Seelenzittern an der Zeitenwende

von Jens Fischer

Bremen, 12. Dezember 2013. Mit neugierigem Ernst wird sie durchdrungen, die Morbidezza der Wehmut. Zitternde Seelen kommen hinter all den Klagegesten und Kummerstimmen zum Vorschein. Hoffnung, Sehnsucht, Liebe, irgendein Ansporn pumpt noch Leben in die müden Glieder der jammernden, lästernden Sensibelchen. Sich selbst spüren, wie man heute sagt. Aber das Zittern wird nicht Tat. Apart läuft das Lamento ins Nichts.

Erstarrt in Selbsttäuschung, gebannt vom Realitätsverlust und mit sturem Beharren auf dem Gewesenen leiden die angeknacksten Gemüter an ihrer nicht mehr zu leugnenden Überflüssigkeit. Theatraliker selbst vermasselten Glücks sind sie. Und beschwören das bedrohte Idyll: "Der Kirschgarten". Er ist nutzlos schöner Träger von Erinnerungen, bringt nichts mehr ein. Da der Landadel aber nur sein Land als Einnahmequelle hat, müsste es nach den ökonomischen Regeln des Kapitalismus fit gemacht werden. Zitternde Seelen an der Zeitenwende.

Melancholisch sedierte Kirschgartengesellschaft

Ein durchaus sympathisch tüchtiger, ehrfurchtsfreundlicher Modernisierer kennt sich da aus: Lopachin (Robin Sondermann), Geschäftemacher, erwachter Kleinbürger, Sohn des Landproletariats. Er schlägt vor: Bäume abholzen und Häuser bauen. Was für Umsatzerwartungen! Aber niemand hört ihm zu. Keiner tut irgendetwas.

kirschgarten 560 joerglandsberg uMelancholiker am Badesee. © Jörg Landsberg

Melancholisch sediert stehen alle im Bühnenhalbrund einer hochherrschaftlichen, leeren Empfangshalle, knabbern Sonnenblumenkerne, blicken entmutigt zu Boden, nesteln an einem Blumenstrauß. Die Fluchttür ist riesig, lässt so die Figuren winzig wirken. Endlos dehnt ihr stummes Warten die Zeit. Bis der tollpatschige Kontorist mit einem Hochzeitsantrag auf das Dienstmädchen zuschlendert – sofort mutiert das leise Zittern zu lautem Tattern. Hoffnung, Sehnsucht, Liebe ... wird gleich wieder paralysiert von der Angst vorm Preis der Freiheit. Die hier immer mit dem Verlust der Tradition korreliert. Dabei geht es weniger um den Kirschgarten als um die Kirschgartengesellschaft.

Wenn die Gutsbesitzerin mit ihrer Entourage eintrudelt, hat der Umarmungsrausch etwas herzig Familiäres. Entzitterndes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das geradezu euphorisch gefeiert wird mit einem Ausflug zum Badesee auf der Hinterbühne. Inklusive spielerischem Antesten von neuen Paarbildungsmöglichkeiten. Schon zittern wieder die Seelen. Vielleicht frieren auch nur die Körper. Abgang. Bühne frei für das Duett des Abends – mit dem ewigen Studenten und der Tochter der Gutsbesitzerin. Lang erträumt, nun endlich mal zweisam allein, reden sie erst scheu, dann folgt unsicheres Ausziehen, zitterndes Ertasten, steifes umeinander Winden. Schließlich hebt er sie wie die Wochenendeinkaufstüte empor – und lässt sie ratlos fallen. Trostloser wird man selten in die Pause entlassen.

Sonnenmilch gegen die Morgenröte des bürgerlichen Zeitalters

Alize Zandwijk setzt vor allem auf die Atmosphäre des in nobler Untüchtigkeit verblühenden Lebens. Wunderzart anspielungsreich entwirft Multiinstrumentalistin Maartje Teussink dazu ihren stupsnasigen Liedermacherkosmos, führt Stimmungen ein, verdichtet sie, entwickelt weiter, differenziert. Das Ensemble erforscht währenddessen fast durchweg überzeugend heißspornig die tragikomischen Rollen. Einfühlungstheater mit hohem Empathiemehrwert fürs Publikum – dem immer wieder ein Übermaß an Ausdrucksmitteln entgegensteht.

kirschgarten 560a joerglandsberg u© Jörg Landsberg

Sich verselbständigende oder manisch wiederholte Gesten bis hin zu Tanztheatereinlagen wirken manieriert bis pathetisch. Zandwijk ist zu beinahe jeder Szene zu viel Ablenkendes eingefallen. Da Diener Firs als greiser Geist aus einer anderen Zeit stammt – stakst er auf Kothurnen daher. Er mag offensichtlich ständeübergreifende Feiern nicht – geht deswegen mit dem Wasserspritzgewehr dagegen vor. Um die aufgehende Morgenröte des bürgerlichen Zeitalters unbeschadet zu überstehen, muss man sich dazu wirklich mit Sonnenschutzmilch über und über einschmieren lassen? Und wenn schon ein Vogel symbolisch vom Himmel fällt, könnte man nicht augenzwinkernd eine Möwe nehmen, muss es gleich apokalyptisch ein Schwan-Monster sein?

Klappen zu, Liebe tot

Reizvoll hingegen die Abschiedsparty – auf der Schwelle zwischen gestern und morgen: Draußen im Freien wird gefeiert, aber noch mit Blickkontakt zum Prunkort der Lebenslangeweile. Bis die Natur die Kirschengartler wieder zurück in ihre Vergangenheit speit. Alle Bühnenbildklappen zu, alle Liebe tot. Noch ein letzter Versöhnungsversuch Lopachins. Und sein erneutes Scheitern, um die Hand der Pflegetochter anzuhalten. Keine Seele zittert mehr. "Das Leben ist vergangen, als hätte ich nicht gelebt", sagt der sterbende Firs. Geisterstimmen preisen die selige Kirschgartenzeit ... und die Zuschauer die seligen Darsteller einer elegischen, mild ironischen Abrechnung. Tschechow, wohltemperiert.

 

Der Kirschgarten
von Anton Tschechow
Übersetzt von Wolf Christian Schröder
Regie: Alize Zandwijk, Ausstattung: Thomas Rupert, Musik: Maartje Teussink, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg, Licht: Christopher Moos.
Mit: Irene Kleinschmidt, Annemaaike Bakker, Nadine Geyersbach, Martin Baum, Robin Sondermann, Johannes Kühn, Maartje Teussink, Siegfried W. Maschek, Susanne Schrader, Peter Fasching, Guido Gallmann.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theaterbremen.de

 

Weniger wohltemperiert ging es jüngst bei der Berliner Kirschgarten-Version von Nurkan Erpulat zu, die als Mission Statement des neueröffneten Gorki Theaters daherkam – und in der Kommentarspalte eine heftige Diskussion entfachte.


Kritikenrundschau

Ganz "hervorragend" fokussiere Alize Zandwijk auf "den verhaltenspsychologischen Kern des Stücks" und zeige, "was man sich selbst und anderen antut, wenn man keine Stellung bezieht und Entscheidungen verweigert", schreibt Iris Hetscher vom Weser-Kurier (14.12.2013). Sie lasse ihre Schauspieler "extrem körperbetont agieren", wobei die Szenen teils "fast tanztheaterhaft durchchoreografiert" seien; "manchmal wirken sie wie Tableaus". Einziger Kritikpunkt: Vor der Pause hätte Zandwijk das Geschehen "durchaus etwas straffen können".

Zandwijk verzichte "konsequent auf bemühte Aktualisierungen" und setze "auf klassische Tschechow-Qualitäten", schreibt Andreas Schnell in der Nordwest-Zeitung (14.12.2013). Der Abend mit einem "hinreißend" agierenden Ensemble beginne mit Warten, "mit einer Spannung, die nicht nur auf der Bühne nach Entladung verlangt, sondern auch die Körper erzittern lässt". Die Regisseurin lasse immer wieder "das Geschehen anhalten, den Stillstand auf die Figuren wirken, der sich ab und an in einer überhitzten, nie ganz gelingenden Gemeinschaftlichkeit auflöst".

Sich aufdrängende politische Lesarten, schreibt Jan-Paul Koopmann in der tageszeitung – taz (14.12.2013) führten "in die Irre". Deklassierung und die Zeitenwende zum Bürgertum seien nur der Hintergund komplexer Charakterstudien gebrochener Persönlichkeiten, die auch Zandwijks Inszenierung überzeugend erforsche. Leider seien die "überzeugenden Figuren in großer Gruppe kaum zu ertragen", sie liefen hysterisch umher, prallten aneinander und "verrennen sich handlungsfrei in der Konstellation". Zwischendurch komisch, aber in der Summe anstrengend und ermüdend. Erst wenn die Figuren "ihre Gefühle zueinander" zu erkunden beginnen, werde "es richtig gut". Fazit: Ein "anfangs etwas zäher Abend mit einigen wundervollen Szenen".

 
Kommentar schreiben