Film ist Leben

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 4. Dezember 2013. Jean-Luc Godards "Week End" handelt von einer gewalttätigen Gesellschaft und von revolutionärer Gegengewalt. Davon handeln, unter anderem, auch "Dantons Tod", Bertolt Brechts "Tage der Commune", "Die Gerechten" von Albert Camus oder Tankred Dorsts "Toller". Mit Godards Film aber haben sie nichts gemein. Die Form ist mehr als ein Gefäß, in das ein Inhalt gegossen wird.

Als "Week End" Ende der Sechzigerjahre in die deutschen Kinos kam, war es in erster Linie eine Szene, von der man sprach: eine endlos scheinende Kamerafahrt vorbei an einem Verkehrsstau, in dem sich die Menschen, begleitet von einem Hupkonzert, wie für ein Wochenendpicknick eingerichtet haben. Nach zehn Minuten endete das grotesk-makabre Arrangement in einem Unfall. Das war Kino, das sich gegen keine andere Kunst austauschen lässt.

Schlachtfeld der Sechzigerjahre

Vorausgegangen waren zwei Sequenzen der wechselseitigen Mordpläne und der praktizierten Gewalt sowie des elaborierten Verbalsex. Den ganzen Film hindurch sieht man havarierte und brennende Autos und herumliegende Leichen. Erinnern wir uns: Als der Film 1967 entstand, war der Vietnamkrieg auf seinem Höhepunkt - das zentrale Thema der amerikanischen und europäischen Linken. Godard hatte, einmal mehr, die Epoche auf den Begriff oder vielmehr ins Bild gebracht.

Schon 2006 hat die Mode der Bühnenadaptionen von Filmen auch den wohl cinéastischsten aller Regisseure unserer Zeit erreicht, zunächst in Luzern und Hamburg, jetzt auch in Stuttgart. Wir sind müde geworden, die Verwechslung der Medien und Gattungen und ihrer spezifischen Möglichkeiten zu beklagen. Lassen wir uns also auf Thomas Jonigk und Niklas Ritter ein, die die Adaption als Autor und Regisseur zu verantworten haben.

liebekannibalen 560b connymirbach uHand am Anschlag: "Liebe Kannibalen Godard" © Conny Mirbach

Aus "Week End" wurde "Liebe Kannibalen Godard". Geblieben sind die glänzenden Dialoge. Geblieben ist der surrealistische Gestus (nicht umsonst zitiert Godard in einem Zwischentitel Buñuels "Würgeengel" und in einer Szene Polanskis frühen Kurzfilm "Säugetiere"). Vorangestellt hat Jonigk die Geschichte von Kronos, der seine eigenen Kinder verschlingt, um zum kannibalischen Staat überzuleiten. Dieser Prolog, der die Interpretation vorwegnimmt, ist der Strichfassung zum Opfer gefallen.

Stilisiertes Spiel

Niklas Ritter hat begriffen, dass er gegen Godards Film nur eine Chance hat, wenn er sich für eine radikal theatralische Umsetzung entscheidet. Agiert wird im Nord, der Nebenbühne des Stuttgarter Schauspiels, auf einem Gitterrost aus Holzstegen über einem Wasserbecken. An zwei Seiten, einander gegenüber, sitzen die Zuschauer auf Tribünen. Die Darsteller stehen zu Beginn auf der Spielfläche wie Schachfiguren. Ihr Spiel ist statisch und stilisiert. Jeglicher Naturalismus wird sorgfältig vermieden.

Der Text von Corinne und Roland, die das Rückgrat der Handlung bilden, sie aber mehr erleiden als gestalten, ist zunächst – anders als bei Jonigk vorgesehen – auf sechs Personen verteilt. Erst allmählich dürfen sich Susanne Böwe und Andreas Leupold als Träger dieser Rollen profilieren. Alle übrigen Rollen werden, dies nun nach Jonigks Willen, von vier Schauspielern – Maja Beckmann, Caroline Junghanns, Sebastian Röhrle und Johann Jürgens – verkörpert.

Auftritt Godard

Die Autos, die in Godards Film den roten Faden ausmachen, sind auf der Bühne nicht zu sehen, und dass Ritter das naheliegende Mittel der Videoprojektion vermeidet, verdient Anerkennung. Stattdessen lässt er angedeutete Orte auf primitiven Pappkartons an zwei Bierkisten vorüberziehen, auf denen Corinne und Roland wie hinter dem Lenkrad sitzen. Unfälle, wie sie sich bei Godard häufen, werden durch Theaterblut signalisiert, das über den eigenen Kopf geschüttet wird. Mehr braucht es nicht.

Auf Aktualisierung wurde weitgehend verzichtet. Dass James Bond in einem Nebensatz durch Bruce Willis ersetzt wurde, fällt weder positiv noch negativ ins Gewicht. Godard thematisiert in seinen Filmen auch den Film selbst. Selbstreflexivität ist bekanntlich ein Kennzeichen der Moderne. Jonigk behilft sich, indem er Godard nicht nur im Titel, sondern auch auf der Bühne auftreten lässt. Dass just dies gestrichen wurde, ist ebenso bedauerlich wie der Wegfall eines Dialogs über das Theater.

Smoking statt Sandwich

An dem kurzen Abend wird nicht so recht ersichtlich, welche Notwendigkeit für die Adaption besteht. Godards Film ist ein rundum faszinierendes Abenteuer, das man nicht so leicht vergisst. Von der Stuttgarter Theaterfassung bleiben einige Momente im Gedächtnis haften – etwa die perfekte Kate-Bush-Imitation aus dem Mund von Emily Brontë, die Ritter unter Umgehung von Jonigk direkt von Godard übernommen hat. Und dann, vor allem, die zwei Monologe des "Arabers" und des "Schwarzen". Vielleicht um einer lästigen Blackfacing-Debatte zuvorzukommen, wurden dafür die farbigen Laien Lambert Mousseka und Tesfazghi Sebahtu engagiert. Sie stehen nicht, wie bei Godard, als Arbeiter mit dem Sandwich in der Hand da, sondern sitzen im Smoking an einer weiß gedeckten Tafel. Was sie in unbekannten Sprachen vortragen, wird von Dolmetscherinnen übersetzt. Dies ist nicht Film, dies ist Theater.

An einer Stelle im Film sagt Corinne: "Dies ist kein Roman, dies ist ein Film. Film ist Leben.“ Und wie verhält es sich mit dem Theater? Eins jedenfalls hat dieser Abend schlagend bewiesen: politisch versteht sich das Stuttgarter Schauspiel auch unter Armin Petras. Dafür ist Godard ein glaubwürdiger Zeuge.

Liebe Kannibalen Godard
von Thomas Jonigk
nach dem Film "Week-end" von Jean-Luc Godard
Regie: Niklas Ritter, Bühne: Bernd Schneider, Kostüme: Ines Burisch, Musik: Tilman Ritter, Dramaturgie: Verena Elisabet Eitel, Katrin Spira.
Mit: Susanne Böwe, Andreas Leupold, Sebastian Röhrle, Maja Beckmann, Johann Jürgens, Caroline Junghanns, Lambert Mousseka, Tesfazghi Sebahtu.
Dauer: 1 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

 

Kritikenrundschau

Einen "albtraumartigen Wochen-End-Trip" mit fragmentierten Figuren und Geschichten beschreibt Cornelia Ueding vom Deutschlandfunk (Kultur heute, 5.12.2013). Ritter habe "ganz auf realistische Bebilderungen und filmische Elemente verzichtet. Wo wir sonst auf dem Theater mit einander überlagernden Videos ins Bild gesetzt werden, setzt er mit feiner Ironie auf scheinbar kindliche Wiedererkennungsmuster und mutet dem von Bildern überfluteten Fernsehkonsumenten in Form geschnittene, bemalte oder beschriftete Papptafeln zu, die eine nach der anderen an den seitlichen Zuschauerpodesten vorbeigetragen werden". Die "harmlose Beiläufigkeit der Inszenierung könnte ein Kunstgriff sein, wenn es Ritter gelungen wäre, die ungerührte Selbstverständlichkeit grausamer Aktionen zu zeigen, statt sie auf der Bühne zu reproduzieren: Bilder mit und ohne Schießgewehr, häufig in leiernder Sprechweise, weit weg von affektiver Teilnahme, und nicht sinister genug für schwarzen Humor."

Es sei "ein Abend der suggestiven Bilder", so Horst Lohr in den Stuttgarter Nachrichten (6.12.2013). "Sie sind das Ergebnis eines klug austarierten Zusammenspiels von Raumkonzeption, Inszenierung und Soundtrack". Ritter habe Jonigks "grimmige Endzeit-Farce" als "streng stilisiertes Bühnenexperiment inszeniert, das den Untergang unserer Zivilisation vorwegnimmt". Jonigk fange Godards "radikale Gesellschaftskritik (...) mit kunstvoll-brachialer Sprache ein", die Inszenierung wiederum versuche "eine Synthese aus Godards kaltem Film-Ton und Jonigks vehementem Frontalangriff auf eine enthemmte Konsumgesellschaft. Dabei verwässert der Regisseur manche Stückaussage, einige Szenen geraten ziemlich statisch. Und doch überzeugt der lapidare Gestus, mit dem die acht Darsteller Jonigks Personal als 'Ware' vorführen."

"Manchmal gehts zu wie im Splatterfilm, dann wieder wie bei Monty Python", schreibt so Otto Paul Burkhardt im Schwäbischen Tagblatt (6.12.2013). "Das Stück, eine Hommage an Jean-Luc Godards legendären Experimentalfilm "Week-End" aus dem Jahre 1967, rast vorbei wie eine schwarze, makabre, surreal-fantastische Satire." Jonigk versuche, "etwas vom Geist dieses Films ins 21. Jahrhundert zu retten". Das komme "als Godard-Update daher (mit Bezügen zu Bush und Blair), und Ritter zieht das Ganze auf eine eher zeitlose Ebene. Was bleibt, ist ein durchgeknalltes Roadmovie ohne Autos auf der Bühne. Und eine groteske, anarchische Satire auf die Gier in der Welt."

 
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