Willkommen in der Pathologie!

von Kai Bremer

Bielefeld, 25. Januar 2014. Damit keine Zweifel aufkommen, wo wir sind, werden im Vorraum an jeden Zuschauer ein Mundschutz, ein Einweg-Kittel und Überschuhe verteilt: Willkommen in der Pathologie! Als jedoch einer der Zuschauer einen Überschuh für eine Haube hält, kommen für Sekunden Zweifel auf: Pathologie oder doch Schlumpfhausen?

Schräger Leichenarzt vor Publikum in Einweg-Kitteln

Die Stimmung ist jedenfalls prächtig, als Boon (Georg Böhm), offensichtlich ein Pathologe mit den gleichen Einwegklamotten wie wir, seine Zigarette ausdrückt und sein Diktiergerät ausschaltet, aus dem Dream a Little Dream of Me trällert. Er erinnert an Walter White aus der US-Fernsehserie "Breaking Bad", freilich 20 Jahre bevor bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wird: Zwar ist das Haar noch voll und zu einem kräftigen Pferdeschwanz zusammengebunden, doch nicht nur Schnauzer und Brille sind schon da, auch diese verhuschte und zugleich etwas zwanghafte Körpersprache. Ein schräger Typ vor einem Publikum in Einweg-Kitteln – was für ein Spaß.

durstige 560 philippottendoerfer uLeichenschau mit Jugendliebe: Barbara Hirt (Murdoch) und Georg Böhm (Boon)
© Philipp Ottendörfer

Premiere hatte gestern Abend in Bielefeld allerdings Wajdi Mouawads "Die Durstigen", das seit knapp fünf Jahren vor allem auf Jugendbühnen erfolgreich gespielt wird, faktisch aber eher das ist, was man bei Romanen seit einigen Jahren All-Age-Literatur nennt. Unabhängig von der Zielgruppe: Das Stück ist alles andere als ein Schenkelklopfer. Es ist eine Geschichte von jugendlicher Verzweiflung an einer Welt, deren Konformismus krank macht, und ein Bekenntnis zur Macht der Literatur. Ist Babett Grube, die in Bielefeld vor anderthalb Jahren so spartanisch wie sensibel Laura Naumanns "Demut vor Deinen Taten Baby" uraufgeführt hat und dafür immerhin bei "Radikal Jung" den Publikumspreis erhielt, das Taktgefühl abhanden gekommen, dass sie dieses traurige Stück derart karnevalesk eröffnet?

Jugendgeschichte und Mädchenleiche

Grube arbeitet mit dem Text, streicht, stellt um. So wird der Abend wesentlich zur Geschichte Boons, der sich schließlich gar beim Publikum bedankt, weil es seinen Erinnerungen so aufmerksam zugehört habe, die ihm angesichts der Leiche, die er untersucht, kommen. Einst hatte Boon davon geträumt, Schriftsteller zu werden, und sich als Jugendlicher die Geschichte eines Mädchens in ihrem Durst nach Liebe ausgedacht. Konsequent hat Grube diese Mädchenfigur Norwegen nicht besetzt und lässt sie meist von Boon sprechen. Ihn ergänzend, treten Norwegens fiktive Eltern (Christa und Karsten Ahrnke) in absoluter Dunkelheit als aggressiv zischende, alienartige Wesen mit leuchtenden Augen und Wasserkopf (soweit das zu erkennen war) auf. Doch sind sie nur Nebenfiguren.

Indem Grube Norwegen unbesetzt lässt, stärkt sie die zweite zentrale Figur in "Die Durstigen": Murdoch, eine Jugendfreundin Boons. Barbara Hirt turnt als bipolare Schülerin durch die Zuschauerreihen und brüllt ihren imaginierten Lehrer an, um dann Fingernägel kauend im Fenster zu sitzen. Als Boon beginnt, seine Geschichte von Norwegen vorzulesen, hockt Murdoch auf der Erde, kommt endlich zur Ruhe und hört andächtig zu, ja verliebt sich geradezu in das, was da erzählt wird – und zwar dermaßen, dass Boon fünfzehn Jahre später nicht nur die Leiche von Murdoch obduziert, sondern in ihr auch seine Figur Norwegen findet.

Schauermärchen großer Gefühle

Dieses allegorische Schauermärchen großer Gefühle lebt auf der kleinen Bühne unter dem Dach des Theaters am Alten Markt also ganz vom Spiel der beiden Hauptdarsteller. Unterstützt wird es nur durch wenige Requisiten (Bühne und Kostüme von Anna Sörensen): einen kleinen Arzt-Drehstuhl, auf dem Boon oft sitzt und erzählt und mit dem er einmal herumflitzt, ein an die Wand gekippter Spind, dessen Tür an einem Pfeiler diagonal gegenüber lehnt, und eine Styroporbox aus der Asservatenkammer mit den Gegenständen, die bei der Leiche von Murdoch gefunden wurden.

Mehr braucht es nicht, weil der Abend vom Spiel Hirts und Böhms sowie vom klugen Umgang mit Mouawads Text lebt. Warum Grube jenseits dessen zeigt, dass sie auch Komik kann, bleibt hingegen ihr Geheimnis. Das Publikum hat ihr das aber nicht übel genommen und den kurzen Abend lang und energisch beklatscht. Einige Zuschauer waren sogar so begeistert, dass sie kurzerhand die Einweg-Kittel mitgenommen haben.


Die Durstigen
von Wajdi Mouawad in Zusammenarbeit mit Benoît Vermeulen
Aus dem Frankokanadischen von Uli Menke
Regie: Babett Grube, Bühne und Kostüme: Anna Sörensen.
Mit: Christa Ahrnke, Karsten Ahrnke, Georg Böhm, Barbara Hirt.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.theater-bielefeld.de

Kritikenrundschau

Die Inszenierung richte in wenigen surrealen Sequenzen auf das Mysterium des toten Paares einige effektvolle Spotlights, ohne wirklich Licht ins Dunkel zu bringen", schreibt ant in der Neuen Westfälischen (27.1.2014). Keineswegs liege es an den Akteuren, dass das Stück nicht richtig zündet. "Georg Böhm als Boon ist fantastisch, Barbara Hirt als amokredende Silvaine ebenfalls." Auch Christa und Karsten Ahrnke spielten in den Traumsequenzen ein einflüsternd-ratloses Elternpaar schaurig gut. Und die Idee, das Publikum wie den Protagonisten zu kostümieren,  habe etwas für sich. "Aber nur, wenn man sie als signifikant für eine Gegenwart erkennt, die das Vertrauen in die Fantasie der Zuschauer verloren hat." Dann schließe sich der Bogen um eine Kernaussage des Dramas, "von der man fast den Eindruck hat, sie dürfe in heutigen, für ein junges Publikum geschriebenen Theaterstücken auf keinen Fall fehlen: Poesie, Imagination, der Sinn für Schönheit, die Kraft der Liebe, Lebensfreude etc. kommen im Erwachsendasein (sic)  nicht mehr vor. " Wenn man als Autor in diesem Gestus verharre, sei das nicht kritisch, sondern larmoyant.

"Ab 15 schreibt das Theater, ab 15 sei das Stück geeignet", schreibt Burgit Hörttrich im Westfalenblatt (27.1.2014). "Möglich. Aber nur nach »Aktenstudium«, um die diversen Konstrukte und Handlungsebenen zu durchschauen. Und vielleicht in Begleitung eines Erwachsenen (und umgekehrt)", damit anschließend über das, was das Theater zumutet, auch diskutiert werden könne. "Also: Vor einem Besuch fragen Sie erst Ihren Arzt oder Apotheker."

 

 
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