Gewässer der Empfindsamkeit

von Andreas Kaeui

Zürich, 12. Januar 2008. Ein echtes Kernstück des klassischen Repertoires hat sich Nikolaus Helbling am Zürcher Schauspielhaus  vorgenommen: "Miss Sara Sampson", Idealtyp des bürgerlichen Trauerspiels von Gotthold Ephraim Lessing. Und ein waschechtes Stück Aufklärung: gewaschen, sozusagen, mit allen Tränenwassern der von Lessing eigens zu diesem Zweck erfundenen "Empfindsamkeit".

Keiner, der in diesem Stück kein Augenwasser fließen lässt. Schon in der allerersten Szene übermannt es den wackeren alten Sampson auf der Suche nach seiner flüchtigen Tochter Sara; und selbst der liederliche Mellefont, mit dem die liebe Sara durchgebrannt ist, wischt sich noch vor dem zweiten Akt "die erste Träne seit der Kindheit" aus den Augen.

Vergangene Sehnsüchte, aktuelle Defizite

Viel Wasser auf der Bühne: Das darf man in Zürich ganz wörtlich nehmen. Das "elende Wirtshaus", in dem sich Sara Sampson und ihr Mellefont verkrochen haben, besteht im Bühnenbild von Dirk Thiele nämlich vor allem aus Waschbecken. Vor Tapeten mit altmodisch-exotischen Mustern, die von längst vergangenen Sehnsüchten erzählen, stehen Zimmerlavabos, die ganz aktuelle Defizite verraten.

Sie sind unentwegt am Rinnen, Aus- und Überlaufen. Erhitzte Köpfe können sich darin abkühlen, es fließt viel Wasser auf der Bühne, es spritzt und rinnt und ergiesst sich bis in die ersten Zuschauerreihen. Doch ist es nicht zu viel. Es ist nicht reiner Klamauk. Da gibt es immer noch etwas anderes, eine Sehnsucht vielmehr nach etwas Anderem, Exotischem: nach einer vergangenen Utopie. Niklaus Helbling stellt die Fallhöhe schnell her, die dieser Inszenierung ihre Spannweite geben wird: die Idee einer durchaus ernst genommenen Utopie der Empfindsamkeit auf der einen Seite; die sentimentale Komik einer "Comédie larmoyante" auf der andern.

Slapstik der Weinerlichkeit

Die Kombination der beiden gelingt gleich in der ersten Szene (und, wie sich zeigen wird, so gut wie nachher nicht mehr): Der brave Sampson und sein wackerer Diener treten da auf wie Don Quichotte und Sancho Pansa in Honoré Daumiers Zeichnung, Klaus Henner Russius als Sampson ist hoch und hager, mit einem Biedermeierzylinder in der Höhe noch verlängert, Siggi Schwientek als sein Diener Waitwell im Gegensatz dazu kompakt verwurstelt, schlau und verschmitzt, natürlich fällt ihnen das Gepäck aus dem Koffer, natürlich geht das Wasserbecken über, natürlich hat der arme Sampson gleich den Koller – ein Slapstick der Weinerlichkeit ist das, es ist grandios.

Und es hat Grösse: die Grösse des Wahren, Guten, Schönen; die Grösse einer echten Utopie. Niklaus Helbling setzt beides klug gegeneinander, die Verhandlung der Empfindsamkeit und ihre komische Gegenerzählung, die Tränen und die Lavabos, und er dosiert umsichtig und keineswegs beliebig. Dennoch erweist sich, was brechen soll, und im Bruch dann stützen, als das alleinige Fundament der Inszenierung. Die Komik ist komisch; das Trauerspiel bleibt fremd.

Später Junge trifft mode-maschiges Mädchen

Es ist weit weg, 253 Jahre, um genau zu sein, von jenem Jahr 1755 nämlich, als die Zuschauer in der Uraufführung "drey und eine halbe Stunde zugehört, stille gesessen wie Statüen und geweint" haben sollen. Dabei könnte dieser Mellefont mit seiner postadoleszenten Bindungsphobie durchaus auch unser Zeitgenosse sein. Bei Helblings langjährigem Schauspieler-Weggenossen Tonio Arango ist er genau dies: ein später Junge, ein nicht mehr so frischer Latinlover, er trägt Rückentattoo und stechenden Blick, und man nimmt ihm gern ab, dass er sich für nichts entscheiden mag. Ihm gegenüber Sara Sampson, die Liebende, ist bei Nele Rosetz von Anfang an auf eine kari-katurale Linie, einen modisch maschigen "Ich-bin-ein-angeödetes-Girlie"-Ton festgelegt.

Zur Klarheit verwässert

Mit seltener Deutlichkeit ist in dieser Inszenierung ein konzis gebautes konzeptuelles Gerüst zu sehen, welches dann mit ganz unterschiedlichem Figurenmaterial aufgefüllt wird. Auch Sara Sampsons Gegenspielerin Marwood, die Exgeliebte, die Mellefont zurück haben will und damit die tragischen Dinge ins Rollen bringt, ist hier eine merkwürdig schwache Figur, eine Frau ohne Perspektiven: sie hat bei Catrin Striebeck so gar nichts berechnend Verführerisches, nichts verführerisch Berechnendes an sich, nichts von einer Femme fatale, das ist eher eine forsche, aber auch ziemlich biedere Dominatrix, man darf eine Peitsche in ihrem Décolleté vermuten, aber sobald es laut wird, wird sie hysterisch. Freilich sind Moral und Sentiment in Lessings Text für heutigen Gebrauch zu hoch dosiert. In dieser Inszenierung sind sie umgekehrt zu stark verdünnt: in wässriger Lösung.

 

Miss Sara Sampson
von Gotthold Ephraim Lessing
Inszenierung: Niklaus Helbling, Bühne: Dirk Thiele, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Jeroen Visser.
Mit: Siggi Schwientek, Klaus Henner Russius, Nele Rosetz, Tonio Arango, Catrin Striebeck, Laura Leupi, Sophia Senn, Ludwig Boettger und Marcus Burkhard.

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

In der Neuen Zürcher Zeitung (14.1.2008) berichtet Barbara Villiger Heilig, dass Niklaus Helbling bei seiner "Miss Sara Sampson"-Inszenierung "auf die schlüssig und ansprechend erzählte Story" setze: "Helblings Strichfassung respektiert die Handlungselemente; allerdings, mit folgenschwerem Verlust, auf Kosten jener wortreich-detailversessenen Auslotung aller 'Falten des Herzens', ... deren Ent-Faltung Lessings Meisterleistung ist." Regelmäßig würde bei Helbling das "Flackern der Empfindsamkeit" von als running gag eingesetzten Wasserfluten gelöscht, "als wäre es etwas Peinliches". Aber "nicht zuletzt dank der Kleiderpracht, welche Eigenheiten und Eitelkeiten aller Figuren stilvoll charakterisiert ..., und einer lässig-souveränen Choreografie" bereite diese "Miss Sara Sampson" trotzdem Vergnügen. "Doch Wesentliches fehlt – Lessings Erweiterung des menschlichen Gefühlspotenzials, das über den Verstand hinausgeht und jegliche Konvention sprengt."

Peter Müller meint im Tagesanzeiger (14.1.2008), dass die Zürcher "Sampson"-Aufführung lange brauche, "bis sie flutscht. So steif wie Herr Sampsons ... hoher Zylinder stehen die Schauspieler herum, und so sperrig wie die ausladenden Reifröcke seiner Tochter Sara tönen ihre Dialoge. Die heissen Leidenschaften, die an und in den Lavabos immer wieder Kühlung suchen, bleiben vorerst Behauptung ... – nur Deklamation und Tiraden." Endlich aber steige "nicht nur den Feuchtigkeitspegel, sondern auch die Spannung. Wie Siggi Schwientek die gestresste Sara in immer neuen Anläufen dazu bringt, den Versöhnungsbrief des Vaters zu lesen, ist von zartester Komik." Helblings Inszenierung mache "die wollüstige Erschütterung" der Vorlage zumindest ahnen: "Sie ersäuft das Trauerspiel nicht im Schwank, lässt den Wahnsinn aufblinken, wenn auch nicht aufblitzen."

 
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