Erinnerung allein macht nicht satt

von Kai Krösche

Wien, 16. Januar 2014. Es beginnt mit einer Wanderung: Nachdem zu Walzerklang die von einem Schauspieler verkörperte Stimme Stefan Zweigs erklungen ist und aus dessen Autobiografie "Die Welt von gestern" Ansichten über das Jahr 1914 vor dem Kriegsbeginn zitiert worden sind ("Nie war Europa stärker, reicher, schöner, nie glaubte es inniger an eine noch bessere Zukunft"), öffnen sich die Türen des Nachbarhauses, der Nebenspielstätte des Schauspielhauses Wien, und das Publikum läuft erst einmal 15 Minuten lang durch den Alsergrund, den 9. Wiener Bezirk – "zu einem geheimen Spielort", wie die Pressefrau des Theaters beim Abholen der Karte orakelt hatte.

Zur Geburtsstätte des Ersten Weltkrieges

Der richtungsweisende Publikumsdienst trägt ein Transparent vor den wandernden Theatergängern her – ein von Stefan Zweig in seinem Buch festgehaltenes Zitat Bertha von Suttners: "Warum tut Ihr nichts, Ihr jungen Leute?" – und erzeugt so ein kleines bisschen das Gefühl einer Minidemonstration, allerdings durch weitgehend leere Straßen. Der geheime Ort, der nach der ereignislosen Wanderung erreicht wird, entpuppt sich schließlich als doch nicht so geheim wie gedacht: Es handelt sich um den historischen Berchtoldsaal im Palais Strudlhof, in dem Graf von Berchtold im Jahr 1914 das Ultimatum an Serbien formulierte, das schließlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte.

02 dieweltvongestern margarethe tiesel 280 copyright schauspielhaus uMargarethe Tiesel © Schauspielhaus

Wer nun das Reenactment der damaligen Ereignisse erwartet, liegt falsch. Stattdessen inszeniert Regisseurin und Autorin Anne Habermehl den Auftakt der neuen Serie des Schauspielhauses, die sich thematisch frei an der Autobiografie Stefan Zweigs entlanghangelt, als intimes Kammerspiel zweier alternder Menschen: "Glanz und Schatten Europas", so der Titel dieser ersten von fünf Folgen, verspricht scheinbar das große Format, reduziert den dramatischen Rahmen jedoch auf ein Minimum.

Zum Glück. Denn die kleine Geschichte einer Frau und ihres politisch engagierten Mannes, die – wie die weiteren vier Folgen der Serie – neben Zweigs Werk auf Gesprächen mit 100-jährigen Wienerinnen und Wiener basieren, berührt durch das intensive Spiel seiner zwei Protagonisten: Michael Gempert verkörpert den lebensfrohen, engagierten und junggebliebenen Mann irgendwo zwischen kindlicher Freude und jugendlichem Sturm und Drang; strahlend vor Begeisterung lächelt er mit offenem Mund seiner Frau entgegen, wenn er sich gemeinsam mit ihr an ihr erstes Treffen in den 50ern in Paris erinnert, stolz und kämpferisch gibt er den unangepassten Querulanten, wenn ihm sein Gegenüber eröffnet, dass es seine kirchenkritischen Reden in der letzten Sonntagsandacht peinlich fand. Das Eingeständnis seiner eigenen Endlichkeit, das Unterschreiben einer Vollmacht für seine Frau für den spürbar nahenden Fall, dass er aufgrund seiner entstehenden Demenz zum Pflegefall wird, ist ihm beinahe unmöglich (tatsächlich wird sich der Zettel, den er unterschreibt, als die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien herausstellen).

Was wünscht ihr euch?

Margarethe Tiesel (die in Ulrich Seidls "Paradies: Liebe" letztes Jahr im Kino zu sehen war) zeichnet die Frau zwischen zärtlicher Liebe und Besorgnis über den Zerfallsprozess des lebendig agierenden Gegenübers: "Erinnerung allein macht nicht satt", sagt sie einmal und fast scheint es, als läge in diesen wenigen Worten die gesamte Erklärung für den Lauf der menschlichen Geschichte mit all ihren Fort- und Rückschritten, im Guten wie im Schlechten.

Am Ende, als eine Art Epilog, kommen fünf junge Männer auf die Bühne. Was sie sich für die Zukunft wünschen, fragt Regisseurin und Autorin Anne Habermehl die etwas nervös wirkenden, teils noch pubertierenden Kerle. Die meisten von ihnen wünschen sich, so erzählen sie es der Regisseurin und dem Publikum in zum Teil etwas gebrochenem Deutsch, dass sie ihre Ausbildung schaffen und gesund bleiben möchten. Zwar ahnt man – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Thematik des Abends sowie den jüngsten geschürten Ängsten über vermeintliche "Armutszuwanderungen" – was mit diesem kurzen Nachschub gewollt sein mag, doch bleibt er eben genau das: gewollt. Was das zuvor Gesehene zwar nicht schlechter macht, ans Ende des Abends jedoch einen Punkt setzt, der nicht nur allzu gutgemeint wirkt, sondern weder wirklich inhaltlich noch ästhetisch an die eigentliche Inszenierung anknüpft.

 

Die Welt von Gestern
nach Stefan Zweig
Folge 01: Glanz und Schatten Europas
von Anne Habermehl
Regie: Anne Habermehl, Beratung Kostüme: Andrea Fischer, Anna Panzenberger, Dramaturgie: Brigitte Auer.
Mit: Johannes Zeiler (Stimme Stefan Zweig), Margarethe Tiesel, Michael Gempart sowie Islam Dadaev, William Eggert, Marcel Held, Frederic Ladreiter und Dominik Langer.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Bernhard Doppler schildert im Deutschlandfunk (16.1.2014) zunächst das Prinzip der Theaterserie, bevor er sich dem Auftaktabend zuwendet: Er "überzeugt vor allem als berührende eigenständige Dramenskizze über ein alterndes Paar, ein Drama Anne Habermehls in nuce also. Geschickt wird in ihm auch die oft fast paradoxe Interviewsituation zwischen den neugierigen jungen Fragenden und der hundertjährigen Interviewten ins Spiel gebracht."  Die fünf Halbwüchsigen, "die in knappen Statements ihre Zukunftswünschen und ihren Fragen an die Vergangenheit bekannt geben", seien hingegen unnötiger Luxus.

"Die Performance hat etwas von Schulfunk für das Theater", meint Barbara Petsch in der Presse (18.1.2014). Es gebe berührende Momente der Liebe und stillen Verzweiflung zwischen dem Paar, aber auch viel Leerlauf. "Das durchaus originelle Konzept des Switchens durch Zeit und Raum, objektiv und subjektiv, wird nicht mit lebendigen Dialogen gefüllt." Ihr Fazit: "Vielleicht wird die fünfteilige Serie ja noch. Doch fürs Erste bleibt Stefan Zweigs 'Welt von Gestern' Lesern vorbehalten: Vielleicht sogar ein Vorteil."

Mit Zweigs Buch habe diese Miniatur nicht mehr viel zu tun, findet Christina Böck in der Wiener Zeitung (18.1.2014). Sie arbeite vor allem "mit einem, vielleicht dem stärksten Zitat: 'Nie haben wir mehr an eine Zukunft geglaubt als in diesem unvergesslichen Sommer 1914.'" Die Zukunft werde von fünf jungen Burschen verkörpert, die sich Frieden wünschen, denn "Krieg ist Verarschung", und würden die tote Oma fragen, wie es im Himmel ist. "Das ist ganz putzig, nimmt aber dem teilweise atemberaubenden Spiel von Tiesel und Gempart sträflich viel an Raum."

 

 
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