Die Rückkehr der Ruhrpott-Ritter

von Friederike Felbeck

Bochum, 24. Januar 2014. Der schwarz vertäfelte Eiserne Vorhang der Kammerspiele hebt sich wie vor einem Förderkorb, der in der Grube ankommt: dahinter dichter Nebel, aus dem sich die Silhouette eines Mannes herausschält. Er windet sich, dreht sich am Boden, fräst sich in etwas hinein. Die Ketten mit den leeren Püngelhaken, an denen die Kleidung der Bergarbeiter unter der Decke aufbewahrt wurde, klimpern beim Hochziehen. Von schmalen Sicherheitsleitern klettern weitere Männer in Arbeitskleidung herunter. Zu Klängen destillierte Maschinengeräusche sind die einzige Musik, zu der sich die Tänzer auf der Bühne bewegen und so von ihrer Arbeit unter Tage oder als Stahlkocher erzählen. Eine riesige Metallplatte, dahinter blitzt es wie in einem Hochofen, fällt um. Die Männer dreschen mit Vorschlaghammern auf sie ein. Dann laufen sie mit ihren schweren Sicherheitsschuhen auf der krumm geschlagenen Platte wie man auf einem Instrument spielt. Sie laufen und laufen, wie Massai-Krieger bei der Wüstendurchquerung. Ihre kraftvollen Körper erscheinen martialisch im Gegenlicht.

Tanzerbe bewahren

"Ruhr-Ort" ist eine Choreografie von Susanne Linke aus dem Jahr 1991 und eines von 32 im Rahmen des Tanzfonds Erbe geförderten Projekten. Museen und Denkmäler sublimieren Kunst und Leben der Vergangenheit: Warum nicht auch endlich die performativen Künste ihrer Flüchtigkeit und Vergänglichkeit entheben? Über die Auswahl der Projekte stimmte eine Jury ab, die sich aus Wissenschaftlern, Tanzpraktikern und Theaterleitern zusammensetzte.

Der Sonderfonds der Kulturstiftung des Bundes, der die sehr unterschiedlichen Projekte und eine Vielfalt an Methoden deutschlandweit mit bis zu 100.000 EUR gefördert hat, läuft nach nur zwei Antragsrunden im Jahr 2015 aus. Als Träger fungiert die Agentur Diehl und Ritter, die als gemeinnützige Unternehmergesellschaft u.a. von Madeline Ritter, der früheren Leiterin des Tanzplan Deutschlands, gegründet wurde. Auch dort stand das Thema Erbe angesichts einer mangelhaften Material- und Archivlage im Tanz bereits ganz oben auf der Agenda. Am Schauspielhaus Bochum war es die langjährige Zusammenarbeit mit dem Tanzensemble Renegade und die Initiative der Choreografin Susanne Linke, die den Ausschlag zur Wiederaufnahme dieses in den frühen 1990er Jahren international gefeierten Stückes gab.

ruhrort 560b bettinastoess uMit Hip-Hop-Elementen angereichert: Ruhr-Ort @ Bettina Stöß

Ursprünglich von drei Tänzern und drei Schauspielern entwickelt, darunter der Choreograf Avi Kaiser und Thomas Stich, der heute den Studiengang Physical Theatre an der Folkwang Universität Essen leitet, arbeitet sich das "Original" bewusst an der Wirklichkeit der Zechen und Stahlwerke ab. Zu der ansonsten akribisch rekonstruierten, körperbetonten, akrobatisch-sportlichen Choreografie fügt das um zwei weitere Tänzer erweiterte Ensemble von Renegade Momente von Breakdance und Hip-Hop hinzu. Neu sind ebenfalls Videoprojektionen, die eine Fahrt in den Stollen zu einer Reise zum Mittelpunkt der Erde werden lassen oder die rauchenden Schornsteine von Duisburg-Ruhrort zeigen. Susanne Linke gelingt es, die flapsige Kameradschaft, die Machtkämpfe und das gemeinsame Angeln ebenso wie ihren Alltag unter Tage zu portätieren. Die Männer brüllen unter dem ohrenbetäubenden Lärm, einer singt "Wenn ich ein Vöglein wär" oder ein spanisches Lied aus der eigenen Heimat. In der Waschkaue wird gemeinsam geduscht. Die Männer rollen, fallen, heben, stemmen, hämmern, schieben, was das Zeug hält. Schwere Aluminium-Barren tragen sie ächzend zu einem Stelenfeld zusammen. Sie bedienen Maschinen, rhythmisiert, bis am Ende die Kumpels sichtlich angestrengt vorne an der Rampe stehen.

Unter Artenschutz

Susanne Linkes Arbeit ist auch heute noch eindrucksvoll und besiegelt eine untergegangene Epoche. Aber an den Orten, an die sie uns führt, sind wir längst selbst gewesen. Die stillgelegten Gruben und Werkshallen sind hippe Veranstaltungsorte, zu Abenteuerspielplätzen geworden oder in Fotografien stilisiert. Die Arbeiter hat der Vorruhestand, die Arbeitslosigkeit, der Alkoholismus weggezehrt.

Die schwere körperliche Arbeit und die der Arbeit an Maschinen abgeschauten Bewegungen, die hier zu Tanz amalgamieren, sind seltsam entrückt und wirken manchmal unfreiwillig verklärend. "Was möchtest Du gerne im nächsten Leben sein?" fragt ein junger Zuschauer vor der Vorstellung seinen Nachbarn. "Ein Panda!", antwortet der. Der ist bekanntlich das Wahrzeichen des WWF, der größten Naturschutzorganisation. Ob und in welcher Form sich Artenschutz für die darstellenden Künste bewährt, bleibt abzuwarten. Auf die abermals flüchtige Rekonstruktion folgt jedenfalls ein Leben im digitalen Archiv.

 

Ruhr-Ort
Eine Rekonstruktion von Susanne Linke
Choreografie und Regie: Susanne Linke, Bühne (Original): Frank Leimbach, Bühne (Ausführung): Berit Schog, Künstlerische Beratung Bühne: Robert Schad, Kostüme (Original): Angela Spreer, Kostüme (Ausführung): Agnes Langenbucher, Musik: Ludger Brümmer, Video: Momme Hinrichs, Torge Müller (fettFilm), Dramaturgie: Waltraut Körver, Sabine Reich, Produktionsleitung und künstlerische Leitung: Pottporus e.V./Renegade, Zekai Fenerci.
Mit: Ibrahim Biaye, Alexis Fernandez Ferrera, Said Gamal Sayed Mohamed, Janis Heldmann, Paul Hess, Julio César Iglesias Ungo, Lin Verleger, Victor Zapata.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de
www.pottporus.de/renegade

 

 

Kritikenrundschau

Die Rekonstruktion von "Ruhr-Ort" sei "der Versuch, der flüchtigen Kunst des Tanzes ein Gedächtnis zu geben", schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (27.1.2014). Die aktuelle Tanzszene sei "oft gefällig, bedient ein gewisses Harmoniegefühl. Gewiss hat sich nach fast einem Vierteljahrhundert die Arbeitswelt gewandelt. Doch die Körperlichkeit von 'Ruhr-Ort' spricht noch immer an, obwohl die Ästhetik alles andere als gefällig ist." Die Modernisierung (Tänzer und "B-Boys" anstatt Schauspielern und Tänzern" ändere "an den zentralen Aussagen nichts. Wenn die Akteure zwischenzeitlich mit wilden Imponiergesten konkurrieren, sind die Drehungen am Boden und akrobatischen Sprünge problemlos zu integrieren."

" Immer noch – oder wieder – beeindruckt die körperliche Präsenz und Kraft der Tänzer", schreibt ein(e) online leider nicht zu identifizierende(r) Kritiker(in) in den Ruhr-Nachrichten (27.1.2014). Das Ende der Kohleförderung im Ruhrgebiet sei "zwar besiegelt, die Region sucht eine neue Identität." "Ruhr-Ort" sei "gerade deshalb ein wichtiger Akt der Geschichtsverarbeitung – auch was die Genese des Bewegungsrepertoires im modernen Tanz angeht. Es ist gut, dass mutige Menschen es noch einmal aus dem kollektiven Gedächtnis hervorgekramt haben."

 
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