Verpasste Leben

von Elisabeth Maier

Baden-Baden, 6. Dezember 2013. Der Streit um den Morgenkaffee wird bei dem Mittfünfziger Vania und seiner Adoptivschwester Sonia zum Kampf um die nackte Existenz. Vania, Sonja, Mascha – die Namen sind nicht zufällig gewählt. Ihre Eltern waren Professoren, die Tschechows Dramen liebten. An diesem Bildungsballast ersticken die erwachsenen Kinder. Eine Familie, in der Schein und Sein aus dem Gleichgewicht geraten, zeigt der amerikanische Dramatiker Christopher Durang in seinem Stück "Vania und Sonia und Mascha und Spike".

Stefan Huber hat die europäische Erstaufführung von Durangs Broadway-Erfolg, der im Oktober 2012 im New Yorker Lincoln Center Theater in der Regie von Nicolas Martin uraufgeführt wurde, am Theater Baden-Baden in Szene gesetzt. Der Schweizer Regisseur erfasst das grandiose komische Potenzial von Durangs abenteuerlichem Mix aus amerikanischer Sitcom und melancholischem Seelendrama nach russischer Tradition. Und das Publikum lacht, spendet Szenenapplaus. Aber zu oft entgehen Hubers stark auf komische Effekte ausgerichteter Regie die verstörenden Einblicke in die Psyche der Figuren, die eine große Stärke des amerikanischen Dramatikers sind. In den 80er-Jahren machte Durang, der seit 1994 an der Juillard School in New York junge Dramatiker ausbildet, mit neurotischen Schockkomödien wie "Trotz aller Therapie" von sich reden.

Molekularer Urzustand

Bühnenbildnerin Andrea Wagner findet starke Zeichen für den Konflikt, in den die Figuren während eines Aufenthalts im Landhaus der Eltern geraten. Hoch über einem pompösen, bräunlich glänzenden Seidenvorhang ist das Bücherregal angebracht. Die bibliophile Goldschnitt-Bücherei der Professoreneltern ist für die Kinder in himmelweite Ferne gerückt. Alles, was Catharina Kottmeiers zauberhaft verletzliche Sonia an geistigem Ausgleich zulässt, ist ein Puzzlespiel, das unvollendet auf dem Holztisch liegt.

Vania3 560 JochenKlenk uMascha (Birgit Bücker), Spike (Daniel Arthur Fischer) und Sonia (Catharina Kottmeier) am Theater Baden-Baden © Jochen Klenk

Berth Wesselmann lässt seinen frustrierten Vania in einem abgewetzten Sessel hängen und über sein verpasstes Leben nachdenken. In seiner Freizeit, die er endlos besitzt, schreibt er experimentelle Dramen, die Menschen in ihren molekularen Urzustand versetzen – diese plumpe Parallele zu Tschechows Konstantin Treplew, der in "Die Möwe" eine neue Kunstform fordert, wirkt konstruiert. Oft kapriziert sich Durang zu sehr auf Tschechows große Vorbilder. So verstellt er den Blick auf die Existenzkämpfe, die sehr zeitgemäß sind.

Verlust von Verbindlichkeit

Regisseur Huber lässt sich zu stark auf dieses bildungsbeflissene Spiel ein. Immerhin befreit Wesselmann seine Figur in einem bemerkenswerten Monolog aus den geistesgeschichtlichen Fesseln. Da stört der jugendliche Liebhaber von Schwester Mascha die szenische Lesung. Gelangweilt protzt dieser Spike (Daniel Arthur Fischer), ein oberflächlicher Waschbrettbauch selbst im Geiste, mit seiner Twitter- und Facebook-Existenz, während die anderen um ihre Identität ringen. "Wir haben Briefmarken geleckt", schreit Vania voller Zorn. Und das Lachen bleibt einem da doch im Halse stecken. Hier geht es nicht um einen seichten Witz über Menschen, die mit der Zeit nicht Schritt halten. Es geht um den bitteren Verlust von Nähe und Verbindlichkeit.

Den spürt auch Schwester Mascha, die es geschafft hat – jedenfalls sieht das so aus. Diese komplexe Rolle ist für Birgit Bücker ein Paradestück. Obwohl Mascha Geld hat und den Lebenswandel ihrer tatenlosen Geschwister finanzieren kann, spielt sie in schlüpfrigen Filmen mit. Ihren Traum, klassische Rollen zu spielen, hat sie nie verwirklicht. Vor der naiven Nachbarin Nina, deren große Liebe zu den Menschen Anne Leßmeister überzeugend spüren lässt, gibt sie mit ihren Auftritten an ("googeln Sie mich"), aber in Wirklichkeit hat sie nichts erreicht.

Schöne Entdeckung

In einem lächerlichen Schneewittchen-Kostüm aus dem Walt-Disney-Fundus will sie zum Kostümfest gehen und schart ihre Familie als Zwerge um sich. Die spielt aber nicht mit. Dass ausgerechnet die Reinigungskraft Kassandra eine Seherin ist und unvermittelt aus antiken Tragödien zitiert, ist des Guten zuviel. Immerhin zeigt Agnes Lampkin Aggression, wenn sie eine als Mascha verkleidete Voodoo-Puppe mit Nadeln traktiert.

Trotz solch überzeugender Charakterporträts schafft es Hubers Regie nicht, mit den literarischen Anspielungen zu jonglieren. Das Stück "Vania and Sonia and Mascha and Spike", dessen psychologische Tiefenschichten die Übersetzerin Anna Opel in der deutschen Fassung anklingen lässt, hat mehr als nur komisches Potenzial, das am Broadway die Kassen füllt und für Preise wie den Tony-Award gut ist. Baden-Badens Intendantin Nicola May, die auch für die Dramaturgie verantwortlich zeichnet, hat dieses Potenzial erkannt und ihrem Haus die europäische Erstaufführung gesichert. Obwohl sich Hubers Regie zu wenig auf eine gesellschaftspolitische Lesart einlässt, ist die Entdeckung geglückt.

Vania und Sonia und Mascha und Spike (EEA)
von Christopher Durang, deutsche Übersetzung von Anna Opel
Regie: Stefan Huber, Bühne und Kostüme: Andrea Wagner, Dramaturgie: Nicola May.
Mit: Berth Wesselmann, Catharina Kottmeier, Birgit Bücker, Daniel Arthur Fischer, Anne Leßmeister, Agnes Lampkin.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater.baden-baden.de

Kritikenrundschau

"Ein echter Knüller für Baden-Baden", schreibt Chhristiane Lenhardt im Badischen Tageblatt (9.12.2013). Das beste Stück des Jahres 2013 vom New Yorker Broadway sei jetzt "in einer gelungenen europäischen Erstaufführung im Theater am Goetheplatz" herausgekommen und verbinde "die hohen Ambitionen einer Sittenkomödie fast spielerisch mit dem schnellen Witz einer Sitcom". Aus Sicht der Kritikerin "modernes Theater vom Feinsten, in dem einiges zusammenkommt". In Stefan Hubers Inszenierung erhalte "die urkomische Mischung aus den klassischen Themen existenzielle Verlorenheit und Sehnsucht einen heutigen Dreh, inklusive satirischer Anspielungen auf die Mediengesellschaft".

In New York gab's dafür den Tony-Award für das beste neue Stück am Broadway 2013 – doch nach der Europäischen Erstaufführung am Theater Baden-Baden möchte Andreas Jüttner von den Badischen Neuesten Nachrichten (9.12.2013) sich die anderen Kandidaten dieses Jahrgangs lieber nicht vorstellen. Denn der Text begnügt sich aus seiner Sicht damit, "ein Klischee nach dem anderen abzuhandeln". Ob große Themen oder platte Sex-Kalauer: "alles wird hier gleichmäßig zusammengerührt, und so lässt Regisseur Stefan Huber es auch dahinplätschern. Dabei hat gerade er in Baden-Baden schon mehrmals gezeigt, was aus neuen Boulevard-Texten herausgeholt werden kann." Doch im vorliegenden Fall strande "der Versuch, zwischen Einfühlung und Parodie zu balancieren, auf der Sandbank der Plattitüden".

 

 
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