Mister Fabulous

von Stephanie Drees

Braunschweig, 18. Januar 2014. Ach, Faber. Du hast es geschafft, du Teufelskerl. Gewiss: Du rauchst ein bisschen viel, und dein Teint war wohl auch mal frischer. Aber du bist ein echter Souverän deiner Zeit. Nebelschwaden kreisen um dich, und ein ganzes Horrorkabinett der Vergangenheit kommt aus den Löchern: Unten tragen sie Naziuniform, oben Zombie-Maske mit zerfressenem Kiefer. Besuch, der aussieht, als käme er direkt vom B-Movie-Set. Eine Dame trägt zum SS-Blazer Spitzen-Strapse, deinem verstorbenem Freund Joachim hängt ein Vorhang aus Bast vor dem vermodertem Gesicht. Und du bleibst cool.

In Guatemala treffen für Walter Faber zum ersten Mal die Boten der Vergangenheit auf die Boten der Zukunft. Er und sein politisch verdrängender Sitznachbar aus dem notgelandeten Flugzeug werden mit Geistern, die sie nicht gerufen haben, konfrontiert.

Clash of Zeitebenen
Dieser Faber, den Max Frisch in seinem berühmten Roman "Homo Faber" erschaffen hat, ist ein großer Ingenieur. Er konstruiert Maschinen, er konstruiert Pläne, er konstruiert sich und sein Leben – und auch die Erzählung darüber. Faber, dem großen Rechner, ist das Schicksal dazwischen gekommen. Es geht nicht zimperlich mit ihm um. Der kühle Macher hechtet mit Kopfsprung in den Sumpf der epischen Tragödie. Er wird sich in seine Tochter verlieben, sich an ihrem Tode mitschuldig machen und daran zerbrechen. Als ihre Mutter schwanger wurde, wollte er ihr Leben nicht. 

HomoFaber2 560 VolkerBeinhorn uWas das Theater kann: Faber mit seiner Vergangenheit konfrontieren, unmittelbar
© Volker Beinhorn

Die Regisseurin Anna Bergmann konstruiert dafür Bilder, in denen die Zeitebenen der Tragödie sich begegnen. Dann treten Schicksalsträger aus Fabers Vergangenheit wie somnambulante Alptraum-Avatare auf. Die Exfrau Hanna durchquert mehrfach im Trauer-Dress die Bühne und Professor O., Fabers ehemaliger Mentor, sagt zwischendurch im schwer nach Tod riechendem Trenchcoat "Hallo". Für einen wie Faber, der Hanna einst aus Feigheit verlassen hat und den immer wieder Magenschmerzen plagen, kann das nichts Gutes heißen.

Unerschrockener Trip in Fabers Seelen-Hades
Anna Bergmann hat es geschafft. Sie hat kreuz und quer in diesem Land inszeniert. Sie wurde gelobt und gefeiert. Sie ist verhältnismäßig jung, hat lange blonde Haare und wurde daher von der Presse schon als "das explodierende(s) Fräuleinwunder des deutschen Theaterbetriebs" gelabelt – wobei gewiss niemand auf die Idee käme, einen männlichen Kollegen "Männleinwunder" zu nennen. Bergmann weiß aus eigener Erfahrung um das Geschäft mit den Identitätskonstruktionen. 

Die szenische Wiederbelebung des Textes, für die sie auch die Bühnenfassung geschrieben hat, steht da als ein dreistündiger, unerschrockener Trip in Fabers Seelen-Hades. 

Dort ist es eng. Bis zu sechs Fabers begleiten Hans-Werner Leupelt, der das soziale Ich verkörpert. Auch dabei, zum Beispiel: Sven Hönig, der grade schmierig genug ist oder der Lakonie versprühende Andreas Osterwald. In wechselnder Zahl und Besetzung arbeitet die freudianische Gang Fabers fortschreitende Zerissenheit heraus. Anfangs nuckeln sie chorisch an der Zigarette, später diskutieren sie seine Entscheidungen. Sie öffnen die beiden Seitenvorhänge auf der kleinen Bühne des Braunschweiger Staatstheaters und lassen die lebendigen Relikte der Vergangenheit rein. Und während Faber seine Tochter-Geliebte im Kinderwagen-Lamborgini durch Italien karrt, singen sie "Felicita" von Albano und Romina Power in Endlosschleife. Sie sind eine der ganz großen Nummern dieses Abends.

Am Rande der Lächerlichkeit
Leupelt muss eine weite Entwicklungsreise machen. Er reist bravourös bis zum bitteren Ende, bis aus dem jovialen Mister Fabulous ein zweifelnder, sterbender und gezeichneter Trauender geworden ist: "All is forgiven now", alles ist vergeben, resümiert er. Er hält Zwiesprache mit Hanna. Sandra Fehmer formt aus ihr ein kühles, alles durchblickendes Pendant zu ihm. Auch ihr Spiel umarmt die verlorene Figur und stellt sie gleichzeitig aus. Als Faber sich seines Vorbei-Lebens bewusst wird, sitzt sie wie ein atmendes Filmstill im Gruppenbild der Nemesis-Figuren. Ein lauer Wind bläst durch ihren schwarzen Schal.  

HomoFaber1 560 VolkerBeinhorn uIn der Erinnerung vervielfältigt sich das Ich; die anderen bleiben einzeln © Volker Beinhorn Der Abend ist voller Bilder, in denen die Figuren mit eleganter Verschrobenheit am Rande der Lächerlichkeit stolzieren – oft mit großem Witz, noch öfter mit einer eigentümlichen Schönheit.

Es ist ein großes Treffen der Identitätstouristen. Keiner von ihnen muss virtuell an seiner Ich-Konstruktion arbeiten, um den Text in diese Zeit zu holen. Ungemein unterhaltsam ist das alles, weil Bergmann ein genaues Gespür für die Wirkungsmacht der Zeichen hat. Weil sie Sozialscharade in Mythen der Popkultur übersetzen kann. Vielleicht hätte sie dafür nicht ganze drei Stunden brauchen müssen. But: That is forgiven now. Anna Bergmann, beleben Sie bitte weiterhin das Theater. Und zwar so.

Homo Faber
nach dem Roman von Max Frisch
Bühnenfassung von Anna Bergmann
Inszenierung: Anna Bergmann, Bühne: Katharina Faltner, Kostüme: Lane Schäfer, Sounddesign: Heiko Schnurpel, Video: Uli Plank, Dramaturgie: Axel Preuß.
Mit: Hans-Werner Leupelt, Sandra Fehmer, Bea Brocks, Nientje Schwabe, Tobias Beyer, Sven Hönig, Raphael Traub, Philipp Grimm, Andreas Osterwald.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatstheater-braunschweig.de

 

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Kritikenrundschau

Anna Bergmann breche die Maske des Ingenieurs auf und fördere Abgründe zutage, schreibt Martin Jasper in der Braunschweiger Zeitung (20.1.2014). "Sie gibt dem spröden Text Theaterzucker. Manchmal erhellend." Aber es sei des Zuckers entschieden zu viel. "Es wirkt alles so aufgemotzt!" Die karge Fabel verliere die subtile Doppelbödigkeit des Romantextes. Sie werde zugeballert mit Effekten, verdampft in Regie-Einfällen. "Viel Pathos, viel Expressionismus. Zu lang. Ausufernd." Am Ende gebe es "nach all dem zerfasernden Theatertheater" doch noch einen ergreifenden Moment. "Hans-Werner Leupelt als Faber und Sandra Fehmer als Hanna sitzen vor dem Vorhang. Müde gekämpft, lebensmüde, unendlich erschöpft buchstabieren sie noch einmal die Rudimente ihrer verspielten Liebe, ihres verpfuschten Lebens – aneinander vorbei ins Leere." In diesem Moment komme das Theater ganz schlicht und leise zu sich selbst. "Doch da ist man von dem Abend schon fast erschlagen."

 
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