Sternschnuppen über Mansfeld

von Katrin Ullmann

Hamburg, 13. Januar 2008. Er habe beim Schreiben immer ein Theaterstück im Kopf gehabt, nie ein Drehbuch. "Ich find' Theater geil", schwärmt Dirk Laucke im Programmheft-Interview, "wenn das ganz klar ist: Hier wird gespielt – und trotzdem packts einen! Das ist vielleicht Lego für Große."

Ins Legoland für Kleine wollen die Figuren in seinem Stück "alter ford escort dunkelblau". 2006 erhielt der Autor, Jahrgang 1982, dafür die Eintrittskarte in die subventionierte Theaterwelt: den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker samt ordentlichem Preisgeld und einer Uraufführungsgarantie. Die Uraufführung fand im Januar 2007 im Theater Osnabrück statt (Regie: Henning Bock), am Hamburger Thalia in der Gaußstraße hat David Bösch nun das Stück auf die Bühne gebracht.

Ich bin dann bald weg

Eine Bodenwelle bestimmt den Raum, den Patrick Bannwart für das theatrale Roadmovie geschaffen hat. Über die gesamte Bühnenbreite hat er eine Autoachse samt vier Reifen verankert, zwei weiße Gartenplastikstühle stehen im Vordergrund zusammen mit ein paar leeren Getränkekisten der Billigbiermarke "Oettinger". Denn Schorse, Paul und Boxer arbeiten bei einem Getränkehandel im Osten, im Mansfelder Land, und eigentlich verbindet die drei Männer nicht viel mehr als ihre tagtägliche "hin- und heimfahrt in nem alten ford escort dunkelblau. schorses auto."

Abwechselnd erzählen die Protagonisten von ihrer Lebensmisere. Paul (Claudius Franz), der Sohn des Getränkehändlers und Auszubildender in dessen Betrieb, hat die Schnauze voll: "leck mich. nächstes jahr mache ich meinen staplerschein, dann bin ich weg!" Schorse (Norman Hacker) ist von seiner Frau Karin rausgeworfen worden, die Kistenstapelei über eine Zeitarbeitsfirma bringt ihm nicht genügend Kohle, um seinem Sohn Philipp mal einen Wunsch zu erfüllen. "ich spar jetzt auf eine westernstadt." Halb verzweifelt, halb frech fragt er ins Publikum: "will jemand was zuschießen?" Halt gibt ihm allein noch seine Leidenschaft für AC/DC.

Trauriges Trio auf dem Highway zur Hölle

Karin – im rosaroten Jogginganzug: Victoria Trauttmansdorff – hat ihren Job verloren und raucht nun wieder: "es war alles mal anders", sagt sie ihrem Ex nur knapp und wendet sich ab. Ihren Ehering hat sie schon längst versetzt. Schorse trägt seinen noch am Finger, aus Wut, Hoffnung und Sehnsucht. Boxer (Jörg Koslowsky), der dritte in der Fahrgemeinschaft, sieht auch keine Perspektive. Später wird er über eine Autobahn stolpern und sich von einem Lkw überfahren lassen. Über der projizierten, gezeichneten Häusersilhouette an der Bühnenhinterwand fallen Sternschnuppen vom Himmel. Die Träume stehen allerdings auf zu wackligen Füßen, als dass sie je realisiert werden könnten. Die Hoffnung, die ist schon lange tot.

Mit einer Mischung aus Verzweiflung und männlicher Can-do-Kopflosigkeit bricht das traurige Trio eines Tages mit dem zufällig auf der Straße aufgelesenen Philipp auf, um ihm Legoland zu zeigen. Der Weg ist hier aber weder das Ziel, noch führt er dorthin. Man zofft sich, bald ist das Auto futsch – und Sohn Philipp, der im Kofferraum "James Bond" spielen sollte, beinahe tot. Der AC/DC-Song "Highway to Hell" – von Paul sogar einmal auf Blockflöte dargeboten, um einen Autoinnenraumzwist zu kitten – wird fast zur allzu tragischen Programmatik dieser Überlandfahrt.

Zwischen Alltag und Autopanne

In ruhigen Szenen, illustriert von trashig-traurigen Animationsfilmchen an der Bühnenrückwand (Video: Patrick Bannwart), erzählt David Bösch die Geschichte einer erfolglosen Fahrt ins Blaue. Er inszeniert Lauckes Figuren auf Abstand. Fast teilnahmslos stehen sie nebeneinander; jede Figur ganz ernst und für sich in ihrer kleinen, verlorenen Welt. Meist sprechen sie stockend und wortarm ins Publikum – berühren sich nur, wenn sie sich prügeln. Bösch verlässt sich zu Recht auf den ganz gerade gesprochenen Text. Denn der kippt trotz aller Tristesse nie in die in die vollkommene und damit weinerliche Verzweiflung.

Vielmehr gelingt Dirk Laucke in "alter ford escort dunkelblau" eine sensible Mischung aus frappierender Authentizität und humorvoller Überzeichnung, die Bösch so berührend wie unterhaltsam auf die Bühne gebracht hat. Ein absolut sehenswerter Abend zwischen Plattenbauten und Mansfelder Land, zwischen Alltag und Autopanne, zwischen Einsamkeit und Menschenkummer!

 

alter ford escort dunkelblau
von Dirk Laucke
Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Patrick Bannwart. Mit: Claudius Franz, Norman Hacker, Jörg Koslowsky, Victoria Trauttmansdorff.

www.thalia-theater.de

 

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Kritikenrundschau

Armgard Seeger, eine der herrschenden Kultur-Stimmen im recht lichten Hamburger Blätterwald, schreibt über David Böschs Inszenierung von Dirk Lauckes "alter ford escort dunkelblau" sehr kurz und bündig: "Glücklicherweise sehen wir auf der Bühne kein klischeebehaftetes Sozialdrama, sondern aktuelles, zeitnahes Theater, von vier wunderbaren Schauspielern realistisch, direkt, milieugerecht und gar nicht dumpfbackig gespielt. ... All dem schaut man gerne zu. Irgendwie ist es auch traurig. Aber wahr." (Hamburger Abendblatt, 15.1.2008).

In der taz (16.1.2008) erinnert Simone Kaempf an "Sterne über Mansfeld" von Fritz Kater, jenes andere im Mansfelder Land spielende Zeitstück. Anders als bei Fritze Kater spiele die Wende bei dem 18 Jahre jüngeren Dirk Laucke keine "direkte Rolle" mehr, "unterbewusst wirkt ihre verändernde Kraft aber genauso stark." Das Stück sei ein "Knüller" und die Inszenierung über lange Zeit "lustig und beklemmend" zugleich. Der Regisseur habe nichts mit "hölzerner Sozialrhetorik", dafür umso mehr mit "pochenden Sehnsüchten und großem Gefühlskino" im Sinn. Er "lote" die Figuren "im Zwischenmenschlichen" aus und "legt sie einem ans Herz". Auto und Ausbruchsversuch sind gestrichen, stattdessen: "verhangene Stimmung", kein Roadmovie, sondern ein "Psychogramm". Bösch und allen voran Norman Hacker zeigten ein "Scheitern, das man am Theater liebt". Erst am Ende kippe die Inszenierung in "zu viel behauptetes Unglück" um. Trotzdem empfehle sich Bösch mit diesem Abend "weiter für Großes".

In einer ungewöhnlich kurzen Kritik freut sich Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (16.1.2008), dass Lauckes Stück (das "eindrücklichste Zeitstück über Menschen, die sich nicht ausdrücken können, aber trotzdem lieben wollen, das die letzte Saison hervorgebracht hat") in Hamburg eine zweite Aufführung erlebt. Böschs "kurze, wilde und doch sehr humorvolle" Inszenierung, befindet Herr Briegleb, "lädt die verzweifelte Sehnsucht, die in ihrer Naivität natürlich in die Katastrophe führen muss, mit aggressiver Energie auf".


 
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