Der Menschlichkeitsmotor

von Christoph Fellmann

Zürich, 11. Januar 2014. Weil so ein Taxifahrer auch nur ein Mensch ist, hängt im Schiffbau nun ein riesiges, fast das ganze Volumen der Hallen füllendes Schiff. Wieso denn das, kann man sich fragen, aber keine Angst, es hat an diesem Abend alles seine Logik. Und das Schiff – oder vielleicht: die Arche – ist gerade darum das perfekte Bild für die diesjährige Zürcher Soirée von René Pollesch, weil es nicht durch seine Schraube, sondern durch die Lastenzüge an der Decke bewegt wird. Und es wird sich bewegen, schließlich muss es über den Berg, der in Form eines Publikums vor ihm sitzt. Pollesch ein neuer Fitzcarraldo? Aber nein. Dieses Publikum hat begriffen und räumt nach einem langen, langen Applaus freiwillig den Platz. Pollesch hat's wieder getan – den menschlichen Unverstand geteilt und sein Schiff hindurchgeführt. Was für ein beglückendes Stück.

Die menschliche Seite zu zeigen, ist das Gefährlichste

Nun aber von vorne, nicht wahr. Inga Busch erzählt sie, die Geschichte des Taxifahrers, der sich verfuhr und glaubte, sich mit dem Hinweis auf seine Menschlichkeit entschuldigen zu können: "Es muss hier niemand niemandem menschlich kommen. Das ist nur das Werkzeug, das Instrument, mit dem jeder sich um einen Punkt drückt." Und Maria Rosa Tietjen ergänzt: "Der Taxifahrer ist, als es brenzlig für ihn wird, ohne weiteres bereit zu sagen, dass er auch nur ein Mensch ist, aber nicht, dass er nicht Auto fahren kann." Schließlich ist es Jirka Zett, der auf das Schiff deutet und die Sache auf den Punkt bringt: "Ich könnte jetzt anfangen zu reden, und zwar, ohne dieses Teil hier auch nur zu berühren und zu erwähnen. Und Sie würden nach Hause gehen und denken, ja, das war schon ein beeindruckender Text, aber warum wurde mit keiner Silbe dieses riesige Schiff hinter ihm erwähnt."

herein3 560 matthias horn uStaunenswert: Inga Busch inmitten des Chores unter der Schiffsschraube © Matthias Horn

Es geht also auch in "Herein! Herein! Ich atme euch ein!" um das Thema, welches das philosophische Rock-'n'-Roll-Theater von René Pollesch schon seit Jahren umtreibt: Dass die Menschen glauben, Beziehungen zu anderen Menschen über ihr Inneres führen zu können und nicht ausschließlich über ihr Äußeres, also durch das, was sie sagen und tun. Dass sie glauben, dass das nicht reicht, zum Beispiel für eine Liebe, und dass sie darum einen inneren Reichtum behaupten müssen: "Jeder macht ununterbrochen den Mund auf und erzählt dir, wer er wirklich ist. Aber ich sehe doch, wer er wirklich ist", sagt Busch. "Die menschliche Seite zu zeigen, ist das Gefährlichste", schließt Nils Kahnwald.

"Tatort" schaut man nicht zu zweit

Es ist ein Satz von Slavoj Žižek, den Pollesch hier übernimmt – und in einer grandiosen Passage verarbeitet, über einen Nazi vor seiner Bücherwand, der erklären will, wer und wie kultiviert er in Wahrheit sei. Aber auch in seinem Studierzimmer steht ein großes Schiff, das jeder sieht: Er hat Tausende von Menschen ermordet. Also sagt ihm Pollesch: "Ich will an deinem inneren Reichtum nicht teilhaben." Und: "So ist es auch in der Liebe. Wir können dem, der meint, wir lieben ihn aus den falschen Gründen, ruhig sagen: Hör mal, das interessiert mich nicht, wer du bist, es interessiert mich, was du so machst." Das sitzt. Genauso wie der Beweis, den Pollesch führt, dass nicht nur der Mensch, sondern auch sein Werk nur aus der Summe seiner Zeichen besteht – und sei es sein Meisterwerk: So kommt "Wuthering Heights" von Emily Brontë, beziehungsweise der gleichnamige Popsong von Kate Bush, im Flaggenalphabet zur Aufführung.

Es ist eine erhabene Szene, und sie bringt auch den zwanzigköpfigen Matrosenchor schön zur Geltung. Ihn hat Pollesch zunächst eingeführt, um zu beweisen, dass eine Liebe eben niemals eine Zweierkiste ist. Sondern einem Abend gleicht, an dem eine Gruppe gemeinsam den "Tatort" guckt: "Ich will beim Gefallen an einem Objekt eben nicht allein sein", so der Chor, "beim Geschmack geht es nicht darum, allein zu Hause zu hocken." Die Matrosen zeigen aber immer wieder auch, wie wichtig die britischen Komiker von Monty Python für René Pollesch geworden sind – in der hochkomischen Nummer etwa über das Déja vu oder in den Liebesgedichten eines gewissen Ewan McTeagle, in denen er das Objekt seiner Begierde nicht anbetet, sondern anpumpt.

herein1 280h matthias horn uInga Busch und der Matrosenchor im Stil
der Power Rangers © Matthias Horn

Platschende Wasserballone

So steckt in diesem Abend wieder einmal der ganze, der ganz große Pollesch: Es gibt die denkwürdigen Gruppenszenen wie die schlagenden Einzeiler fürs Merkbüchlein ("Ich habe das Gefühl, dass ich die Mittagspause von jemandem bin"). Und es gibt neue Einsichten ins menschliche Äußere, die so lustig und leicht aufplatzen wie die Wasserballone, mit denen die Schauspieler beworfen werden. Doch immer sind es mehr als nur Spritzer von Žižek oder Jean Paul Sartre, die Pollesch uns hinwirft: "Der springende Punkt ist, dass Sartres Charaktere in ihrem Drang, jede Handlung zu vermeiden, stellvertretend für uns alle stehen", sagt Inga Busch einmal, und kommt damit zum entscheidenden Schluss dieses Stücks – zum Schiff, das riesig in seiner Mitte steht: Dass sich nämlich nichts bewegt in der Welt, wenn die Menschen, die sie bewegen wollen, ihre Menschlichkeit für ihren Motoren halten.

"Ich hab in der letzten Zeit das Gefühl", sagt Nils Kahnwald, "bei all den politischen Kampagnen, die es gibt, dass wir ja ganz schön viel machen, aber dass sich trotzdem nichts ändert. Also man könnte von denen sagen, die sich engagieren, damit die Ungerechtigkeit in dieser Welt endlich aufhört, dass sie, weil die Ungerechtigkeit ja eben nicht aufhört, nicht der richtigen Aktivität nachgehen, sondern einer falschen." Genau, und als das Publikum weg ist, wird das Schiff zurückgezogen auf seine Ausgangsposition.

Aber, zum Beispiel im eben zitierten Gedanken, glaubt man sie schon zu bemerken, die ersten Wellen wenn nicht einer besseren Welt, so doch eines möglichen nächsten Abends von René Pollesch. Dass er noch besser wird, ist eigentlich nicht möglich. Aber denkbar.


Herein! Herein! Ich atme euch ein! (UA)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Sabin Fleck, Licht: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Julia Reichert.
Mit: Inga Busch, Marie Rosa Tietjen, Nils Kahnwald, Jirka Zett und Chor.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch


Mehr Chortheater von Maestro Pollesch: Ein Chor irrt sich gewaltig oder auch Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia an der Berliner Volksbühne oder Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Riesen(luft)schiffe bzw. Ballone/Düsenjäger gab es zuletzt in Glanz und Elend der Kurtisanen an der Berliner Volksbühne und in Cavalcade or Being a holy Motor am Wiener Akademietheater.

 

Kritikenrundschau

"Theaterspielen lohnt, auch wenn sich die Gesellschaft nicht verändern will. Vielleicht ist dies René Polleschs Credo", schreibt Andreas Klaeui in der Neuen Zürcher Zeitung (13.1.2014). Jedenfalls sei "seit langem kein Pollesch-Abend so entspannt, so vergnügt, auch so theatersinnlich wie jetzt 'Herein! Herein!' gewesen. "So einnehmend, was nicht sagen will, ein szenisches Leichtgewicht." Polleschs Theatertexte seien "ja stets eine Mischung aus aktuellem Anlass und theoretischem Diskurs, und sie stellen immer auch eine Überforderung dar, für die Schauspieler so gut wie fürs Publikum. Es ist die vergnüglichste Überforderung. Ein reiner Spass, seiner blitzenden Argumentation zu folgen, oder es immerhin zu versuchen".

"Was war das jetzt: höherer Blödsinn oder ein genialer Wurf? Keins von beidem? Von beidem etwas?" fragt Klara Obermüller in der Welt (13.1.2014). Die "bewährten Pollesch-Sprachspucker" gäben sich zwar "redlich Mühe, aber das reicht leider nicht für einen ganzen Abend. Es reicht deshalb nicht, weil die Anlage konstruiert, der Text papieren und das Personal leblos wirkt und aller schauspielerische Einsatz daran nichts zu ändern vermag. Hinzu kommt, dass die Sprechtechnik sowohl des Chors wie der vier Darsteller mangelhaft und die Akustik der Halle schlecht ist und man vieles von dem, was an funkelndem Aberwitz oder auch an Bedenkenswertem in dem Text steckt, erst mitbekommt, wenn man ihn liest."

Auch Polleschs neuster Abend zeige, "dass Gesellschaftskritik und Theaterspass problemlos zueinander passen. Denn was ihn – und die Welt – sozial und politisch umtreibt, bezieht er auch ganz konkret aufs Theaterspiel", sagt Dagmar Walser im SRF (online: 13.1.2013). "Nicht die Identifizierung wird hier gesucht, sondern die konkrete Realität der Bühne, des Jetzt. Und das schliesst keineswegs aus, sich in etwas hinein zu phantasieren, um ohne Vorwarnung, die Luft aus der Illusion grad wieder herauszulassen. Das Schiff nimmt Fahrt auf. Und bleibt doch ein Holzungetüm, das vorgibt, Sinn für die Zürcher Theaterhalle zu produzieren. Für beides gibt es gute Argumente."

"René Pollesch ist in Zürich wieder ein atemberaubender, präziser und gewitzter Abend gelungen", schreibt Max Glauner im Freitag (29.1.2014). Denn: "Hier appelliert jemand an den aktiven Zuschauer." Gleichwohl dürften sich auch nach dem Zürcher Abend weiterhin die Geister über Polleschs Werk scheiden: "Was den einen auf der Höhe der Zeit und dieser oft um Längen voraus, erscheint den anderen das immer Gleiche im neuen Gewand – es werden keine Geschichten erzählt, die ergreifen, keine Menschen gezeigt, die rühren."

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