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Ein Tango als Totentanz

von Frauke Adrians

Rudolstadt, 30. November 2013. Man ist jung, man will rebellieren, aufbegehren, alle Werte umwerten. Aber die eigenen Eltern haben sämtliche Revolutionen schon aus- und totgefochten. Es ist keine Form mehr übrig, die nicht längst zertrümmert wäre. Und es ist unmöglich, solche Eltern aus der Fassung zu bringen: Vater Stomil (Christian Klischat) lebt – barbäuchig und mit offenem Hosenstall – für seine Auffassung von Kunst und zelebriert dämliche Theater-Experimente. Mutter Eleonore (Carola Sigg) pflegt ihre Erinnerungen an die eigene rebellische Jugend, die niemals enden will, und schläft ab und an mit dem undurchsichtigen, aber höchst virilen Hausfreund Edek (Johannes Arpe).

Kein Wunder, dass Sohn Artur (Benjamin Griebel) verzweifelt. Die einzige Form des Widerstands, die ihm bleibt, ist die radikale Rückkehr zur Form und zum Autoritären. Eine Bilderbuchhochzeit mit Kusine Ala (Anna Oussankina) soll Rettung bringen für die verkommene Familie. Dass dieser Versuch nur scheitern kann, ist von vornherein klar in Slawomir Mrozeks finsterhumorigem Schauspiel "Tango" aus den Sechzigerjahren, das Tobias Rott jetzt am Theater Rudolstadt inszeniert hat.

Weltrettungsfantasien

Rott verzichtet darauf, den grotesken Generationenkonflikt ins 21. Jahrhundert zu transferieren. Auf der Rudolstädter Bühne geht es nicht um einen modischen Zwist à la Globalisierungsgegner versus Neokonservative. Ausstatterin Susanne Füller hat stattdessen eine zeitlose Lotter-WG möbliert: hässliche Uralt-Teppiche, blanke Matratzen, verblichene Tapeten, Kartoffelchips auf dem Boden. Die Klapptreppe ins Obergeschoss ist so voller Bücher, dass Stürze unvermeidlich scheinen. In diesem Biotop der Dauerrevolution hausen außer Eleonore und Stomil auch noch Großmutter Eugenia (Anne Kies) und Großonkel Eugen (Joachim Brunner), die außer beim Kartenspielen nicht mehr viel Freude am Leben haben.

tango-15 560 johannes-arpe-joachim-brunner-carola-sigg-anna-oussankina-christian-klischat-benjamin-griebelpeter-scholz uFamiliäres Biotop mit längst verblichenen Tapeten: "Tango" in Rudolstadt. Von links: Johannes Arpe,
Joachim Brunner, Carola Sigg, Anna Oussankina, Christian Klischat, Benjamin Griebel .
© Peter Scholz

Wenn Artur in diese Welt eindringt mit seinem Anzug und seinem korrekten Scheitel, lauert die Farce gleich hinter der Tapetentür. Doch Regie und Ensemble vermeiden diese Gefahr, ohne Mrozeks Stück den galligen Witz zu nehmen. Man muss den Vater-Sohn-Debatten um Form und Freiheit, um Farce und Tragödie gar nicht bis in den hintersten Nebensatz folgen, um die Tragik hinter dem absurden Witz zu spüren: Hier reden zwei Generationen gnadenlos aneinander vorbei. Und wenn Stomil seinen Sohn einen "ordinären, dreckigen Formalisten" schimpft und ihn nach allen Regeln der schwarzen Pädagogik übers Knie legt, dann bekommt Artur vielleicht endlich die Grenzen aufgezeigt, um die er so sehr bettelt. Aber da ist es schon zu spät.

Hinter ideologische Fassaden geschaut

Man könnte einwenden, Benjamin Griebel solle Arturs Eiferertum noch stärker herausspielen, solle noch mehr glühen für seine Weltrettungsfantasien. Aber das träfe wohl nicht den Kern dessen, was die Regie mit diesem "Tango" in Rudolstadt zeigen will. Hier bewohnen Artur und Stomil keine Ideologie-Gebäude; sie kauern bloß hinter Fassaden. In Arturs dünner Haut steckt kein debattenfester Rechthaber, sondern ein noch immer unmündiges und zutiefst gekränktes Kind.

"Mama", greint der Sohn, als herauskommt, dass seine Braut ihn noch am Morgen des Hochzeitstages mit Edek betrogen hat, "Papa, sag ihr doch, dass man das nicht darf!" Und da ist Artur zum ersten Mal nicht bloß erbärmlich, sondern tatsächlich erbarmungswürdig. Da ist plötzlich, für einen Augenblick, die Distanz weg, die Rott so kühl und sorgfältig zwischen den überzeichneten Mrozekschen Dramenfiguren und dem Publikum aufgebaut hat. Eine starker Moment – und ein Aufbäumen von Leben in einer Hochzeitsszene, die in ihren bleichen Beigetönen einer Totenmesse gleicht. Dass Oma Eugenia dann tatsächlich den Löffel abgibt, ist nur noch Formsache.

Man merkt der Rudolstädter Premiere an, dass bis zum letzten Moment an der Inszenierung gefeilt wurde. Hier und da rumpelt es wahrnehmbar in den Spielabläufen. Aber von der ersten Szene bis zum finalen Tango-Totentanz ist dies ein Theaterabend, der gut unterhält und bestens verstört. Mutter zum Vater: "Dein Sohn stirbt." Vater: "Auch das noch. Der erspart einem auch gar nichts."

Tango
von Slawomir Mrozek
Regie: Tobias Rott, Bühne und Kostüme: Susanne Füller, Dramaturgie: Antje Klahn.
Mit: Anne Kies, Johannes Arpe, Joachim Brunner, Benjamin Griebel, Carola Sigg, Christian Klischat, Anna Oussankina.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, eine Pause  

www.theater-rudolstadt.com

 

 

Kritikenrundschau

"Alles andere als seichte Unterhaltung" sei Tobias Rotts Inszenierung von Mrozeks "Tango", schreibt Ulrike Merkel in der Ostthüringer Zeitung (2.12.2013). Das Stück sei "ein groteskes Gedankenspiel, in dem die verschiedenen Figuren als Fürsprecher der jeweiligen Gesellschaftsmodelle agieren. Sie reagieren nicht menschlich emotional, sie sind Ideenträger. Das macht dieses Stück mit unter sperrig, text- und kopflastig. Dass diese Konstruktion dennoch funktioniert, ist zum einen Mrozeks Wortwitz zu danken. Zum anderen dem Ensemble."