Den Hirntumor wegtanzen

von Christian Baron

Weimar, 14. Dezember 2013.Gerade feierte die Feuilletonwelt den Geburtstag von Albert Camus. Am 7. November wäre der Meister des Absurden einhundert Jahre alt geworden. Einen Tag danach, am 8. November 2013 um genau 11.28 Uhr, lässt der neue Weimarer Hausregisseur Jan Neumann seine Stückentwicklung "2,7 Sekunden" spielen, die wie eine dem intellektuellen Erbe des französischen Großliteraten entsprungene Groteske anmutet.

Streng genommen erstreckt sich die Inszenierung sogar nur über den titelgebenden Zeitraum. Exakt 2,7 Sekunden benötigt unser Gehirn laut jüngster neurowissenschaftlicher Untersuchungen, um die uns als Gegenwart erscheinenden Eindrücke zu verarbeiten. Und in dieser Spanne in der erwähnten Minute zur genannten Stunde des besagten Tages erinnern sich sechs Menschen an prägende Ereignisse ihres Lebens, die mal Jahrzehnte und mal nur wenige Minuten zurückliegen.

Der objektive Sinn, der jedem fehlt

Erinnerung erscheint ihnen allen als bloße Strategie, um das sinnfreie Nichts namens Leben irgendwie doch erträglich zu gestalten. Das Fehlen eines objektiven Sinns, das bei jedem insgeheim tagtäglich durchs Bewusstsein wabert, muss irgendwie verkraftet werden. Und nichts, so suggeriert diese Aufführung, macht uns das Geworfensein erträglicher als die Schönfärberei unserer überwiegend blass-trostlos in den Hirnwindungen vor sich hin darbenden Reminiszenzen.

Da wäre etwa der Stuckateur Günther Meng (Michael Wächter), der sich inmitten eines Ehestreits in den Spiegel blickend daran erinnert, dass sein Sohn Mirko den Betrieb einfach nicht übernehmen will. In mehreren Sequenzen wird all das rekapituliert, was dem Handwerker in diesem Augenblick in den Sinn kommt. Vom Vater-Sohn-Urlaub in Rom, bei dem beide vor dem Kolosseum stehend darüber sinnieren, warum das ominöse Gebäude denn nur so unvollständig verputzt wurde, bis hin zu den überharten Lehrstunden im Handwerk der Gipserei.

Die Dialektiv der Verklärung

In seiner eigenen Wahrnehmung ziehen diese Erlebnisse in Sekundenbruchteilen vor dem geistigen Auge hinüber, den Zuschauern wird dies alles freilich mit ganz anderem Zeitaufwand nahegebracht. Damit das auch ansprechend gelingt, hat Dorothee Curio ein Bühnenbild geschaffen, das einen Blick in zwei separierte Räume eines halb abgerissenen Hauses erlaubt, die doch untrennbar miteinander verbunden sind. Nicht nur durch jene Tür, die den Gang zwischen dem mit Siebziger-Jahre-Flair ausstaffierten Wohnzimmer und dem das kahle Nichts repräsentierenden Raum ermöglicht. Auch die in beiden Räumen schlaglichtartig und unter regem Einbezug aller Mitspielenden sich vollziehenden Sequenzen versinnbildlichen diese Dialektik der Verklärung.

2 7 sekunden 5345 560 luca abbiento u2,7 Sekunden © Luca Abbiento

Wie sich die Architektin Antje Töpfer-Rost (Anna Windmüller) an den Moment erinnert, als ihre Eltern ihr offenbarten, sie sei adoptiert; wie die 91-jährige Hermine Wehringer (Birgit Unterweger) im Augenblick ihres Todes ein letztes Mal an eine längst verflossene Liebe denkt; wie die Entwicklungshelferin Rebecca Röttger (Nora Quest) dem Finden und Verlieren ihrer vermeintlich großen Liebe gedenkt; wie Horst A. Klein (Christoph Heckel) kaum verblasste Memoiren an seine unschöne Militärzeit aufleben lässt.

Oder aber wie der Maler und Lackierer Thommy Wenzke (Fridolin Sandmeyer) sich an seine Reaktion auf die Diagnose "Hirntumor" entsinnt. Als er unter einem die Folgen der Chemo-Therapie abmildernden Apparat sitzt, liest er ein bestimmtes Wort in der Zeitung und sofort kommt ihm in den Sinn, wie er wild über einen Acker sprintete, als er seine geringen Überlebenschancen realisierte. Zuvor ist er ein veritabler Bonvivant gewesen, der alle Rückschläge und Demütigungen lässig verdrängt hatte.

Hiobsbotschaften tanzend fröhlich verdrängen

Ex-Freundin Rebecca Röttger befiehlt er, das gemeinsam gezeugte Kind abtreiben zu lassen, seine Arbeitgeber (darunter der Stuckateur Meng) verzweifeln an seiner Nonchalance, seine Liebsten wenden sich von dem Egozentriker ab, die Vermieterin erwirkt eine Räumungsklage. Und über jede Hiobsbotschaft tanzt er unter den Klängen von Paolo Nutinis "New Shoes" fröhlich hinweg, in dem der Protagonist seine depressive Stimmung mit neuer Garderobe zu vertreiben pflegt.

Sind wir also alle zur Oberflächlichkeit verdammt? Und kann das Leben in einer sinnleeren Welt überhaupt einen Sinn haben? Wenn nein: Wie ist damit umzugehen? Dieser Abend wirft interessante Fragen auf und gibt eine amüsante Antwort mit trübem Kern. Mit der Verdrängung des Wirklichen und der Überhöhung unserer Erinnerungen nämlich erscheinen die "2,7 Sekunden" für die Mengs, Töpfer-Rosts, Wehringers, Wenzkes, Röttgers und Kleins dieser Welt gar nicht so unangenehm. Wir müssen sie uns als glückliche Menschen vorstellen.

 

2,7 Sekunden. Wie lange dauert ein Augenblick? (UA)

Stückentwicklung von Jan Neumann

Regie: Jan Neumann, Dramaturgie: Nils Wendtland, Bühne und Kostüme: Dorothee Curio.

Mit: Christoph Heckel, Nora Quest, Fridolin Sandmeyer, Birgit Unterweger, Anna Windmüller, Michael Wächter.

Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten



www.nationaltheater-weimar.de

 

Kritikenrundschau

Auf der Online-Seite der Thüringischen Landeszeitung schreibt Frank Qulitzsch (15.12.2013, 19:51 Uhr), die Inszenierung wirbele eine "Unmenge von Problemen" auf, die in Fragen "kulminieren" wie: "Was bestimmt den subjektiven Blick auf unser Leben? Und auf welcher Grundlage treffen wir unsere Entscheidungen?" Sie sei "kurzweilig und nervenaufreibend, bildhaft und verwirrend", reiche darstellerisch von "Report über Komödie, Tragödie bis Slapstick und Pantomime". Man fühle sich unterhalten und zugleich überfordert, weil Jan Neumann "der linearen Erzählweise" misstraue und "einen Bruch über den anderen legt". Neben den schrillen Kostümen und schrägen Frisuren in Erinnerung blieben die schauspielerischen Leistungen in Erinnerung.

Auf der Website der Thüringer Allgemeinen schreibt Lavinia Meier-Evert (15.12.2013, 19:32 Uhr): Um herauszufinden, was das eigentlich sei, Erinnerung, und wie sie zustande komme, hätten Jan Neumann und sein Produktionsteam "Neurowissenschaftler", "Zeitforscher", "Philosophen und Soziologen" befragt, sie hätten "Archive" und "Gedenkorte" besucht, alte "Fotoalben" studiert und mit "Weimarer Senioren" gesprochen. Trotz des vielen Stoffes sei der Abend "unterhaltsam". Das liege im zweiten Akt "vor allem am komödiantischen Talent" von Michael Wächter, aber auch seine KollegInnen überzeugten mit ihren Leistungen. Das Stück funktioniere selbst wie unsere Erinnerung: Erst im Nachhinein fügten sich die Bruchstücke in eine Erzählung.

 

 
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