Totalgesamtkunstwerkausfall

von Regine Müller

Köln, 7. Dezember 2013. Im Festspiel-Sommer des nun zu Ende gehenden Wagner-Jahres war Helene Hegemann im Auftrag einer großen deutschen Wochenzeitung in Bayreuth. Nicht als Opernkritikerin, versteht sich, sondern als Abgesandte aus einem völlig anderen, aber vielleicht doch nicht so feindlichen Kulturbiotop. Hegemanns Betrachtungen oszillierten in unverhüllter Koketterie mit der eigenen Ich-hab-doch-keine-Ahnung-Haltung wortreich zwischen Befremden über den Rummel und Faszination für das Gesamtkunstwerk. Also höchste Zeit für die erste eigene Oper, pardon, das erste eigene Gesamtkunstwerk!

Multimedial übermalend

Denn nichts Geringeres hat sich das Leitungsteam von "Musik", in dem Hegemann als Librettistin und Regisseurin fungiert, tatsächlich vorgenommen. Schließlich klingt "multimedial" ja auch schon ein bisschen abgenutzt, "Gesamtkunstwerk" dagegen herrlich anachronistisch, und ja, auch ein bisschen größenwahnsinnig. Bei Lichte betrachtet freilich ist das, was man im Programmheft übers Konzept nachlesen kann, nichts Anderes, als die seit Jahrzehnten immer gleiche Packungsbeilage zu zeitgenössischem Musiktheater, die Risiken und Nebenwirkungen der angeblich immer wieder ach so neuen Formen beschreibt. Sparten- und genreübergreifend soll es sein, aufbrechen, integrieren, übermalen, überschreiben, einschreiben und so weiter. Das sind die Zauberformeln, die Fördertöpfe aufspringen lassen. So auch hier, denn mit nicht weniger als 80.000 Euro stiegen das Kultursekretariat NRW und die Kunststiftung NRW bereitwillig in das Experiment der Kölner Oper in der Ersatzspielstätte im Mülheimer Palladium mit ein. Ach, wenn's denn mal ein echtes Experiment geworden wäre!

Musik3 560 PaulLeclaire hIm Herzen der Oper: Dalia Schaechter als Klaras Mutter © Paul Leclaire

Tatsächlich ist "Musik" mit dem hübsch coolen Untertitel "I make hits motherfucker" langatmiges, fahriges, dabei kreuzbraves und aseptisches Theater. Dabei basiert "Musik" auf Frank Wedekinds gleichnamigem Drama, einem Sittengemälde von 1908, das vor dem Hintergrund des spätwilhelminischen Bürgertums die schwüle Geschichte einer angehenden Wagner-Sängerin (was sonst?) erzählt, die von ihrem Gesangslehrer zweimal geschwängert wird, mit ihm und dessen Ehefrau Else in einer menage à trois lebt, einmal abtreibt, dafür ins Gefängnis kommt und am Ende sitzengelassen wird.

Eklektizistische Komposition

Also Stoff genug für Eros und Drama, oder wenigstens deren konsequente Brechung. Doch Komponist Michael Langemann – ein Schüler Manfred Trojahns und des derzeit schwer angesagten George Benjamin – lässt ein klassisch besetztes Sinfonieorchester antreten, mit dem er Walter Kobéra am Pult des Gürzenich-Orchesters einen süffigen, spätromantischen Soundtrack ausbreiten lässt. Ungeniert bedient Langemann sich über weite Passagen bei Wagners "Tristan und Isolde", zitiert wörtlich die Venus-Szene aus dem "Tannhäuser", lässt hier ein bisschen Britten-Kolorit durchschimmern, bisweilen auch Janacek und zwecks Spannungsaufbau bei dramatischen Szenen auch den Beat der amerikanischen Minimalisten.

Zumeist allerdings fühlt man sich an die Filmmusiken Bernard Herrmanns zu Hitchcocks "Vertigo" oder "Marnie" erinnert: Üppiger Sound, suggestive Klangwirkungen, sogartige Steigerungen, wenn auch recht kurzatmig, wie Langemann generell alles nur anreißt, ohne einen wirklich spezifischen Ton zu finden. Auch bei den Gesangspartien bleibt der Tonsetzer überwiegend konservativ, sieht man einmal von den spitzen Koloraturen im ewigen Sopran-Schnee der Klara (fulminant: Gloria Rehm) ab. Am besten funktioniert Langemanns insgesamt völlig ungebrochen eklektizistische Tonspur im Zusammenspiel mit Kathrin Krottenthalers gewohnt virtuosen, grobkörnig schwarz-weißen Videos, deren Melancholie zwar bezwingend wirkt, doch auch ziemlich allgemein bleibt.

Musik1 hoch PaulLeclaire hAus Wagners Reich: Gloria Rehm als Klara
© Paul Leclaire

Fashion Victim und Kettenraucher

Auf mehreren Projektionsebenen flimmern Krottenthalers Filme, oft werden dazu eigens Vorhänge vorgezogen, derweil die sonstige Handlung stoppt. So bebildern die Videos die Orchesterzwischenspiele, die ansonsten keinerlei dramaturgische Funktion haben. Wie auch die ungelenk banalen Tanzeinlagen einer sechsköpfigen Truppe (Choreographie: Athol Farmer), die so überflüssig wie unverständlich sind. Mit Gesangspartien sind, neben der Hauptfigur Klara, ihr Lehrer (kernig: Henryk Böhm), Klaras Mutter (gewohnt präsent: Dalia Schaechter), ein gewisser Franz (souverän die Schwäche der Minirolle überspielend: John Heuzenroeder) und der Arzt in Mönchskutte (kurz, aber imposant: Lucas Singer) bedacht, während die Schauspielerin Judith Rosmair (Else) ein paar furios hysterische Auftritte als fashion victim und Kettenraucherin mit Gesangstalent hinlegt.

Helene Hegemanns Regie ist ansonsten ein Totalausfall und die ganze Dramaturgie tritt bereits nach spätestens 30 Minuten auf der Stelle. Die Melodram-Passagen gehen oft unter und die gesprochenen Strecken sind – obwohl von Mikroports gestützt – schwer verständlich. So ist man dann froh, wenn nach nicht ganz zwei Stunden das Drama, das trotz des hohen Einsatzes insbesondere von Gloria Rehm als Klara seltsam kühl lässt, sein erschöpftes Ende findet. Begeisterung seitens der Hegemann-Groupies, ansonsten höflicher Applaus.


Musik – I make hits motherfucker (UA)
von Helene Hegemann (Text), Michael Langemann (Musik), Janine Ortiz (Konzept)
nach Frank Wedekinds "Musik"
Regie: Helene Hegemann, Musikalische Leitung: Walter Kobéra, Bühne & Kostüme: Janina Audick, Video: Kathrin Krottenthaler, Licht: Nicol Hungsberg, Choreografie: Athol Farmer, Dramaturgie: Janine Ortiz/ Roland Quitt.
Mit: Gloria Rehm, Henryk Böhm, Judith Rosmair, Dalia Schaechter, John Heuzenroeder, Lucas Singer. Tanzensemble: Lisa Rölleke, Finja Johanna Wichard, Esther Manon Siddiquie, Nathalie Nord, Daniel Kalischewski. Gürzenich Orchester Köln.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.operkoeln.de

 

Die Schriftstellerin Helene Hegemann debütierte 2010 mit dem Roman Axolotl Roadkill, der nach euphorischer Aufnahme im Feuilleton bald eine heftige Plagiats-Debatte wegen einzelner bei dem Blogger Airen abgeschriebener Passagen auslöste. Gemeinsam mit der Puppentheater-Combo "Das Helmi" verarbeitete Hegemann den Fall im Mai 2010 in dem Theaterstück Axel hol den Rotkohl.

 

Kritikenrundschau

Selbst "in seinen anfängerhaft unausgegorenen und langatmigen Passagen" sei Helene Hegemanns Opern-Debüt "ein wunderbar unbescheidenes, jugendfrisches und poetisches Spektakel, das die Oper zwar nicht reformiert, aber das Gesamtkunstwerk ins Leben holt", schreibt Michael Struck-Schloen in der Süddeutschen Zeitung (9.12.2013). Wedekinds "Musik" interessiere sie "nicht mehr als Gesellschaftsanalyse, sondern nur noch als Reservoir von Motiven, die sie nach Belieben in ihre eigene Geschichte einfügt. Hegemanns Sprache besitzt die harten Konturen aus ihren Romanen, die verzweifelte Lyrik am Rande des Lächerlichen, das derbe Alltagsdeutsch". Der "konventionelle Operngesang" aber bleibe an diesem Abend "durchweg ein Fremdkörper. Es ist eine Musik, die sich unterordnet und anschmiegt an die übrigen Theaterelemente".

Im Kölner Stadt-Anzeiger (9.12.2013) schließt sich Markus Schwering angesichts dieser Produktion der "Fraktion der Ratlosen" an. Die Ratlosigkeit resultiere "zu einem Gutteil daraus, dass diesmal alle Urteilskriterien, die man üblicherweise an einen Opernabend heranträgt, ins Leere laufen." Die Auffassungsfähigkeit des Zuschauers müsse vor dem "kalkulierten akustischen Reizüberfluss und –überschuss" schnell kapitulieren. "So läuft das eben in der heutigen Lebenswelt, scheint die Regie suggerieren zu wollen. Nun ja, aber das wissen wir ja eigentlich schon, Kunst sollte mehr tun, als in ihrem Innenraum das, was ohnehin der Fall ist, lediglich zu wiederholen." Die Intention des Produktionsteams, "dass im Zentrum von Klaras verhängnisvoller Selbstaufgabe die Leidenschaft zur Musik" stehe, werde "in der szenischen Realisierung nicht recht glaubhaft."

Helene Hegemann bekenne sich "zu ihrem Fremdeln gegenüber der traditionellen Oper", schreibt Bernhard Hartmann im General-Anzeiger (9.12.2013). Gerade daraus wolle sie "ihre 'Idealvorstellung vom Musiktheater' entwickeln." Aber es bleibe "wohl ihre persönliche Idealvorstellung. Denn nichts wirkt in dieser Inszenierung wirklich zwingend. Schon gar nicht die Entscheidung für Wedekinds Text." Immerhin erweise sich der Komponist Michael Langemann "in der Musik-Adaption als souveräner Routinier".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.12.2013) weiß Gerhard R. Koch: "Zielt Helene Hegemann also einerseits auf eine Phantasmagorie von Musik letztlich doch wieder eher als Himmels- denn als Höllenmacht, probiert sie andererseits eine kaleidoskophafte Trash-Ästhetik nach Art von Frank Castorf aus." Der Text werde mit dem Begriff "Collage" nicht gut getroffen – "eher kommen einem barocke Manierismus-Topoi wie Pasticcio oder mehr noch Concetto in den Sinn. Oder man kann es auch einfach ein Text-Sammelsurium nennen." In seiner Zeitgeist-Schnipsel-Ästhetik jongliere dieser Abend über nicht eben wenige Abgründe hinweg, aber immerhin werde es nicht langweilig.

Viel Wedekind-Originaltext ist nicht übrig geblieben, dafür gibt es viel leerlaufendes Gequassel heutiger Metropolenintellektueller über Musik, Mode und Lifestyle, schreibt Stefan Keim in der Welt (11.12.2013). "Eines gibt es nicht: Gefühle." Für tiefer gehende Psychologie interessiere sich weder die Dramatikerin noch die Regisseurin Hegemann. "Das wäre kein Problem, wenn dafür wilde, orgiastische oder zumindest interessante Bilder den Zuschauer überwältigen würden." Die Uraufführung von "Musik" scheitere an überraschender Biederkeit. Alle sinnlichen, erotischen, irgendwie erregenden Momente zeigten die Videoprojektionen. Hier gelängen allerdings Kathrin Krottenthaler (…) wahrhaftig mitreißende, schnell geschnittene Schwarzweißaufnahmen. "In dieser misslungenen Theateraufführung steckt immerhin ein guter Kurzfilm."

 
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