Däumchendrehen im Café Europa

von Christian Rakow

Berlin, 18. Dezember 2013.Durch einen Tunnel geht es in den Saal des Hebbel-am-Ufer, vorbei an einer langen Riege afrikanischer, asiatischer und osteuropäischer Akteure. Es ist der "Gastarbeiterstrich", wird man sogleich erfahren, wo Tagelöhner und Schwarzarbeiter ihre Muskelkraft feilbieten, für durchschnittlich 2 bis 7 Euro die Stunde. Schuften dürfen sie drinnen im Saal, auf einer riesigen Baustelle, die das österreichische Künstlerkollektiv God’s Entertainment ins HAU2 gebaut hat.

Im Geiste des Eingangsszenarios laufen auch die kommenden neunzig Minuten ab. Wie in einer Bildergalerie werden Ansichten des Baugewerbes nebeneinandergehängt: Die Arbeiter bei einer Art Richtfest an reich gedeckter Tafel. Die Arbeiter führen zur Modenschau auf dem Laufsteg betont legere Arbeiterkluft vor. Die Arbeiter klotzen ran, am Zementmischer und beim Mauern der – Achtung, Theaterjoke – "Fünften Wand", der Wand für das Theater, das erklärtermaßen jenseits der Repräsentation stehen will.

Alltag des Niedriglohnsektors

Persönliche Geschichten der Akteure kommen nicht zu Gehör. Dokumentartheater im Stile von Rimini Protokoll ist hier also nicht bezweckt, auch wenn anscheinend echte Experten des Niedriglohnalltags am Start sind (der Programmzettel nennt ihre Namen nicht). Was aber wird bezweckt? Textbeiträge sind spärlich und offenbar gewollt unverständlich. Auf dem Richtfest spricht ein jeder Gastarbeiter in seiner Heimatsprache, der deutsche Muttersprachler trägt seine Rede dann stumm vor. Ist wahrscheinlich auch egal, man ahnt ja, was bei solchen Festivitäten gesagt wird.

cleaning1 560 juergenfehrmann xExpertentum in "Cleaning, babysitting..." © Jürgen Fehrmann 

Reden über die europäische Prosperität 2013 werden weggenuschelt. Ein Diskurstext über das Theater der "Fünften Wand" läuft auf Leinentuch projiziert ab. Praktisch weiß auf weiß. Wer da noch mitlesen kann, dem flutscht der Beitrag bald vollends weg, wenn er auch noch mit zunehmender Geschwindigkeit runterspult. Immerhin nimmt man als Grundgefühl mit, dass darin der ganz alte Mörtel des postdramatischen Theaters angerührt wurde: Man wisse natürlich – Reflexion, Reflexion – um die Unmöglichkeit, Arbeitsalltag und Diversität auf der Bühne abzubilden. Aber warum sieht diese Theater-Baugrube dann doch in etwa so aus, wie das, was sich auch beim morgendlichen Gang durch den boomenden Friedrichshainer Kiez darbietet? Und warum geht es nicht tiefer als die alltäglich uninformierte Distanzschau?

Haushaltshilfengesuch

Bezüge zur Rainer Werner Fassbinders Milieustudie über Fremdenfeindlichkeit im Wirtschaftswunderdeutschland "Katzelmacher" (die der Programmzettel ankündigt) sind in der Performance nicht wirklich auszumachen. Der Stücktitel mit dem Haushaltshilfen-Gesuch "Cleaning, babysitting, I help in the house, 7 Euro" scheint Vorstudien zu entstammen. Putzkräfte kommen nur am Rande vor, wenn auf der Baustelle ein Fenster gesäubert oder Wäsche durchgewaschen werden muss.

Apropos am Rande. Dort, im sogenannten "Steh-Café Europa" an der Wand neben den Zuschauerrängen, warten immer ein paar einsatzlose Akteure. Wie nicht bestellt und nicht abgeholt. Sehr, sehr lange warten sie, drehen Däumchen. Das sind eigentlich jene, mit denen man sich an diesem bleiernen Abend am meisten identifiziert.

Cleaning, babysitting, helping in the house, 7 Euro
von und mit God's Entertainment und Arbeitern (Anonym)
Produktionsleitung: Leonie Kusterer, Lichtdesign: Sebastian Zamponi, Sounddesign und Ton: Peter Kutin, Video: David Lang, Tunneldesign: Jan Hoffmann.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 


Kritikenrundschau

"Die Szenerie ist großartig, der inhaltliche Tiefgang tendiert gegen Null", sagt Elisabeth Nehring in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (18.12.2013). Zwar herrsche auf der Bühnen-Baustelle "jede Menge Aktionismus", doch werde "die Dokumentation/Herstellung von Realität und die Kritik an dieser Realität derart lose nebeneinander gestellt, dass sie schlichtweg keinen inhaltlichen Mehrwert ergibt". Ärgerlich sei auch, dass die eigentlich nur als "Staffage zur Szenerie" dienen und man von ihren Schicksalen nichts erfährt.

Durch die "ständigen Tanz- und Gesangseinlagen erweist sich die Performance auch als mild gewürzte Feel-Good-Komödie. Und der Baustellenstaub, den man zum Schluss hustet, erzeugt einen faden Nachgeschmack", so lautet der Schluss in der Rezension Philipp Rhensius in der taz (20.10.2013). Diesem kritischen Unterton (?) stehen im Text überwiegend positive Befunde gegenüber: God's Entertainment löse den Zuschauer aus der theatralischen Illusion. "Vor allem die vielen Ressentiments werden in bester Schlingensief-Tradition radikal gedehnt und damit in ihrer Absurdität offengelegt." Zur ästhetichen Reizüberflutung mit Musik, Bewegung auf der Bühnen-Baustelle und Textfragmenten heißt es deutend: "In etwa so muss sich ein Arbeitsmigrant fühlen, der auf einer Großbaustelle in einem fremden Land weder die Arbeitsabläufe kennt noch die Sprache des Landes beherrscht."

 
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