Mit'm Radl da

von André Mumot  

Berlin, 30. November 2013. Über den Klimawandel, ja, über den müssen wir reden, das stimmt. Schließlich baumelt der als Damoklesschwert über unseren Köpfen und scheint, trotz aller Pol-Schmelze und Tsunami-Überschwemmungen, sehr weit weg zu sein. Immerhin: Die Schaubühne arbeitet jetzt an der Verbesserung ihres ökologischen Fußabdrucks, oder, genauer gesagt, sie lässt das von Videowunderwerkerin Katie Mitchell erledigen. Und diese hat, wie schon in ihrer letzten, gerade erst vor ein paar Tagen uraufgeführten Arbeit in Hamburg, die viel geliebten, Strom fressenden Kameras demonstrativ zu Hause gelassen.

Also kein Live-Filmschnitt diesmal, stattdessen eine Verknappung der szenischen Mittel, die zugleich als Statement gedacht ist: Sowohl die zwei kompakten Podien vor kahlen Wänden, als auch die über ihnen hängenden Boxen bestehen, wie Bühnenbildnerin Chloe Lamford im Programmheft erläutert, aus gepressten Recyclingmaterialien. Eine Leinwand, beziehungsweise die schwarzen Vorhänge, die zu Beginn auf- und am Ende wieder zugezogen werden, stammen darüber hinaus aus dem Schaubühnenfundus bzw. aus früheren Inszenierungen.

Sorge um den Planeten

Entscheidender aber: Auf den Podien sind zwei Fahrräder fixiert, auf denen sich die Schauspieler Lucy Wirth und Christoph Gawenda während der gesamten Aufführung abstrampeln, um jene 108,75 Wattstunden Strom zu erzeugen, die die Halogenlampen über ihren Köpfen leuchten lassen. Aber das ist noch nicht alles, was dieser Abend braucht: Die Mikrofone, in die sie hineinsprechen, führen zu zwei 600-Watt-Lautsprechern und einem Mischpult mit 8 Eingängen. Dann wären da noch ein LED-Projektor (Stromverbrauch ca. 140 Watt), sowie ein Effect-Pedal (ebenfalls mit 140 Watt zu veranschlagen). Die hierfür benötigte Energie wird im Hintergrund von vier zusätzlichen, gleichfalls unermüdlich wadenstarken Sportlern auf Standrädern herbeigeradelt. atmen 7673 560 stephencummiskey uEs muss weiter gehen, Kind also oder nicht Kind?: "Atmen" © Stephen Cummiskey

Ein Gimmick, der hervorragend korrespondiert mit dem Stücktext, den die Darsteller auf bewunderungswürdige Weise ebenso leuchten lassen wie die Lichter über ihrem Kopf. In "Atmen" des britischen Dramatikers Duncan Macmillan geht es um ein junges Paar, das sich nach langem Diskussions-Hin-und-Her dazu entscheidet, ein Kind zu bekommen. Dabei hoffen die beiden Zeitgeistler verzweifelt, "gute Menschen" zu sein – ein Umstand, der sich vor allem in ihrer Sorge um das Fortbestehen dieser Erde äußert. Nachwuchs zu zeugen, ist in diesem Zusammenhang jedoch nicht gerade ein verantwortungsbewusster Akt. Denn, wie sie feststellen, könnte einer von ihnen sieben Jahre lang nonstop von Berlin nach New York und wieder zurückfliegen, ohne das CO2 zu produzieren, mit dem ein neuer Mensch einmal diese Welt belasten wird: zehn Tausend Tonnen nämlich.

Treten und Reden

Von der ersten Erwähnung des Kinderwunsches bei Ikea über die verkrampften Empfängnisversuche geht es im dialogischen Schnellverfahren weiter zu Schwangerschaftstest, Fehlgeburt, Trennung, Versöhnung und schließlich zur doch noch stattfindenden Geburt des Sohnes. Christoph Gawenda und Lucy Wirth fallen sich in ihrer Tour de Force großartig ins Wort, wechseln mühelos die perfekt ausgeformten Alltagstonfälle und Emotionsstadien, treten und treten und treten, reden und reden und reden – müssen dabei aber leider Figuren entwerfen, die unmittelbar aus der Stadtneurotiker-Ausgabe von "Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können" entnommen zu sein scheinen.

Er ist der etwas schlicht gestrickte Stoffel mit den Hundeaugen, der ihr alles recht machen will und nichts recht machen kann. Und sie muss, schlimmer noch, die stets angestrengte Intellektuellen-Zicke geben, die keinen Anlass auslässt für Vorwürfe, Beziehungszweifel, Nervenzusammenbrüche und überspannte Vorträge in Sachen politischer Korrektheit. Und inmitten des Palavers darf das Publikum über identifikationsheischende Comedy-Standards kichern – über hängende Brüste, schlimme Schwiegereltern und den Mann, der die Frau anschaut, als wäre sie ein Schraubenschlüssel.

Wohlstands-Lamento

Da es sich hier aber nicht um ein deutsches Stück handelt, um keine selbstreferentielle Übung in Ironie und Attitüdendemontage, spürt man immerfort die ernst gemeinte Sorge, sodass schließlich auch noch unser aller Zukunft drohend aufblitzt. Während der Mann das Treten aufgegeben hat und seine Lichter erloschen sind, bleibt seiner Frau nur noch der Monolog  auf dem Friedhof – Schlussgedanken der verbitterten Rentnerin in einer Katastrophen-Welt, in der es ausschließlich schlimme Nachrichten und Asche regnet.

So schön er sich anhört, so schön er aussieht, dieser karge Mitchell-Abend mit seiner einen szenischen Idee des Auf-der-Stelle-Tretens und des tatsächlichen Stromsparens, so fabelhaft sich auch die Schauspieler ins Zeug legen beim radelnden Stimmmenschen-Erschaffen, so sehr strapaziert ihr hysterisches Wohlstands-Lamento auch die Nerven. Fahrt einfach, möchte man ihnen bei aller Liebe sagen, irgendwann dann doch. Fahrt weiter. Bekommt ein Kind. Oder lasst es eben sein. Und hört auf zu reden.

Atmen
von Duncan Macmillan, Deutsch von Corinna Brocher
Regie: Katie Mitchell, Bühne und Kostüm: Chloe Lamford, Sounddesign: Max und Ben Ringham, Dramaturgie: Nils Haarmann, Licht: Jack Knowles.
Mit: Christoph Gawenda, Lucy Wirth.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Mehr zu Katie Mitchell gibt es im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Ulrich Seidler hat für die Berliner Zeitung (2.12.2013) errechnet, dass die radelnden und Strom erzeugenden Schauspieler Energie von "rund 53 Gramm Walnüssen" verfeuert hätten. "Applaus! Aber wofür dieser Aufwand?" Er gehöre "zum Thema des Stücks und der kongenialen technischen Versuchsanordnung". Die Dramatik des Dialoges, den "ein urbanes, reflektiertes, gut situiertes, aufstrebendes, verantwortungsbewusstes junges namenloses Paar" führe, speise sich "aus dem Widerspruch zwischen Verantwortungsbewusstsein und Kinderkriegen". Und das Perfide sei, "dass die Gedankengänge rechnerisch und sachlich durchaus nicht von der Hand zu weisen sind", allenfalls seien sie ein wenig übertrieben "mit ihrer Kontroll-, Reflexions-, und Durchsprechsucht".

Es seien "keine bahnbrechenden Neuigkeiten", die uns Duncan Macmillan in diesem Stück liefere, meint Christine Wahl im Tagesspiegel (2.12.2013). "Eher winkt der Abend so ausdrücklich mit der Wiedererkennungskeule wie mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl. Das tut er mal witzig, dann wieder hart am Klischee entlangschrammend." Doch Katie Mitchells Inszenierungsidee bekomme dem Text "äußerst gut". Mit der Strampelei der Darsteller gelinge Mitchell "ein sinnfälliger Doppeleffekt. Über den buchstäblichen ökologischen Bewusstseinsstrom hinaus bildet die Tretmühle auch die rhetorischen Schleifen ziemlich gut ab, in denen der gemeine Ökoyuppie sich mit seinen Selbstverwirklichungs- und Selbstverlängerungsgedanken in die nächste Generation hinein so verfängt".

"Das zwischen Betroffenheit und Ironie schwankende Konversationsstück des 33-jährigen Briten Duncan Macmillan belichtet so trefflich wie amüsiert die von Zukunftsangst beschwerte Befindlichkeit der hierzulande so radikal Umweltbesorgten", schreibt Reinhard Wengierek in der Welt (2.12.2013). Katie Mitchell lasse "die beiden rhetorisch großartigen Protagonisten Lucy Wirth und Christoph Gawenda sich beim Reden einfach auf ihren Fahrrädern abstrampeln", verlasse die beiden "die Kraft der Rede, treten sie schwächer. Ihr Licht schimmert dann noch dürftiger und düsterer. Sehr sinnfällig. Sehr menschlich und nachdenklich machend."

Es sei schon "eine Tour de Force, wie Wirth und Gawenda diesen Abend tragen, obwohl ihnen jeder nennenswerte körperliche Ausdruck versagt ist", meint Anne Peter in der tageszeitung (2.12.2013). Mitchell habe scheinbar "eine kongeniale Form für Macmillans Stück gefunden", die "klar und konsequent gedacht" sei. Doch die Inszenierung falle dabei "auf die Figuren herein. Wo Macmillans Stück durchaus die Möglichkeit böte, ihr leerlaufendes Moralgerede zu entlarven, nimmt Mitchell die beiden durch und durch ernst." Ihre Konflikte seien "stinknormale Paarkonflikte, die einen im Laufe des Abends in ihrer Alltäglichkeit und Vorhersehbarkeit immer weniger interessieren."

Der Abend bleibe "trotz der energetischen Unterstützung von vier an den Seiten ebenfalls unermüdlich strampelnden Helfern in jeder Hinsicht peinlich unterbelichtet", so Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.12.2013). Macmillans "Smalltalk mit ideologischem Biosiegel" sei "der absolute Leerlauf". Wirth und Gawenda erwirkten den Eindruck, ein Hörspiel zu produzieren. "Wer im Publikum ungeachtet der schummrigen Beleuchtung nicht eingeschlafen ist, nickt am Ende beifällig: Noch ist offenbar nicht alle Hoffnung für die Welt verloren! Für das Theater allerdings könnte das anders sein."

"Gespielt kann man sich diesen Text kaum denken", konstatiert Hartmut Krug in "Kultur Heute" auf Deutschlandfunk (4.12.2013). Denn der Text zeige "zwei Stadtneurotiker, die aus einer Fernsehserie – oder schlimmer noch – aus einem der vielen humoristischen Beziehungsratgeber entsprungen scheinen". Die künstliche Bühnensituation sei dafür passend: "Wie sich hier zwei nebeneinander und doch fern voneinander an sich und dem anderen abarbeiten, das besitzt eine schöne Präsenz und Intensität." Von der Klischeehaftigkeit werde durch die Darsteller einiges genommen.

 
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