Wo ist Ernst? oder Wenn Pointen bedächtig beißen

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 13. Dezember 2013. Warum bloß ist ausgerechnet dieses Reclam-Heftchen so zerlesen, das einen derart unwürdigen Gegenstand enthält? Eine Handlung, die konstruiert zu nennen eine nette Untertreibung wäre, einen Text, der ganz offensichtlich nur seiner Pointen wegen zu Papier gebracht wurde – 1895, in drei Wochen, von Oscar Wilde? Die Antwort lautet: Weil dieser "Bunbury" so ziemlich das Witzigste, Brillanteste ist, was je für die Bühne geschrieben wurde. Das provozierend luftige, ja nichtige Land- und Wochenend-Stück, in dem es, wie Ivan Nagel notierte (und das war einschränkungslos positiv gemeint), "nie Montag wird", von dem der Autor selbst meinte, es bestehe "nur aus Stil" – es nagt gleichwohl an den Basis-Verabredungen der bürgerlichen Gesellschaft, und wollte man aus ihm alles streichen, was "gesellschaftskritisch" ist (Gustaf Gründgens hat es in der Nazi-Zeit anscheinend versucht), so bliebe bis auf den puren Plot nichts übrig. Nie wurde ein Sprengsatz derart lässig gezündet.

bunbury2 280h sebastian hoppe uChristoph Schechinger und Ingo Tomi
© Sebastian Hoppe

Ernster nie zwinkerte das Aug'

Der 1980 in Thessaloniki geborene Regisseur Sarantos Zervoulakos geht die Sache mit einer ähnlichen und, wie sich zeigt, begründeten Nonchalance an. Zunächst räumt er im Düsseldorfer Kleinen Haus das Bühnenbild weg, den Salon, den Garten. Eine schwarze Ledercouch, eine Hollywoodschaukel, ein Swimmingpool mit "Männeken Piss", das reicht. Auch an Kostümen scheint er sparen zu wollen: Algernon Moncrieff, der sich auf der Couch räkelt, ist fast nackt. Es ist schließlich Morgen. Aus dem beflissenen Butler macht der Regisseur einen Barpianisten, der als Sidekick von Zeit zu Zeit in die Handlung eingreift. Rechts und links stehen Riesenlampen wie auf einem Filmset. Mit anderen Worten: Die Gesellschaftskomödie wird auf ihr Substrat hin entblößt. Die Pointen können nun knallen und beißen, und sie tun's, wenn auch zunächst in bedächtigem Modus – ohne Rücksicht auf ein vermeintlich genrespezifisches "Timing".

Temperaturunterschiede

Der Kunstgriff, den Zervoulakos anwendet, ist auf den ersten Blick prekär. Denn er inszeniert das zentrale Quartett (zwei Brüder, die nicht wissen, dass sie's sind, und deren Damen) in je eigenen Temperaturen. Das funktioniert, weil dem Regisseur ausgezeichnete Schauspieler zur Verfügung stehen. So spielt Ingo Tomi den Algernon als Clown, mit einer deutlichen, quasi "epischen" Distanz zur Figur. Christoph Schechinger dagegen gibt John Worthing – das Landei, das sich in der Stadt amüsieren will – mit einer allenfalls subtilen Ironie, ganz unepisch, beinahe "psychologisch". Die Frauen wiederum steuern noch einmal je eigene Nuancen bei. Stefanie Rösner kehrt als Gwendolyn konsequent die Künstlichkeit, das Posen- und Allürenhafte ihrer Figur hervor, während Stefanie Reinsperger als Cecily das Rollenklischee des renitenten jungen Mädchens bedient.

bunbury1 280 sebastian hoppe uStefanie Rösner und Stefanie Reinsperger
© Sebastian Hoppe
Das alles passt, wie gesagt, auf den ersten Blick kaum zusammen. Doch durch die individuelle Färbung der Figurenporträts setzt der Regisseur einen Prozess in Gang, der sich als dynamischer erweist, als eine genrekonforme Inszenierung "aus einem Guss" es sein könnte. Tina Engel als giftige Lady Bracknell und Claudia Hübbecker als schrullige Gouvernante bleiben dabei brav (und souverän) ihren Rollentopoi verpflichtet; auch die Mechanik der Handlung verliert Zervoulakos keineswegs aus dem Blick. Er hat sogar eine im Reclam-Heftchen nicht vorkommende Szene ausgegraben, in der der ominöse "Ernst", den beide Männer partout als Alibi-Existenzen verkörpern wollen, aufgrund von Schulden mit Haft bedroht wird. Ernster kann man die unernsten Verwicklungen kaum nehmen – auch wenn das Augenzwinkern dabei deutlich betont wird.

bunbury4 280 sebastian hoppe uIngo Tomi und Tina Engel
© Sebastian Hoppe

In Hot Pants und Hirschlederhosen

Und doch bleibt immer klar: In diesem Stück, in dem dauernd von "Liebe" die Rede ist, geht es um nichts weniger als um sie. Keiner nimmt sich hier seine eigenen Gefühle ab; was als Liebe ausgegeben wird, ist nichts als ein pflichtschuldiges Erfüllen der Etikette – und unter Umständen, wie bei der hochmütigen, aber wenig liquiden Bracknell, ein Ausgleichen des eigenen Haushalts. In dieser sarkastischen Beschreibung des gesellschaftlichen Getriebes ist Wilde alles andere als harmlos. Und noch heute, in Düsseldorf, ist es an manchen Stellen im Parkett verdächtig still.

Den Rest machen die Kostüme, die der Regisseur systematisch ins Aberwitzige treiben lässt (Raimund Voigt und Thea Hoffmann-Axthelm). Schließlich ist auch die Enthemmung eins der Themen des Stücks. Von schrillsten Hüten (wir sind in England) bis zur Hirschlederhose, von der (männlichen) Fuchsstola über goldene Hot Pants und vielfarbige Dirndl bis hin zur fast kompletten Nacktheit lässt man hier nichts aus. Oscar hätte seine Freude gehabt.

 

Bunbury oder Ernst sein ist wichtig
von Oscar Wilde
Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Rainer Kohlmayer
Regie: Sarantos Zervoulakos, Bühne und Kostüme: Raimund Voigt und Thea Hoffmann-Axthelm, Musik: Wojo van Brouwer, Dramaturgie: Almut Wagner.
Mit: Christoph Schechinger, Ingo Tomi, Marian Kindermann, Wojo van Brouwer, Tina Engel, Stefanie Rösner, Stefanie Reinsperger, Claudia Hübbecker.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Die straffe, fast anarchisch auf den Witz konzentrierte Inszenierung von Sarantos Zervoulakos hat allemal das Zeug zum Publikumsrenner", schreibt Jens Dirksen auf dem WAZ-Portal derwesten.de (15.12.2013). "Dass alles nur Show ist, verraten die gelegentlichen Fernsehballett-Einlagen und ein Pianist als klassischer Sidekick von rechts, in dem der Regisseur geschickt mehrere Nebenrollen bündelt." Auch seine Streichungen gäben dem alten "Bunbury" ein fast faltenfreies Antlitz, "aus dem Wildes Paradoxien und Sottisen boshaft auf uns herablächeln".

"Mehr Versuchsanordnung denn Schauspiel" hat Annette Bosetti für die Rheinische Post (16.12.2013) gesehen und ist erleichtert: "Gut, dass in diesem seltsam fern scheinenden Gesellschaftstableau herausragende Schauspieler großartig sprechen: Christoph Schechinger und Ingo Tomi (die Dandys), Stefanie Rösner und Stefanie Reinsperger (die Damen von erlesener Boshaftigkeit); Tina Engel als Lady, die mit jedem Satz einen Urteilsspruch fällt."
Der Inszenierung hätten Schnitte gut getan, bilanziert die Rezensentin. Auch fehle der aktuelle Bezug, "der sich angesichts des Verhaltens mancher Upper-Class-People von heute anböte".

Sarantos Zervoulakos räumt Wildes Wort viel zu wenig Platz ein, findet Marion Troja in der Westdeutschen Zeitung (16.12.2013). "Er setzt auf Show." In einem Pool verkomme das Sich-Finden, Wieder-Verlieren und schließlich doch Zueinander-Kommen der beiden Paare zu einer ziemlichen Schaumschlägerei. "Und da man sich in einem Wasserbecken wirklich nicht besonders elegant bewegen kann, vergeht einem bald die Lust an der vorgeführten Plantscherei." Insgesamt für die Rezensentin "ein Abend mit gut spielenden Darstellern, dem aber die Regie den passenden Rahmen für die feine Vorlage vorenthält".

 

 
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