Im Aquarium

von Falk Schreiber

Hamburg, 19. Januar 2014. Familie Hipster unterm Weihnachtsbaum: Opa hört nicht mehr so gut, Mama ekelt sich vor Papa, Tochter Debbie ist schwanger und verrät nicht, von wem, aber, hey!, auf dem Tisch stehen Gänsebraten und Rotwein, und unterm Tisch gibt es noch eine Flasche Hochprozentiges sowie was zu rauchen, da lässt man sich doch nicht das Fest der Liebe von ein paar unbequemen Wahrheiten kaputt machen!

Martin Crimp ist derzeit der angesagteste britische Dramatiker auf deutschen Bühnen. "Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino" wurde Mitte November vom Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt und durch die Bank gelobt, "In der Republik des Glücks" gerade mal eine Woche später im Deutschen Theater Berlin erstaufgeführt und weitgehend ungnädig rezensiert, das schreit nach einer zweiten Chance. In der Hamburger Thalia-Außenstelle Gaußstraße übernimmt diese Aufgabe die junge Regisseurin Anne Lenk, die am gleichen Ort zuletzt Finn-Ole Heinrichs "Räuberhände" in tieftraurige Jugendlichkeit tunkte.

Onkel Bob reißt die Wand ein

Bei "In der Republik des Glücks" hingegen greift Lenk erstmal ganz und gar nicht traurig ins Bilderrepertoire des Boulevards: Gag wird auf Gag gesetzt, Bösartigkeit auf Bösartigkeit, und die Tür-auf-Tür-zu-Mechanik des Genres kommt nur deswegen nicht zum Zug, weil die Figuren in einen türlosen Glaskasten eingesperrt sind (Bühne: Judith Oswald). Was zur Folge hat, dass Daniel Lommatzsch als aasiger Onkel Bob kurzerhand die Wand einreißt, als er die Festgesellschaft mit wohlgesetzten Beleidigungen aufzumischen versucht.in der republik 560 armin smailovic hIm Glaskasten des Familenglücks © Armin Smailovic

Das funktioniert gut – nicht zuletzt wegen Lenks bestens aufgelegtem Ensemble, allen voran Maria Magdalena Wardzinska als Debbie, die jegliche Bösartigkeit am zuckersüß-gelangweilten Lächeln abgleiten lässt. Es funktioniert, führt aber nirgendwo wirklich hin, zumal der durchgängig hohe Ton boulevardesker Lustigkeit allzu schnell gleichförmig zu werden droht. Die Familie riecht, so Bob, "wie ein Teppich nach einer Überschwemmung", ja, wie ein Teppich, unter den so einiges gekehrt wurde, das hat man verstanden, da ist gerade mal eine halbe Stunde gespielt, etwas muss doch noch kommen.

Alles unter Kontrolle!

Es kommt: ein radikaler Bruch. Das Familienfest-Aquarium wird beiseite geräumt (und steht von nun an mehr oder weniger unmotiviert am Bühnenrand rum), die Figuren verlassen ihr Gefängnis und auch ihre Rollen, es wird nicht mehr gespielt, es wird deklamiert. "Ich bin es, der das Skript seines eigenen Lebens schreibt!", von der Selbstverwirklichung geht es zur Selbstoptimierung, und von da ab konsequent zur Vereinzelung. "Verpissen Sie sich, wenn ihnen meine Religion nicht passt oder die Art wie ich spreche!" giftet Alicia Aumüller ins Publikum, aber wenn man soweit ist, dass sich alle verpissen, denen irgendwas nicht passt, dann ist bald gar niemand mehr da.

Dann doch besser Einordnung ins Kollektiv. "Ich mache gerne meine Beine breit!" flötet Oda Thormeyer, was nicht sexuell konnotiert ist, sondern sicherheitsfanatisch – man will zeigen, dass man nichts zu verbergen hat, also macht man eben die Beine breit und zupft zwischen denselben eine Perlenkette hervor: alles unter Kontrolle! Zwischendurch wird gesungen, melancholisch-ironischer Indierock, und Tilo Werner spielt Gitarre: "You’re so full of shit!" Soll niemand behaupten, dass das nicht unterhaltsam sei.

Schlussbild auf Schlussbild

Regisseurin Lenk bekommt Crimps Vorlage nicht zu fassen. Das ist nicht schlimm, je länger der Abend dauert, desto deutlicher wird, dass sich "In der Republik des Glücks" in erster Linie durch Nicht-Fassbarkeit auszeichnet. Die Regie geht mit dieser unangenehmen Erkenntnis so um, dass sie sich ins klassische Handwerk flüchtet: Tempo rausnehmen, laufen lassen, Tempo wieder anziehen. Was zur Folge hat, dass die Inszenierung mit zunehmender Spieldauer den Eindruck erweckt, ein Schlussbild ans andere zu reihen, und trotzdem nicht zum Schluss zu kommen.

Es gibt noch eine angedeutete Therapiesitzung, die das ganze, gerade schön abstrahierte Unheil mit einem Schlag wieder dort verortet, wo der Abend seinen Ausgang nahm: in der Familie. Und es gibt ein letztes, nun wirklich endgültiges Bild: Bob ist mit seiner Freundin allen Zwängen entkommen, der Familie, dem Individualitätskult, dem Kollektiv. Sie sind jetzt tatsächlich angekommen in der Republik des Glücks, und Bob ist anscheinend ein Politiker, ein Republikaner des Glücks. Nur ein Schlusslied soll er singen, um sein Glück zu bezeugen, "I smile", aber die Worte kommen ihm nicht über die Lippen. Ein Versuch, noch ein Versuch. Und dann singt er.

 

In der Republik des Glücks
von Martin Crimp
Deutsch von Ulrike Syha
Regie: Anne Lenk, Musikalische Leitung: Laurenz Wannenmacher, Klanggestaltung: Wolfgang von Henko, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Silja Landsberg, Dramaturgie: Natalie Lazar.
Mit: Alicia Aumüller, Christina Geiße, Daniel Lommatzsch, Hans Löw, Cathérine Seifert, Oda Thormeyer, Maria Magdalena Wardzinska, Tilo Werner.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de



Kritikenrundschau

Tendenziell angetan von dieser "rabenschwarzen Komödie" ist die Autorin unter dem Kürzel asti (Annette Stiekele) vom Hamburger Abendblatt (online 21.1.2014). "Dem ungeschützten Offenbarungswahn der etwas wirren Vorlage setzt Lenk einen gleichbleibend schrillen Boulevardton entgegen. Dazu gibt es lustige Kostüme und viel Musik." Kleiner Einwand: "Der Abend reiht sich ein in die beliebte Spiegelung postmoderner Befindlichkeiten. Irgendwie hat man das bei René Pollesch und Sybille Berg schon pointierter gesehen."

 
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