Am Ende kommen die Ratten

von Friederike Felbeck

Köln, 17. Januar 2014. Die Ersatzstimme des alten Mannes klingt, als käme sie aus Hitlers Grab. Der "älteste Mann Europas" mit Schnauzbart und Baskenmütze, das Mikrofon fest an seinen Kehlkopf gedrückt, schickt dem Abend sein Motto vorweg: "Wir haben die Vision von Europa nicht genährt, um uns in den Himmel zu bringen, sondern um uns vor der Hölle zu bewahren."

Mit Sex zum Futtertrog

Die Hölle bricht tatsächlich los im Leben von Helene und Martin. Sie ein unbeschriebenes Blatt, aber irgendwie künstlerisch tätig. Er ein Romancier jenseits des Zenits, der die Abnormitäten seiner Frau in seiner Literatur verwurstet. Zwischen mittelständischer Spießigkeit und nymphomanischen Exzessen, Fressattacke und Fitnessstudio beschwert Helene sich über den unökologischen Einsatz von Papierhandtüchern, bestiehlt ihren Banker um seine Büroutensilien und schliddert von einer Sexkapade in die nächste. Von hier aus geht es direkt in die Psychiatrie. Dort wartet schon die Gruppe. Bekenntnisse stotternd haben sich das Paar Sidse und Andreas sowie ein stummer junger Mann um den jovial-verständnisvollen Therapeuten versammelt. Während der Gruppensitzung – erwartungsgemäß ein Pool voller Pointen – verwandelt sich die meterhohe Sperrholzwand, die das Geschehen dicht an die erste Reihe des Zuschauerraums drückt, langsam in eines dieser typischen Arztpraxisbilder: Die Holzstruktur wird zu lapidar hingeworfenen Farbklecksen, die die Patienten harmonisieren und stilllegen sollen.

HelenesFahrt4 560 ThomasAurin uPaar am Abgrund vor Sperrholzwand © Thomas Aurin

Helene kann nach ein paar Tagen und mit den entsprechenden Medikamenten im Gepäck wieder gehen. Martin holt sie ab. Aber das Drama nimmt seinen Lauf. Der Verleger ruft an, er braucht Martin für die Kampagne seines neuen Romans, und so soll sie zurück in die Klinik. Da flieht Helene und macht sich auf den Weg.

Vor einem IKEA Markt, schon ziemlich heruntergekommen, trifft sie auf eine junge Frau, die auf die Reste vom Buffet der Betriebsfeier wartet. Während Helene den Einkaufsleiter mit Sex ablenkt, schleicht sich die andere an den Futtertrog. Martin wird in eine Fernsehshow geladen, um sein neues Buch zu promoten und wird Opfer einer zynischen Inszenierung bis zum eigenen Zusammenbruch. Irgendwo in Frankreich trifft Helene auf das Paar Sidse und Andreas und nimmt an einer Art Kunstperformance teil. "Ich hab mich so satt", raunt sie da schon.

"Grenztourismus" als letzter Kick

Jens Albinus' Figuren fallen immer wieder ins Räsonieren. Sie sind diskursfreudig, schauen von weit oben auf sich selber drauf, reden dauernd von Krise und leiden schrecklich. Stark ist, wenn Sidse und Andreas zu einem schmerzlich-typisch deutschen Paar werden, das dienstbeflissen Erfahrungen sammelt, nur nach Nützlichem schaut, zur Beziehungsrettung in einen Lachkurs geht und sich mit auswendig gelernten Sprüchen, angeklebtem Schnurrbart und Perücke öffentlich zum Deppen macht: "Grenztourismus" als letzter Kick für den überfütterten Mittelstand.

Ein sprechender Klappmülleimer, gemeinsames Klimpern von "My way" auf der Gitarre oder eine "Sein oder Nichtsein"-Paraphrase machen den Abend unterhaltsam, kurieren aber nicht die allein gelassene Protagonistin, deren weitere Entwicklung aus Ohnmacht und Erschöpfung besteht. Katharina Schmalenberg spielt Helene eindringlich versehrt, doch zwangsläufig uniform: Albinus lässt Helene zwar ordentlich abdriften, ohne ihr aber ausreichend Stoff und Situationen zu schenken. Ein letzter Blowjob für Andreas geht nur noch mit Lampenschirm auf dem Kopf, weil sie schon nicht mehr appetitlich aussieht.

Zwischen Europakrise und Einzelschicksal

Mit genauem Understatement zeigt Magda Lena Schlott die Kleine, die von der Freeganerin zur Flyerverteilerin im lächerlichen Teddykostüm zum Hintern schwenkenden Groupie auf der Party wird, die die Verlagsbranche für Martins neuen Roman schmeißt. Benjamin Höppner gibt überzeugend den ausgelaugten Schriftsteller in Cordhose und braunem Hemd als Loser, der an der Verwechslung der inneren und der äußeren Krise verzweifelt.

Helene vHelenesFahrt3 280 ThomasAurin uDingdong, hier kommen die Flyer! © Thomas Aurinersucht sich mit einem Stuhlbein zu erstechen, will durch einen Stromschlag sterben, fordert schließlich den Polizisten Andreas auf: "Dann mach doch endlich bei mir den Weg frei" und reicht ihm ein Messer. Albinus, der in Kopenhagen Houellebecq und "Lulu" inszenierte und als Schauspieler u.a. in den "Idioten" und demnächst in "Nymphomaniac" von Lars von Trier zu sehen sein wird, peilt den Exzess an und bleibt doch in einer nüchtern-angedeuteten Programmatik zwischen Europakrise und Einzelschicksal stecken.

So verziehen sich die Helene und Andreas am Ende schamhaft hinter die Bretterwand, wo Helene wohl auf eigenen Wunsch ausgeweidet wird. Sie war halt suizidal. Die Überlebenden fabulieren von Vorruhestand und Neuanfang, Sidse und Andreas sind schwanger. Und am Ende kommen die Ratten. Ein Schelm, wer dabei an Rumänen und Bulgaren denkt.

 

Helenes Fahrt in den Himmel (UA)
von Jens Albinus
Regie: Jens Albinus, Bühne und Kostüme: Rikke Juellund, Licht: Michael Frank, Sounddesign: Axel Block, Mads Ljungdahl, Dramaturgie: Sibylle Dudek.
Mit: Katharina Schmalenberg, Benjamin Höppner, Melanie Kretschmann, Robert Dölle, Magdalena Schlott, Seán McDonagh, Lars Jackson, Peter Strogalski, Omid Tabari.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

"Leider ist Albinus' Stück weniger stringent konstruiert als ein Billy-Regal", schreibt Hartmut Wilmes im Kölner General-Anzeiger und in der Kölnischen Rundschau (21.1.2014). "Das Scharnier zwischen arg pauschalem Politgleichnis und Psychodrama wackelt bedenklich." Den stärksten Trumpf spiele die Inszenierung gleich zu Beginn aus: "Gespenstisch kontrolliert, ohne jede Weinerlichkeit" schildere Katharina Schmalenbergs Helene ihren Amoklauf gegen sich selbst. "Eine Frau wie ein stummer Schrei, die ihren in "Liebes"-Akten zerfetzten Leib bald nur noch wie ein waidwundes Tier über die Bühne schleppt." Diese Leistung sei "die bestürzende Sensation" des Abends, der seiner Textdrastik szenisch kaum je gewachsen sei.

Immer wieder zaubere Jens Albinus wunderbare Imaginationsmomente, schreibt Marion Ammicht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (19.1.2014). "Momente, in denen Musik, Atmo und zwei Stühle genügen für ein kleines rasantes Roadmovie". Leider sei der Text am Ende ein etwas mühseliges Szenenkonstrukt, und man frage sich: "Ist der Autor da schon fertig gewesen, oder schraubt er noch?" Doch was Albinus mit dem großartigen En- semble, allen voran Katharina Schmalenberg und Robert Dölle, daraus mache, sei faszinierendes, spielwütiges Theater. "Gerettet wurde Europa an diesem Abend nicht – aber ein Regisseur entdeckt."

Das Drama "pendelt zwischen Passionsspiel und Farce, zwischen Thesenpapier und Verzweiflungsdrama, weniger nachspielbares Stück als Tagebuch und Selbstanalyse seines Autors", schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (20.1.2014). Es thematisiere die Krise des europäischen Menschen und den Werteverfall. Als klischiert wird die "finale Frauenopferung" eingeschätzt. "Seine originellsten, eindringlichsten und letztlich viel schockierenderen Momente hat das Stück immer dann, wenn sich die Figuren in ihrer Verzweiflung ans Publikum wenden, wenn die drängenden Fragen des Autors aus dem Handlungsgefüge ausbrechen, so wie im erschütternden Monolog Katharina Schmalenbergs."

 
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