Ein Tänzchen, die Herren?

von Christian Rakow

Dortmund, 11. Januar 2008. Ein Land in Südamerika nach dem Ende der Diktatur. Paulina Salas hat die Misshandlungen in den Kellern der Geheimpolizei überlebt und ihren Ehemann Gerardo geschützt, der jetzt Anwalt und Mitglied einer staatlichen Untersuchungskommission für Menschenrechtsverletzungen ist. Als eines Tages der Arzt Dr. Miranda zufällig in ihrem Haus einkehrt, glaubt Pauliana in ihm den Peiniger wiederzuerkennen, der sie seinerzeit in den Folterkellern zu Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" vergewaltigte.

Ist Folter ein Mittel zur Wahrheitsfindung?

Paulina überwältigt den Arzt und beginnt nun ihrerseits ein Geständnis der Verbrechen aus dem Geknebelten herauszupressen. Während ihr Ehemann hilflos versucht, zwischen beiden zu vermitteln. Ariel Dorfmans Welterfolg aus dem Jahr 1991, der 1994 unter der Regie von Roman Polanski mit Sigourney Weaver und Ben Kingsley verfilmt wurde, ist ein ebenso spannender Thriller wie die leidvolle Diagnose eines Traumas – im Privaten wie Gesellschaftlichen.

Offen bleibt dabei nicht nur, ob Dr. Miranda tatsächlich der besagte Schänder ist. Offen bleiben auch die Grundsatzfragen, ob ein Riss in der Gesellschaft durch kompromisslose Sühnung des Unrechts zu kitten ist, ob eine Rache- und Gewaltspirale im Einzelnen durch Reue und Vergebung überwunden werden kann und nicht zuletzt, ob Folter ein Mittel zur Wahrheitsfindung sein darf. Angesichts des Guantánamo-Dilemmas oder, um vor der eigenen Haustür zu kehren, angesichts des Falles Jakob von Metzler/Magnus Gäfgen liegen Aktualität und Brisanz dieser Themen auf der Hand.

Trauma für Mieze-Kätzchen

Jungregisseurin Barbara Schulte (Absolventin des Max-Reinhardt-Seminars in Wien) packt in Dortmund alles eine Nummer kleiner an. Weder werden wir in die subtile Psychologie der Zeugnisfindung hineingezogen (wie bei Polanski), noch fällt der Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Am ehesten will der Politthriller hier Geschlechterdrama sein. Paulina (Monika Bujinski) begegnet uns zum Einlass als Dauerquasslerin, die ihrem leicht indignierten Gatten (Andreas Wrosch) als fragiles Mieze-Kätzchen zu Diensten ist und sich ansonsten breit über ihr Wohnungsdekor auslässt. Er, ein massiger, doch windig weicher Anzugträger, brüllt nur einmal, da Paulinas leichtfertige Vergangenheitsbewältigung mit Revolver seine Karriere zu knicken droht.

Mit Blick auf den Wahrheitsfindungsdiskurs hat allein Bernhard Bauers Dr. Miranda Potential. Mit Dulderaura, aber nervösem, schuldbewusstem Blick und oft herrisch versteifter Oberlippe hält er sich exakt in der Schwebe zwischen Opfer und Täter. Sein liebhaberhafter Exkurs zur kompositorischen Machart von Schuberts Quartett verleiht ihm eine Zartheit im Schrecklichen, aus der die Regie jedoch keinen Funken schlägt.

Männliches Diktat und zarte feministische Andeutungen

Dass der Ehemann und Dr. Miranda schon eingangs männerbündlerisch rumkumpeln und auf dem Höhepunkt des Abends ein intimes Tänzchen zu Schubert hinzulegen, während Paulina erläutert, weshalb sie nach den Folterkellern keinen Orgasmus mehr haben kann, lässt kurzzeitig so etwas wie eine Inszenierungsabsicht erkennen. Es geht wider das schonungslose männliche Diktat. Allein, es fehlen dieser Idee nicht nur zentrale feministisch gestimmte Passagen aus dem Text, es fehlt vor allem an Prägnanz. 

Die Inszenierung gießt einen ganzen Eimer Süßlichkeit aus über dem Spielpodest mit seinen leuchtenden Milchglasscheiben, auf dem einige zerwühlte Aktenordnerhaufen und ein elektronisches Fliegengitter symbolträchtig drapiert sind (Ausstattung: Ulrich Schulz). Von den Folterkellern berichtet Bujinskis Paulina als sage sie Naturlyrik auf. Ihrem Widersacher begegnet sie – im extra angelegten schwarzen Spaghettiträger-Kleidchen – mit Kopftätscheln und, wenn es zum Geständnis kommt, mit gehauchter Erotik. Wo das Trauma im Kitsch ersäuft wird, bringen die krudesten Details (Analpenetration mit Besenstiel) das Publikum zum Schmunzeln. Womit sich an diesem Abend eher unbeabsichtigt der kompromisslerische Ehemann Gerardo bestätigt sehen darf: "Das ist es, was wir machen müssen. Lächeln und anfangen zu leben."


Der Tod und das Mädchen
von Ariel Dorfman
Regie: Barbara Schulte, Ausstattung: Ulrich Schulz, Dramaturgie: Stefan Schroeder.
Mit: Monika Bujinski, Andreas Wrosch, Bernhard Bauer.

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

Auf ruhrnachrichten.de (13.1.2008) schreibt Katrin Pinetzki: "Regisseurin Schulte konzentriert sich auf die Opfer-Geschichte und zeigt eindringlich auch das Schicksal des bemühten, aber hilflosen Gerardos, der mit seinen Argumenten bei Paulina scheitern muss: Gerechtigkeit, Vergebung, Reue entziehen sich juristischer Vernunft. Andreas Wrosch zeigt auch die Angst, die der nervöse Gerardo – stellvertretend für die ganze Gesellschaft – vor den Opfern hat. Auch er hat nie verarbeiten können. Barbara Schulte schuf keinen Psychothriller wie Roman Polanski in seiner berühmten Verfilmung des Stoffs, sondern eine gelungene psychologische Studie."

Nadine Albach in der Westfälischen Rundschau (14.1.2008) stimmt zu: "Regisseurin Barbara Schulte schafft es in ihrem Regiedebüt, eine immer dichter werdende, sich nahezu zuziehende Atmosphäre zu schaffen. Sie wirft den Zuschauer mitten hinein in eine Situation, in der alle Hüllen fallen". In den Dialogen sei genug "Raum" für die Konfrontation von Emotionalität und Rationalität: "Die Gespenster der Vergangenheit kriechen aus vielen Ecken (...)." "Es gibt keine leichten Antworten an diesem Abend, und so macht die Inszenierung betroffen, fordert die Beteiligung des Zuschauers und entlässt ihn mit unbeantworteten Fragen."

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