Rebellen des Glücks

von Isabella Kreim

Ingolstadt, 8. Dezember 2013. Irgendwo zwischen der Occupy-Bewegung und einer Hippie-Kommune, in der Lieder zu Gitarre gesungen und plastiktütenweise gesunde Äpfel gegessen werden, liegt dieser Ardenner Wald, in dem sich Shakespeares höfische Aussteigergesellschaft zusammenfindet. Denn Regisseur Donald Berkenhoff hat in "Wie es euch gefällt" nicht nur die aberwitzigen Gefühlsverwirrungen durch Geschlechtertausch und die grassierende Liebesepidemie im Blick. Er fragt auch nach der Utopie einer "Republic of Happiness", in der jeder eine neue Chance hat, seine alte Rolle als Mann oder Frau, Herzog oder Schäfer abzustreifen, sich neu zu erfinden und das Glück abseits der wenig liberalen zivilisatorischen Vorgaben zu suchen.

Usurpatoren in Weiß

Die Komödie beginnt ja mit einer Staatsaktion. Das diktatorische Regime nach dem Staatsstreich, der Bruderzwist zwischen Orlando und Oliver, Folter und Verbannung spielen vor einer grauen Säulenkulisse mit vielen Türen. Die beiden Brüder Orlando und Oliver prügeln sich heftig um ihr Erbe, der neue Herzog lässt Oliver durch das Einflößen einer scheußlichen Flüssigkeit foltern. Keiner flieht freiwillig vom Hofleben in die Waldkommune.

wieeseuchgefaellt 560 jochenklenk uShakespeares Hippie-Kommune © Jochen KlenkBereits in diesem Tragödienteil des ersten Aktes gelingt es Berkenhoff, Spuren des Komödiantischen einzuschleusen, ohne den Ernst der Situationen preiszugeben. Mit großer Lust an der Übertreibung der Verzweiflung, des Hasses, der Angst, der Intrige und mit Freude an rhetorischer Finesse gehen die Protagonisten das permanente Rollen- und Theaterspiel des Lebens an. Der Ringer (Sascha Römisch) stöhnt bei Orlandos Liebeserwachen pointiert angeekelt auf, Richard Putzinger als der böse Bruder imitiert auch mal den deformierten Bösewicht Richard III., Jan Gebauer spielt einen gefährlich missmutig und langsam die Konsonanten kauenden Diktator, Ralf Lichtenberg ist ein köstlich penibler und aus Angst stammelnder Höfling. Die weißen Uniformen der Getreuen des neuen Regimes sind irgendwo zwischen Pinochet-Regime und Traumschiffkapitän angesiedelt. Die Komödie usurpiert die Selbstdarstellung des Usurpator-Regimes.

Popstar und Liedermacher

Der Ardenner Wald, den Fabian Lüdicke als buntes Zeltlager gestaltet hat, ist ein treffliches Bild für die Subkultur der höfischen Aussteiger. Die aufgehobenen sozialen Schranken in der Waldkommune drücken sich auch in der kreativ individualisierten Kleidung (Kostüme: Andrea Fisser) aus, als haben sich die Emigranten für ihr Glücksutopie-Spiel in einem Theater-Kostümfundus bedient. Bevor der Nachschub an Liebeskranken eintrifft, herrscht gepflegte Langeweile. Der entmachtete Herzog spielt die Rolle eines exotischen Stammesfürsten (freundlich und sanft: Ulrich Kielhorn), Stefan Leonhardsberger als der Bob Dylan der Kommune und der Melancholiker Jacques tragen einen Contest "Popstar versus Punk-Liedermacher" aus. Wo aber bleibt die Komödie, wenn auch im alternativen Landleben nur Liebesleid statt Liebeslust herrscht?

Schließlich sucht Orlando (kernig, mutig und übermütig: Matthias Zajgier) verzweifelt nach seiner Rosalinde, die sich ihm – als Jüngling Ganymed verkleidet – als Rosalinde-Ersatz zum Probe-Liebeswerben anbietet. Der Schäfer Silvius liebt hoffnungslos die Schäferin Phoebe, die ihn höchstens als servilen Schoßhund missbraucht, bevor sie sich Hals über Kopf in den jungen Mann Rosalinde / Ganymed verliebt. Und selbst der Narr kommt bei der Akkordeon spielenden Kuhhirtin (stoisch eigensinnig: Teresa Trauth) nicht wirklich zum Zuge.
Großen Spaß macht der von Frank Günther genau und geistreich übersetzte Wortwitz der Liebeskranken oder wie der Melancholiker Jacques diese menschlichen Marginalien wie Liebesglück mit bitterem Weltschmerz kommentiert.

Liebevolle Details

Denise Matthey als Rosalinde brilliert mit Schlagfertigkeit und artistischen Ausweich- und Abreaktionsmanövern und wirkt doch zerbrechlich mit Heul- und Hysterieanfällen unter der ruppigen Ganymed-Verkleidung. Patricia Coridun ist die zu komischer Theatralik neigende Resolutere der beiden Cousinen, bevor auch sie unvermittelt der Liebespfeil trifft.
Anjo Czernich macht als Narr ganz ohne Narrenklischees aus jeder Situation spielerisch fröhlich das Beste und Jörn Kolpe ist als sein Antipode Jacques mehr als ein Melancholiker: ein Anti-Glücks-Rebell.

Der verliebte Schäfer Silvius von Nils Buchholz hat ein hoch amüsantes Arsenal an kleinen Gesten und Stammeleien hündischer Unterwerfung ausgetüftelt, Viktoria Voss ist eine elegant-strenge Hippie-Schäferin, der man ihre höfische Erziehung noch anmerkt, Peter Greif ein weiser Hüter seiner Bühnenschafe. Eine Marke an rührender Komik für sich ist Karlheinz Habelt als schließlich leicht dementer Diener Adam. Doch bei all diesen liebevoll ausgearbeiteten Details gehen im zweiten Teil des Abends doch etwas Tempo und Rasanz verloren.

Große Gefühle verlangen nach Singspielen

Wenn der Gefühlspegel übermächtig wird, fangen die Menschen nach einem Diktum von Walter Felsenstein zu singen an. Oder wenn die Handlung allzu unwahrscheinlich ist, wie in mancher Oper. So passiert es auch hier. Das Stück wird zum Singspiel, als sich der tyrannische Herzog zum friedvollen Eremiten wandelt und der gehässige Oliver zur Bruder- und auch gleich Gattenliebe bekehrt wird. Der musikalische Leiter Tobias Hofmann hat mit seiner Liveband auch dafür wunderbare Musik geschaffen, für das Einbremsen des Gefühlschaos ein schönes mozartisches Rezitativo mit Ensemblefugato.

Zum Happy End treten die vier heiratswilligen Paare als Trauergesellschaft in schwarzen, biederen Kleidern und Fräcken auf. Mit ihrem alten Leben hat eine ziemlich trostlose Konvention die bunte Aussteiger-Gesellschaft wieder. Als Deus ex Machina erscheint Stefan Leonhardsberger, eine androgyne Diva mit stahlblauen künstlichen Augen vor einem bunten Glitzervorhang, auf dem in Neonrot der Schriftzug "Republic of Happiness" leuchtet. Ein ironischer Verweis auch auf eine der nächsten Premieren am Stadttheater Ingolstadt, Martin Crimps gleichnamiges Theaterstück, und das Spielzeitmotto "Glück". Großer und langanhaltender Applaus für diese ernsthafte Komödie.


Wie es euch gefällt
von William Shakespeare
Deutsch von Frank Günther
Regie: Donald Berkenhoff, Bühne: Fabian Lüdicke, Kostüme: Andrea Fisser, Musik und Musikalische Leitung: Tobias Hofmann, Dramaturgie: Gabriele Rebholz.
Mit: Patricia Coridun, Denise Matthey, Teresa Trauth, Viktoria Voss; Nils Buchholz, Anjo Czernich, Jan Gebauer, Peter Greif, Karlheinz Habelt, Tobias Hofmann, Ulrich Kielhorn, Jörn Kolpe, Stefan Leonhardsberger, Ralf Lichtenberg, Richard Putzinger, Sascha Römisch, Matthias Zajgier.
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.theater.ingolstadt.de

 

Kritikenrundschau

Das Spiel ist Thema dieses Abends, "das Theater. Die Illusion. Die Utopie", schreibt Anja Witzke im Donaukurier (9. Dezember 2013). Im Möglichkeitsraum des Waldes lasse Regisseur Berkenhoff alle Eventualitäten der Glücksverheißung durchexerzieren. Seine Inszenierung sei sehr unterhaltsam. "Sie ist komisch, poetisch, subtil, lebt von wunderbaren Bildern und herrlicher Musik." Aber es gebe bisweilen auch ein Zuviel. "Gerade der Anfang am Hof des Herzogs gibt sich (…) zu wuchtig, zu laut, da bleibt die Komik einfach nur schwerfällig." Dabei besteche Berkenhoffs fast 20-köpfiges Ensemble durch Spiellaune, Witz, Kraft und Energie. Und mindestens zum Ende finde der Abend auch die perfekte Balance – mit einem nur vordergründigen Happy End "mit Musik, Sekt und Flitterkram. Eben eins 'Wie es euch gefällt'. Allein: Den Zweifel hört man doch."

 
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