Scheiden tut weh

von Anne Peter

Kassel, 11. Januar 2008. Nur allzu viele Liebesgeschichten enden wohlweislich mit dem glücklichen Sich-Finden zweier Menschen. Das bewahrt die Romantik bzw. das, was wir landläufig darunter verstehen. Gehen sie über dieses Ende hinaus, sind sie meist nicht mehr romantisch – oder nicht mehr realistisch.

Auch der französische Regisseur François Ozon lässt seinen 2004 in die Kinos gekommenen Film "5x2" an eben diesem kritischen Punkt enden: mit einem Paar, das durch die Wellen in einen ach so romantischen Sonnenuntergang hineinwatet. Was danach kommt, kommt davor. In fünf Teilen bebildert er die exemplarischen Stationen einer Beziehung in umgekehrter Chronologie: von der Scheidung, über Krise, Geburt des Kindes und Hochzeit bis zum Kennenlernen.

Zwischenmisstöne im Ehedrama

Für den 28jährigen Regisseur Sebastian Schug, der sich in der kleinen Spielstätte tif, dem Theater im Fridericianum des Staatstheaters Kassel, jetzt das Ehedrama vornimmt, hat diese Erzählweise, wie er in einem Interview sagt, einen Krimi-Effekt: Man wolle wissen, wie es dazu kommen konnte. Der Film spart Erklärungen eher aus. Zwar begegnet Marion in der Hochzeitsnacht einem anderen Mann, zwar lässt Gilles sie bei der Geburt des Kindes allein, zwar betrügt er sie vor ihren Augen auf einer Party. Das alles wird jedoch, zumal in der Rückläufigkeit, kaum in direkten Kausalzusammenhang mit dem Scheitern der Beziehung gebracht. Weniger diese Ereignisse als die wiederkehrenden Zwischenmisstöne, die karge Kommunikation und fehlende Auseinandersetzung scheinen für das Nicht-Funktionieren verantwortlich.

Schug tut – seinem kriminalistischen Interesse folgend – einiges dafür, diese Begründungslücke zu füllen. Dabei kann er teilweise auf Dialoge aus Ozons Drehbuch-Adaption zurückgreifen, die dieser im Film nicht verwendet hat. So vereindeutigt er Gilles zum arbeitslosen Hausmann, der sich ums Kind kümmert, während Marion arbeiten geht. Was bekanntlich auch heutzutage noch ernste Männlichkeitskrisen hervorrufen kann.

Kind und Kuchenschachtel

Nico Link gibt den Gilles in der entsprechenden Szene denn auch sichtlich genervt. Agnes Mann als Marion stopft ihm beim Heimkommen noch eine Kuchenschachtel neben das Kind in den Arm und geht sich erstmal schminken. Überhaupt wirkt ihre Marion selbstbewusster, auch unbefangener, stürmischer als im Film, in dem Intensität eher aus dem zurückgenommenen Spiel entsteht. Im Gegensatz zu Link, dessen jugendlich hemdsärmeliger Darstellung es tendenziell an Glaubwürdigkeit mangelt, vermag Mann den Beziehungsstufen differenzierte Spiel-Nuancen zu verleihen.

Nur am Anfang muss man befürchten, es solle hier vor allem Film-Nachstellung betrieben werden. Die Inszenierung gelingt jedoch, wenn sie sich mit eigenen Ideen von der Vorlage entfernt: Wenn Marion nach ihrem Seitensprung sich denselben im Crescendo-Rundlauf um die Bühne vom Leibe zu rennen sucht. Oder wenn sie im Strobolicht der italienischen Touristendisko mit einem immer trauriger ins Megaphon gesungenen "Saturday Night, I feel the air is getting hot" die eigene Einsamkeit vertont.

Kreative Regieverspieltheit

Nicht nur mit (bisweilen allerdings albernen) Gesangs- und Tanzeinlagen peppt Schug den doch eher tristen Beziehungskistenstoff beinahe zur Klamotte auf, was das Publikum mit beständigem Amüsiertsein honoriert. Dennoch verkommt der Abend nie zu billiger Paar-Parodie. Übersteigerungen werden eher den diversen Nebenfiguren überlassen, dem schwulen Bruder und seinem Beau, der gluckenhaften Mama oder der blondperückten Vorgänger-Freundin, dem Richter, Arzt und Bürgermeister, die allesamt variantenreich von Eva-Maria Keller, Jürgen Wink und Jochen Drechsler gegeben werden.

Wie deren Rollen wechseln auch die Szenen fliegend. Statt sie simpel mit Black-Schnitten zu trennen, lässt Schug die Situationen originell ineinander übergehen. Die in warmfarbigem Retro-Look eingerichtete Allraumbühne (Christian Kiehl) mit Bett, Sitzecke, Poolstreifen, Liegestühlen kann dabei je nach Situation umdefiniert werden. Überhaupt setzt Schug erfreulich oft auf einfachste Theatermittel, um die Imagination jenseits des Illusionismus zu befördern: Marion stopft ein Kissen unter die Decke, womit sie flugs nicht mehr allein im kriseligen Ehe- sondern im Kreißsaalbett liegt, dem sie dann bei kollektivem Hochzeitsmarschsummen als Braut entsteigt.

Kreative Regieverspieltheit dominiert hier deutlich über nur vage vorhandene inhaltliche Akzentuierungen. So dass man am Ende dieser knapp zweistündigen Kasseler Kurzweil fast vergessen hat, dass Scheiden doch eigentlich verdammt weh tut.


5x2
von François Ozon
Aus dem Französischen von Astrid Althammer
Regie: Sebastian Schug, Ausstattung: Christian Kiehl, Musik: Johannes Winde. Mit: Agnes Mann, Eva-Maria Keller, Nico Link, Jürgen Wink, Jochen Drechsler.

www.staatstheater-kassel.de


Kritikenrundschau

In der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (14.1.) schreibt Juliane Sattler, Sebastian Schug schaffe bei seiner Adaption von François Ozons "5x2" gemeinsam mit Bühnenbildner Christian Kiehl "einen lebendigen Theater-Organismus, aus dem die unterschiedlichsten Zeitebenen fast surreal herauswachsen". In virtuoser Manier schaffe er "magische Übergänge zwischen den Stationen. Und er federt die Wunden, die ein Eheleben schlägt, mit revueähnlichen Einlagen ab, so als wolle er der Realität etwas entgegensetzen – das Lachen im Schmerz." Vor allem die beiden Hauptdarsteller gäben "den Szenen einer Ehe mit starken, erschreckenden Emotionen" ein Gesicht: "Die überpräsente Agnes Mann spielt mit großem Mimikeinsatz eine Frau, die auf den Verlust ihrer Träume nicht mit dem Verlust ihrer Würde antwortet. ... Neben ihr gibt Nico Link einen immer mehr verstummenden Ehemann."

"Der Filmstoff", konstatiert Ursula Böhmer in der FAZ (16.1.), funktioniert im Theater gut, filmische Überblendetechniken weniger". Es gibt noch mehr Fehler und Ungeschicklichkeiten, die die Kritikerin dem Regisseur ankreidet, um dann aber doch, befreienderweise, festzustellen: "Dass Sebastian Schugs filmischer theaterversuch ... trotzdem gelingt, liegt daran, dass er sozusagen die Gazevorhänge vor Ozons Figuren ein wenig beiseiteschiebt". die werden radikalisiert, deutlicher und dadurch in ihren Motiven wesentlich einleuchtender, stellt Frau Böhmer fest."So ergibt '5 x 2' in Kassel zwar nicht zehn, aber Schug ist schon ziemlich nahe dran."

 

 
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