Im Schatten der Europäischen Zentralbank

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 25. Januar 2014. Der große Börsencrash von 2008 stellte die Uhren um: Jene, die dachten, der Finanzmarkt und seine Gesetze hätten nichts mit ihrem Leben zu tun, wurden eines Besseren belehrt. Nicht nur die Feuilletons versuchen seither, den Fluss des Geldes zu verstehen, oder besser: seinen Flow und seine Performance, auch das Theater arbeitet sich in die Wirtschaftswelt herein wie in eine Fremdsprache, um sie in den künstlerischen Kontext zu übersetzen. Oft genug ist der Blick der des ungeliebten, aber moralisch putzsauberen Stiefkinds auf den skrupellosen, erbschleicherischen Bruder: Vom großen Geld kriegt es zwar nix ab, dafür aber trägt es eine saubere Weste zu Schau und weiß den kulturellen Kanon der westlichen Welt hinter sich.

Talkshow mit zwei Beamern

Diese Schieflage überspringt Chris Kondeks "The Financial Cocktail Club", der nun im Frankfurter Mousonturm in seine erste Runde ging: "First Instance: Bad Banks". Eine One-Man-Talkshow in der Theaterbar, mit zwei Beamern, einem charmanten Gastgeber und einer diskret perlenden Pianistin.

Kondek kommt dem Finanzmarkt nicht mit Moral, er kommt ihm mit Witz – und mit den Mitteln des Theaters. Lange schon flirtet der Regisseur und Videokünstler mit der Hochfinanz: 2003 zeigte er am selben Ort "Dead Cat Bounce", eine ziemlich unterhaltsame Performance, bei der die Abendkasse via Internet an der Börse investiert wurde – und jeder Zuschauer als potenzieller Mitgewinner heftig mit den Börsenkursen mitfieberte. Nachfolgeprojekte waren beispielsweise Loan Shark (2008) und Money – It came from outer space (2010), alle verbanden klug die Virtualität des Börsengeschäftes mit den Bedingungen des Theaters und loteten die Darstellbarkeit des Abstrakten aus. Und so ist Chris Kondek der richtige Gastgeber für diesen "Cocktail Club". Den haben sich Kondek und Mouson-Hausherr Matthias Pees in einem sommerlichen Gespräch erdacht, weil der gerade frisch ernannte Intendant unbedingt den Frankfurter Geist in sein Theater bringen wollte – so erzählt es zumindest der Künstler.

Mr. Paperclip versus Mr. Do-Whatever-it-takes

Und der erzählt viel in dieser lässig verplauderten Stunde, zwischen Klaviergeklimper und kühlen Drinks, Secondhand-Sofas und zwei an die Stirnseiten des Raumes geworfenen Beamerbildern. Seine Lässigkeit könnte fast verschleiern, dass er entgegen der eigenen Behauptung sehr genau weiß, was er tut: Er bringt uns die Frankfurter Finanzmacht nahe, indem er einen Protagonisten etabliert, Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) mit ihrem frisch erbauten Turm-Ungetüm, in dessen symbolischen Schatten Kondek den Mousonturm stellt.

Draghi, lernen wir, ist zwar unter Deutschen umstritten – weil womöglich zu lax mit der Hand am Geldbeutel –, hat sich aber zum coolen Popstar gemausert: Sein Versprechen, den Euro zu retten, stabilisierte ihn mittelfristig an der Börse: "We will do whatever it takes to save the Euro." Sagte es und tat nichts. Die Börsenkurse schnellten trotzdem hoch, die von Draghi angekündigte Rettung wurde von ihnen vollzogen: eine perfekte Performance. Sein Antagonist ist Jens Weidmann, Spitzname "the talking paperclip", Chef der Deutschen Bundesbank, von den Medien auch "Herr Nein" genannt. Gegen den italienischen Popstar "Mr. Do-Whatever-it-takes" sieht der deutsche Demokrat ziemlich blass aus.

Vom guten Umgang mit Geld

Mithilfe dieser beiden Herren hangelt sich Kondek kurzweilig durch den Dschungel der ergoogelten Daten, Fakten und Youtube-Videos, um der Frage auf die Spur zu kommen: "How to be good with money?" Besteht der gute Umgang mit Geld in deutscher Härte oder in eloquenter Eleganz? Und was hat Draghi gemeint, als er sagte, die Deutschen hätten eine "perverse Angst", dass sich Dinge verschlechtern könnten? Die Perversion ist ein tragfähiger Anker, allein, an diesem Abend ragt er in noch nicht allzu tiefen Grund.

Dafür breitet Kondek ein paar Vorschläge aus, was Geld sein könnte: Ein lediglich symbolischer Besitz, der im Gedächtnis den Besitzer wechselt? Oder eine Leihgabe aus der Zukunft, in der wir die Löcher stopfen müssen, die wir in der Vergangenheit rissen? Ist Geld hart oder weich, lässt es sich biegen oder brechen? Wir sind jedenfalls schon gespannt auf die Fortsetzung dieser Börsen-Soap-Opera mit Lokalkolorit, bei der zu einem Cocktail die Fragen um Finanzen und Fiktionen weiter gedreht und gewendet werden.

 

The Financial Cocktail Club. First Instance: Bad Banks.
von und mit Chris Kondek

Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.mousonturm.de

 

 
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