Sag mir, wo die Bienen sind

von Dieter Stoll

Nürnberg, 14. Dezember 2013. Es brummt und summt im Parkett vor Beginn der Vorstellung. Und das, obwohl die "Bienen", genauer gesagt "Meine Bienen" aus der Metaphern-Schleuder eines spät zu Wort kommenden Imkers, gegenüber dem ursprünglichen Stück-Titel nicht mehr vorhanden sind und die ganze Aufmerksamkeit des Publikums auf vier Neandertaler gelenkt wird. "Eine Schneise" steht nun für alles, muss allein das Sinnbild für Verwüstung und Befreiung repräsentieren.

eine schneise3 560 marion buehrle uEines der Urviecher trägt schon zivilisatorische Haut – Stefan Willi Wang zwischen Müllsackfetzen.
© Marion Bührle

Der rätselhafte Waldbrand, um den sich alsbald ein echter Inspektor kümmern wird, hat einen Baum gefällt und die Fototapete mit Aussicht seitlich zerfetzt. Auf dem verkohlten Stamm hocken nun Urmenschen im Nacktheit simulierenden Body-Strampler und lassen Geschlechtsmerkmale baumeln. Fröhliche Steinzeit mit verdächtiger Sprachlehre, denn das haarige Quartett sprintet, sobald es in gebührender Anarchie schwarze Plastikfetzen aus bereitstehenden Müllsäcken als kalte Asche ausgebreitet hat, in Stafetten-Dialogen durch die strikt undurchschaubare, jederzeit für die Vermutung von Poesie offene Handlung. So ist das beim beschworenen "Sprachkörper", den Autor Händl Klaus als wortklingelndes Gesamtkunstwerk entwirft, und von dem sich die Darsteller ihre Anteile wie Scheiben abschneiden, sofern die Worte nicht zuvor als Konfetti regnen.

Waldsterben in Handarbeit

Naja, so geheimnisvoll ist es nun auch wieder nicht. Die allein erziehende Kathrin, gewaltfrei schwadronierende Lehrerin ("Man gönnt mir, dass ich lebe") und urmütterlich im pädagogischen Ausnahmezustand, hat ihr pubertätsfrohes Stadt-Kind Lukas in die Natur verschoben. Dort lernt der Knabe von Herzen hassen, was er ohne Verstand lieben soll.

Die Vernichtung der verklärten Naherholung ist ihm "ein köstliches Ereignis", dem er hilfsbereit zur Seite steht. Während im Vordergrund das Gemisch aus gehäckselten Spurenelementen von Tatort-Krimi und Familiendrama in dramaturgisch zuckende Bewegung gerät, übermalt er hinten den Wald-Prospekt von Ausstatterin Anne Neuser mit Filzstift. Waldsterben in Handarbeit. Er braucht keine Idylle, er will gefälligst einen autoritären Vater.

Jeder Mann, der fortan auftritt, wird sowieso auf diese Rolle festgenagelt – also reichen zwei ergebnisfreie Test-Beispiele: Erst der auf Halbsätze mit Silben-Kauen spezialisierte Inspektor, dann der bis zum letzten Bienenvolksaufstand revolutionäre Imker: "Mein Tier ist die Milbe". Die beim Wort "Urinstinkt" offensichtlich desorientierte Mutter ("Wer sich wäscht, verrät sich") lächelt nachsichtig und verrät gar nichts.

"Ich bin insgesamt bedrückt"

Übrigens hatten die vorausmenschelnden Urviecher, da die Handlung als Fragment erkennbar wurde, ihre zivilisatorische Haut per Hemd und Hose übergestreift. Keineswegs endgültig, denn ein Rückfall ins Archaische liegt hier ständig wie ein Kampf-Grunzen in der Luft. Da lässt Regisseur Stefan Otteni nicht locker.

Die Inszenierung hat das Werk abgerüstet, das bei der Salzburger Uraufführung durch die beteiligte Musicbanda Franui und einen veritablen Sängerknaben in der Rolle des Jungen zum eigenartigen "Musik-Stück" auf zwei gleich hohen Säulen von artifizieller Sprach- und Klangkunst wurde. Otteni traut dem Text in seiner Leichtigkeit so sehr, dass er den konkurrierenden Sound wohl als Belastung samt Bruchlandungs-Gefahr sah. So etwas wie eine "Sprech-Oper" sollte es trotzdem sein, also Jandl-Ahnung mit Orff-Aroma im Trockenkurs, und das führt in der Absurdität hochgeschraubter Hörbilder zu den kurzweiligsten Momenten auf der Satzbaustelle. Die kaum greifbare Magie der Händl-Klaus-Festspiele verkümmert allerdings schnell zur Hintergrundmalerei, wenn etwa das "von Haus aus verunglückte Kind" mit Worten wie "Ich bin insgesamt bedrückt" ungefähr dort landet, wo Bully Herbig seinerzeit die Unzufriedenheit mit der indianischen Gesamtsituation beschwor.

Kindsvertreibung aus dem Paradies

Vier Nürnberger Darsteller sind mit Stefan Ottenis spielerischer Sicht auf das gewiss nicht für die Ewigkeit bestimmte Stück geradezu aufgeladen. Das trägt auch über manch schwurbelnde Minute. Die Rolle des vaterlosen Sohnes erobert sich gesangsfrei Josephine Köhler, indem sie dem Knaben erst mal wie Liesl Karlstadt auf Speed eine unverschämt frech hingefetzte Firmlings-Basis gibt. Elke Wollmann und Stefan Willi Wang (Mutter und Inspektor) sind im verbalen Paarlauf unschlagbar, Thomas Nummer setzt den Imker mit dem Hass auf Bienen und dem Herzschlag für den Niedergang etwas zu gemütlich an.

Das liegt auch an der Inszenierung, die sich nach ihrer spröden Orientierungsphase und dem gefundenen Spaß am veroperten Wort ein schäkerndes Finale gönnt. Wenn die Mutter nach der Kindsvertreibung aus dem Paradies grade nochmal Luft holt zur großen Erwiderung, vielleicht zur Klärung der offenen Frage, wo denn nun die Bienen sind, wo sind sie geblieben, schneidet ihr ein Blackout die Existenz ab. Könnte ein barbarischer Rückfall in die erste Szene sein – oder nur ein Gag.

Das Premieren-Publikum fand allmählich Gefallen an der Aufführung, etwas mehr als am angereisten Autor. Anerkennender Beifall also und gerne noch zum Nachhall ein umgruppierter O-Ton von der Bühne: "Der Rest ist nichts als Feingefühl".

 

Eine Schneise (DE)
von Händl Klaus
Regie: Stefan Otteni, Bühne und Kostüme: Anne Neuser, Musik: Bettina Ostermeier, Dramaturgie: Diana Insel.
Mit: Elke Wollmann, Josephine Köhler, Stefan Willi Wang, Thomas Nunner.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Kritikenrundschau

Der Nürnberger Inszenierung von Stefan Otteni gehen schnell die Ideen aus, so Hans-Peter Klatt in der Nürnberger Zeitung (16.12.2013). Gleichwohl hätte die Vorlage selbst bei einer besseren Aufbereitung nicht bewiesen, dass man sie spielen muss. "Im Kern (wenn ein so löchriges, unernstes Gebilde denn einen Kern hat), geht es um unsere vaterlose, von alleinerziehenden Müttern geprägte Gesellschaft." Aber der Text sei holprig, so Klatt, weiter nichts.

Die Figuren täuschen und spielen Gefühle vor. "Wohl auch deshalb fühlt man kaum ihnen mit", schreibt Katharina Erlenwein in den Nürnberger Nachrichten (16.12.2013). Ottenis Inszenierung sei "gut gemachtes Schauspielerhandwerk, das über die bemühte Familienaufstellung hinweghilft". Am Ende bleibe ein schales Gefühl und Charaktere, die einen gänzlich unbeteiligt lassen.

Dagegen findet Barbara Bogen im Bayerischen Rundfunk 5, Die Kultur (15.12.2013) den "Text komplex und wundersam, raffiniert in seinen Überblendungen, poetisch und rätselhaft verschlüsselt". Vier wunderbare Schauspieler meistern die schwierige Aufgabe kongenial. "Dass die feine Poesie, die sie intonieren, allerdings drastisch konterkariert wird, liegt an der Regie von Stefan Otteni, der den Satz 'Wir sind Kinder des Waldes' vielleicht ein wenig zu ernst genommen hat." Die Schauspieler in fleischfarbenen und spärlich behaarten Fellkostümen würden mehr Urviecher als Menschen verkörpern. "Eine befremdliche Ästhetik, die nichts klärt, sondern den Text verstellt."

 

 

 

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