi-Handlung werde "nacherzählt, gewinnt aber kaum Zug – zu viel Nebenschauplätze und flache Dialoge funken herein". Und "Dürrenmatts hintergründiger Humor muss wenig witzigen bis geschmacklosen Slapstickelementen weichen".

Dürrenmatts Credo "Ich bin viel zu müde für ein Gefühl" übernimmt Christian Gampert im Deutschlandfunk (30.11.2013) als Leitidee für seine negative Besprechung des Abends. "Einzelne Motive werden originalgetreu aus dem Roman nachgebetet, ein Erzähler gibt Hinweise per Megaphon, Kommissar Bärlach ermittelt wie einst Erik Ode – na, nicht ganz so zeitlupenhaft." Der "Clou des Romans, der Kampf zwischen Bärlach und dem Verbrecher Gastmann" werde "eher so nebenbei behandelt".

 
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